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Martin Walser präsentiert sein neues Buch.

Martin Walser neuer Roman

Das Leben ist zu kurz für deutsche Weine

Hochphilosophisch oder einfach nur völlig gaga? Als "Dekorateur des Nichts" bezeichnet sich Basil Schlupp, die Hauptfigur des neuen Martin-Walsers-Romans „Das dreizehnte Kapitel“. Der inszeniert mal wieder gekonnt einen Liebhaber jenseits des hormonellen Treibstaus.

Von Sabine Vogel

Jetzt ist der fliehende Gaul mit ihm durchgegangen: Basil Schlupp hat sich verknallt. Bei einem Empfang des Bundespräsidenten im Schloss Bellevue hat sich der berühmte deutsche Schriftsteller in eine große braungebrannte Blondine mit silbernem Lachen verguckt. Die Theologin Maja Schneilin, verheiratet mit dem Nobelpreisträger Korbinian, würdigt ihn jedoch keines Blickes, selbst als Schlupp sich mit dem nörglerischen Trinkspruch, das Leben sei zu kurz für deutsche Weine, bei der Präsidentengattin unmöglich macht.

Also schreibt er der Professorin mit der „spektakulären Nase“ Briefe, die sie zunächst auf eierschalfarbenem Bütten in einer „schönen, schmiegsamen, souveränen Handschrift“ beantwortet. Später, nachdem sich die platonische Affäre schon weit über die „Verrats-Lust“ (am jeweiligen Ehepartner), verschroben theologisch-literarische Diskurse und den Austausch von „Beischlaf-Statistiken“ hinaus gehoben hat, tut’s auch die Message im „Kasten“, gesendet von ihrem Smartphone.

Natürlich ist der berühmte Autor des Romans „Strandhafer“ niemand anders als Martin Walser selbst, der sich hier einmal mehr als Liebhaber jenseits des hormonellen Treibstaus erfindet. Die Angebetete wiederum verkörpert mit ihren theologischen Exkursen zu Karl Barth die Dialogpartnerin von Walsers innerem Monolog zu Barth, dessen Thesen zur „Voraussetzungslosigkeit“ (der Liebe, des Glaubens) ihn spätestens seit seiner Jenseitsnovelle und seinem letzten „Rechtfertigungsbuch“ umtreibt.

Verliebter macht sich zum Narren

Doch wie sich der Verliebte hier bedingungslos zum Narren macht, ist wieder schlicht irre und hinreißend. Wie er sich – „blöd, gell“– haltlos ergibt in „die flammend aufschießende Illusion“, er könne die tägliche Last bei ihr loswerden, wie er in herrlichstem Walser’schem Worterfindungsschwall die „Entblößung-Automatik“, den „Geständnis-Wettbewerb“, die „Gewissens-Maschinerie“ anwirft, wie er sich der „Einbildungsherrschaft“, den „Lob-Fontänen“, „Zustimmungs-Orgien“, unterwirft, wie er sich in „Beschiedenheits-Ironien“ suhlt, die „Wortlosigkeits-Tage“ erträgt, wie er sich „selig geschlagen“ gibt angesichts dieses „Konkretissimums der Gnade“, – das ist so gaga, wie es nur die wahr- und wahnhaft Verliebten erleben.

In dieser fast götzendienstartigen Feier der Irrationalität sind „Gründe für das, was geschah, immer billig“. Der „Nominierte“, der „Vorwurfsfreudige“, der „Ritter des Nichts“, der „Dir ganz und gar Gehörende“, der „von Dir Lebende“, der „Anempfinder“, schließlich der „Gelieferte“, wie er in zunehmender verstiegener Hingeblichkeit unterschreibt, greift nach dem Liebes-Wahnsinn, der seinem reifen Dasein schon auf Nimmerwiedersehen abhandengekommen schien, wie ein Ertrinkender nach dem Strohhalm.

Ebenso absehbar und trivial überfällt ihn natürlich die Verzweiflung, wenn Funkstille eintritt, sie nach zwei Wochen immer noch nicht geantwortet hat, und das absolute Ende der Beziehung so vorfühlbar ist wie ein plötzlicher Todeshauch auf der Seele.

Diese Geschichte eines alternden Amour fou könnte ziemlich abgeschmackt klingen, wenn sie nicht mit dem ziseliert entgrenzten Walser’schen Sprachfuror und seiner unbändig vitalen Lust am „himmlischen und irdischen Buchstabieren der Lage“ durchwirkt wäre.

Und das weiß er, vielleicht sogar zu genau. „Dekorateure des Nichts“ nennt der Schriftsteller Basil Schlupp sich und die bald zur Wahrheitsgöttin Aletheia imaginierte Geliebte. Die Lüge ist ihm nämlich „eher ein linguistisches als ein moralisches Problem“.

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