Heinz Strunk in Frankfurt

Das Leben als Jürgen Dose

  • vonStefan Michalzik
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Heinz Strunk wird im Frankfurter Mousonturm zu Jürgen Dose. Und zündet dafür wieder ein Pointenfeuerwerk.

Es geht um „arme Willis“. Um sexuell „Abgehängte“ sozusagen. Wo sie politisch stehen, wird in „Jürgen“, dem neuen Roman von Heinz Strunk, nicht offenbar. Bei seinem Abend im Frankfurter Mousonturm, der wie immer bei ihm über eine Lesung hinausgeht, spricht Strunk vom „White Trash“, den am unteren Ende der Gesellschaft verorteten weißen Männern in den USA, die zu einem Gutteil die Wählerschaft von Trump ausgemacht haben – so etwas gebe es eben auch hier in Deutschland.

Jürgen Dose, eine seit mehr als zwanzig Jahren immer wieder im literarisch-musikalischen Kosmos von Heinz Strunk auftauchende Kunstfigur, ist inzwischen Mitte vierzig. Er geht einem öden Job als Pförtner in einem riesigen Parkhaus – Kabuff! – nach. Das Häusliche ist geprägt von der pflegebedürftigen Mutter, die er zu sich genommen hat. Mit Frauen ist seit einer Jugendliebe nichts mehr passiert. Auch das eingehende Studium der Ratgeberliteratur zum Kennenlernen hat bislang keine Früchte getragen. Allein beim Lesen des Romans vergeht kaum eine Seite, bei der man nicht laut auflachen würde – und Strunk ist ein so frappierender Vortragskünstler, dass sich der Witz auf der Bühne noch beträchtlich potenziert.

Vor den Augen des Publikums verwandelt der 54-Jährige sich geschwind in Jürgen, sein adrettes Jackett weicht also einer Tracht aus ungestaltem Sweater und Funktionsjoppe mit Perücke und Kappe. Für viel Heiterkeit sorgt die für jede Figur individuell grotesk verstellte Stimme in Färbung des Handlungsorts Hamburg. Dazu ab und an eingestreut einige musikalische Nummern – trashige Synthiesounds, Sprechstimme und Querflöte – aus dem Romansoundtrackalbum „Die gläserne Milf“.

Ernüchternd verläuft das Treffen mit Manuela, über ein Datingportal zustandegekommen; gruselig die Runde beim gemeinsam mit dem Leidenskumpel Bernie besuchten Speeddating. Die in einem heillosen Debakel endende Polenreise mit der Nepperfirma „Europlove“ erzählt Strunk anhand von hochoriginell inszenierten Standfotos zu dem für den Herbst annoncierten Spielfilm „Arme Ritter“ mit Charlie Hübner als offenkundig großartigem Strunk-Partner Bernie.

Einen Rückfall zum Pointenfeuerwerk nach dem literarisch anspruchsvolleren „Goldenen Handschuh“ habe ihm die Kritik angesichts des Romans „Jürgen“ angekreidet, führt Strunk zum Schluss eine Spur pikiert aus. Da sind aber falsche Maßstäbe im Spiel. Die Vergnüglichkeit der Milieukarikaturen dieses Großmeisters der komischen Kunst ist einfach schlagend – und einem Gerhard Polt hätte man ja auch niemals eine mangelnde Literarizität vorgehalten.

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