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Das Leben ist ganz banal

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Bergen ist überall, wenn es nach den Lesern von Karl Ove Knausgard geht.
Bergen ist überall, wenn es nach den Lesern von Karl Ove Knausgard geht. © © epd-bild / Christian Handl

Erfolgsautor Karl Ove Knausgårds erstaunliches Werk „Träumen“, der fünfte Band seiner Erinnerungen, erzählt manisch und detailverliebt vom Schriftsteller selbst als einem erfolglosen jungen Mann.

Von Christian Bos

Sich zu erinnern. An einen Satz, den jemand vor Jahren mitternachts in einer Kneipe flüsterte. An die Scham, die man empfand, als einen das umworbene Mädchen bei einer Lüge ertappte. An den Geruch, der einen umschloss, als man die Klinik betrat, in der man in jenem Sommer Arbeit fand.

Sich wirklich an all das zu erinnern. Als gehörte man zu der verschwindend geringen Minderheit von Menschen, die einen googlemäßigen Zugriff aufs eigene Leben besitzt, ein fotografisches Gedächtnis. Wie Nabokov sagen zu können, „Erinnerung, sprich“ und die Erinnerung antwortet, verrät jede kleine Einzelheit.

Das ist die große, schöne Lüge im Herzen von Karl Ove Knausgårds sechsbändigem Mammutwerk, das im norwegischen Original mit grimmiger Selbstverachtung „Min Kamp“ (Deutsch also „Mein Kampf“) heißt. In dem der Autor die Literatur links liegen lässt. Stattdessen sein Leben erzählt – manisch, detailverliebt, banal. Und niemanden schont, nicht die bipolare Ehefrau, nicht den alkoholkranken Vater, am allerwenigsten jedoch sich selbst.

In Deutschland brachte Luchterhand die ersten vier Bände unter den unverfänglicheren (vielleicht etwas kitschigen) Titeln „Sterben“, „Lieben“, „Spielen“ und „Leben“ heraus. In Skandinavien ein Sensationserfolg.

Mürrischer Kettenraucher

Anschließend eroberte der mürrische Kettenraucher ausgerechnet die USA. Die örtlichen Granden, von Jeffrey Eugenides bis Jonathan Lethem, hofierten ihn wie einen Rockstar, wie David Bowie in seinen zehn Jahren absoluter Unfehlbarkeit. Knausgårds Erinnerungs-Projekt galt vielen als Elektroschock für eine Literatur, die mehr Wert aufs Handwerk als auf das Streben nach Wahrheit legte. Manche nannten den Norweger einen neuen Proust. Dabei könnte man „Min Kamp“ am besten mit Hilfe eines anderen Franzosen umschreiben: „Ich will der Welt einen Menschen in seiner ganzen Naturwahrheit zeigen, und dieser Mensch werde ich selber sein.“ So eröffnet Rousseau bekanntlich seine „Bekenntnisse“, Knausgård hat dieses Unternehmen nur radikalisiert.

Inzwischen wurde „Min Kamp“ in mehr als 30 Sprachen übersetzt, und längst surft auch Deutschland auf der Knausgård-Welle – und kann sich freuen, der angloamerikanischen Welt stets ein Buch voraus zu sein. Jetzt kann man die Nummer fünf lesen, „Träumen“ heißt die vorletzte Folge des fortgesetzten Scheiterns. Das lange Warten hat man im kalten Entzug und mit dem zum Scheitern verurteilten Vorsatz, einfach Norwegisch zu lernen, ausgehalten.

Paul Berf hat auch den unverwechselbaren Knausgård-Flow einmal mehr ins Deutsche übertragen, und wieder darf man sich selbst in den Fährnissen, Niederlagen und seltenen Triumphen eines anderen verlieren, wieder halluziniert man die eigene, mindestens genauso banale Vergangenheit, erklärt diesen narzisstischen Trinker aus dem hohen Norden zum nachträglichen Doppelgänger.

Er muss sich seiner Leser erwehren

Knausgård, heißt es, muss sich bei öffentlichen Auftritten immer wieder des Redeflusses begeisterter Leser erwehren, die ihr Leben im Gegenzug vor ihm offenlegen wollen. Es ist schon eine seltsame Art von Übertragung, die hier stattfindet. Schließlich berichtet der Autor von seinen ganz spezifischen Erfahrungen, aus seiner ganz spezifischen Sicht.

In „Träumen“ etwa von den 14 Jahren, die er in der Hafenstadt Bergen verbracht hat, zuerst als junges Genie an eine neue Akademie für Schreibkunst berufen, dort gescheitert, später als Literaturstudent, der sich schon beinahe damit abgefunden hat, nur ein Autor zweiter Ordnung zu sein – jemand, der über die schreibt, die wirklich schreiben.

Eine fürchterliche Zeit sei es gewesen: „Ich wusste so wenig, wollte so viel, brachte nichts zustande.“ Was ihm aus jener Zeit im Gedächtnis blieb, stellt er gleich auf der ersten Seite fest, sei erstaunlich wenig. Ein Tagebuch habe er verbrannt. Eine Provokation, bedenkt man, dass knapp 800 Seiten lebhaftester Erinnerungen folgen. Wie kann man eine verlorene Zeit – in der neben den schriftstellerischen Ambitionen auch die erste längere Beziehung und die erste Ehe vom schwarzen Loch des Vollrausches verschlungen werden – denn besser, endgültiger retten, entgegen aller Wahrscheinlichkeit von jenseits des Ereignishorizonts wieder ans Licht ziehen als durch so eine gewaltige Selbstbefragung wie „Träumen“?

Ziemlich am Anfang kauft sich der junge Knausgård James Joyces posthum erschienenes Frühwerk „Stephen der Held“, die erste Fassung seines berühmten „Porträt des Künstlers als junger Mann“. Später kanzelt der um einige Jahre gealterte Knausgård den Erstling als das schlechteste Werk des Autors ab. Vielleicht muss man erst gründlich vergessen, bevor man sich so schonungslos wie Karl Ove Knausgård als junger Mann porträtieren kann.

Karl Ove Knausgård: Träumen. A. d. Norweg. von Paul Berf. Luchterhand, München 2015. 800 Seiten, 24,99 Euro.

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