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Philosophie

Was Leben heißt

  • Dirk Pilz
    VonDirk Pilz
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Die junge Zeitschrift „Orient und Okzident“ befasst sich in ihrer zweiten Ausgabe mit der Seele.

Das ist noch immer eine gute Idee: Im vergangenen Jahr wurde von den beiden jungen Erlanger Philosophinnen Dagmar Kiesel und Cleophea Ferrari eine philosophische Zeitschrift erfunden, die sich den „vielfältig vernetzten Beziehungen“ zwischen Orient und Okzident widmet. Im Zentrum stehen, anders als sonst üblich, ausgesprochen philosophische Fragen – man will die „wechselseitigen Inspirationen“ erkunden, nicht allein kulturwissenschaftlich Lebens- und Denkräume vergleichen. Denn Orient und Okzident, arabisches und westliches Denken sind sich näher als die hitzigen, tagespolitischen Debatten derzeit nahezulegen scheinen. Oder: Der Islam gehört historisch und geistesgeschichtlich genauso zu Europa wie umgekehrt das Christentum und Judentum zum Orient gehören.

Dem ersten Band dieser anspruchsvollen Zeitschrift gelang es hervorragend, diese Wechselwirkungen aufzuzeigen. Er befasste sich mit Vorstellungen von der Tugend, brachte Aufsätze zum spätantiken Judentum, zum Koran, zu Tugendkonzeptionen in der Gegenwart – und entwarf das Panorama einer offenen, unabgeschlossenen Debatte.

Jetzt ist die zweite Nummer erschienen, auch sie befasst sich mit einem derzeit vielfach umstrittenen Konzept: dem der Seele. Diesmal aber ergibt die Zusammenstellung der Texte kein Gesamtbild. Dass der Münchner Philosoph Christof Rapp in einem spröden, aber gründlichen Beitrag Aristoteles‘ Seelenverständnis diskutiert, ergibt sich noch aus der Sache selbst: Es war dessen berühmtes Buch „Über die Seele“, das im Orient wie im Okzident nahezu die gesamte Diskussion über Seele, Leib und ihren Zusammenhang dominiert hat. Rapp weist auch darauf hin, dass gegenwärtig wieder verstärkt auf Aristoteles zurückgegriffen wird und die derzeit so prominente Idee eines „Direkten Realismus“ aristotelische Ursprünge hat: die Vorstellung, dass der Intellekt mit den gedachten oder erkannten Objekten identisch wird und nicht diese repräsentiert.

Das hat weitreichende Folgen, bis hin zu den Grundfesten einer repräsentativen Demokratie. Leider ist Rapp die gegenwärtige Debatte nur einen einzigen Satz wert, er hat vor allem das Feld der hochspezialisierten Aristoteles-Forschung im Blick. Dabei scheint die heutige Aristoteles-Rezeption gerade auch mit Blick auf die Seele aufschlussreich, bei ethischen Fragen der Genmedizin etwa. Es ist kein Zufall, dass erst kürzlich eine hervorragende Neuübersetzung der Aristoteles-Schrift erschienen ist (Meiner Verlag); die dortige Einleitung von Klaus Corcilius ist übrigens weitaus plastischer und für Nicht-Fachmenschen durchaus geeignet.

Auch sonst zielen die in dieser Nummer versammelten Aufsätze eher auf Fachkollegen. Warum sich hier ein Text Thomas von Aquin widmet und keiner sich Augustinus, warum ein anderer sich dem arabischen Großphilosophen Avicenna, aber keiner Averroës, erschließt sich leider nicht.

Und dass zwar Nietzsche vorkommt, aber die Fragen des 21. Jahrhunderts nahezu vollständig ausgeblendet werden, bleibt letztlich rätselhaft. Hoffen wir auf die kommenden Nummer dieser Zeitschrift.

Dagmar Kiesel / Cleophea Ferrari (Hg.): Seele. Orient und Okzident, Bd. 2., Vittorio Klostermann Verlag, Frankfurt a. M. 2017. 198 S., 22,80 Euro.

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