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Aus dem Leben einer Zwergin

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Die Pfaueninsel ist bei Hettche „wie ein Schiff“, das „in einer vergessenen Bucht vor den Toren der Welt ankerte und abwartete“.
Die Pfaueninsel ist bei Hettche „wie ein Schiff“, das „in einer vergessenen Bucht vor den Toren der Welt ankerte und abwartete“. © imago stock&people

Ungewöhnlich natürlich: In Thomas Hettches „Pfaueninsel“ emanzipiert sich eine originelle Heldin von dem Roman, in dem sie vorkommt.

Fabelhaft von der Seite beginnt Thomas Hettches Roman „Pfaueninsel“. „Die junge Königin“, heißt es im ersten Satz, „stand einen Moment lang einfach da und wartete, dass ihre Augen sich an das Halbdunkel des Waldes gewöhnten.“ Sie sucht einen Spielball und begegnet keinem Frosch, aber einem Wesen, das sie erschreckt. Das Wesen erschreckt sich auch, und der Leser muss noch einen Moment warten, bis Hettche mit den Worten herausrückt.

„Eine Königin, was ist das?“, sinniert er, „wohin bringt uns dieses Wort?“ Und es ist schon klar, dass es das Halbdunkel des Waldes, aber auch des Märchens ist. Acht Wochen später, teilt Hettche mit, ist die Königin tot, diese Figur aus dem Märchen (dann gäbe es aber einen Zusammenhang zu der Begegnung im Halbdunkel und fast behauptet Hettche das ja auch), aber ebenso aus Fleisch und Blut. Luise von Preußen war ihr Name, die Frau von König Friedrich Wilhelm III.. Aber um sie geht es hier gar nicht.

„Ja, ein Zwerg“, heißt es dann, „es muss auch dieses Wort jetzt ausgesprochen werden.“ Und das Wort, vor dem der Zwerg weggerannt ist und den Rest seines Lebens wegrennen wird: „Monster“. Die junge Königin hat es gerufen, als es ihn gesehen hat. Er heißt Christian und ist noch jünger. Aber um ihn geht es hier ebenfalls nur am Rande.

Christian ist der Bruder von Marie, kleinwüchsig auch sie. An sie hat sich der allwissende Souverän von Erzähler, ein sorgfältiger, dabei für Hettches Verhältnisse strikt konventioneller Erzähler, ein paar Seiten lang herangepirscht, um ihr jetzt nur noch selten von der Seite zu weichen. Schade, dass er es überhaupt tut. Marie ist die Heldin eines merkwürdigen Entwicklungsromans, der sich in Hettches Roman „Pfaueninsel“ befindet als dessen spannendster, auch konsistentester Teil.

Sechs Jahre alt ist Marie Strakon (historisch nachgewiesen, liest man im Umschlag), als sie auf die Pfaueninsel gebracht wird, beide Geschwister als besonderes Dekor gedacht für dieses abgeschieden in der Havel gelegene Privatdomizil der preußischen Königsfamilie. Marie weiß nicht, wie und was ihr geschieht. Keiner fragt sie, keiner lässt ihr eine Wahl. Fleißig übt sie, was ihr nun beigebracht wird. Nett zu gehen, tief zu knicksen. Als witzig-würdiges Schlossfräulein ist sie im jungen 19. Jahrhundert – es ist genau so alt wie sie – bereits ein Anachronismus. Auf der Pfaueninsel aber, die „wie ein Schiff“ ist, „das in einer vergessenen Bucht vor den Toren der Welt ankerte und abwartete“, findet sie eine seltsame, ihrem Äußeren, wenn auch nicht ihrem Inneren buchstäblich angemessene Märchenwelt.

Als die Insel zu einer Menagerie umfunktioniert wird, tummeln sich bald viele „Exoten“ hier, wobei Tier und Mensch von den „normalen“ Besuchern nur müßig unterschieden werden. Ein Schwarzer wird versehentlich erschossen. Dem Jäger ist das peinlich, aber er spürt auch das Vergnügen des Jagderfolgs. Während die „Exoten“ versuchen, ein Leben zu führen. Christian macht eine Ausbildung zum Schneider. Der offizielle „Riese“ der Insel legt sich auf den Boden, damit er Maß für einen Anzug nehmen kann, eine hinreißende Gulliver-Szene unter Pragmatikern.

Marie hört vom Bruder das Wort, das die junge Königin ihm acht Wochen vor ihrem Tod im Halbdunkel des Waldes zugerufen hat. Es wird auch sie verfolgen bis zum Schluss, fast ein Jahrhundert hindurch, aber auf der Insel spielt es nur eine Rolle, wenn Neugierige anreisen (bald allerdings sogar mit Dampfschiff). Marie wird zu lesen beginnen und lesend zu einem Menschen werden, der die Welt nicht sehen muss, um sie zu kennen. Sie wird sich in den Gärtnersohn verlieben und wiedergeliebt werden, auch wenn der Mann es nicht aushalten wird, eine Zwergin zu begehren. Interessante, originelle und fürchterliche Dinge werden geschehen, dazu gehören außergewöhnliche Sexualpraktiken, Inzest und ein weiterer haarsträubender ungesühnter Mord.

Es ist gelegentlich irritierend, wie zurückhaltend und fast spröde Hettche davon erzählt. Freunde historischer Romane werden vielleicht an Lion Feuchtwangers „Hässliche Herzogin“ denken, sprachlich opulentes Gegenstück einer Erzählung von einer Frau im als auffallend unattraktiv wahrgenommenen Körper. Hettches Marie, begreift man nach und nach, ist aber das Gegenteil einer Märchenfigur. Sie ist eine unerwartet moderne Vertreterin der nüchternen Seite des 19. Jahrhunderts. Sie sieht lediglich nicht so aus.

„Pfaueninsel“ dreht sich dazu um Konzepte von Natürlichkeit und Kunst und auch unterschiedlicher Künstlichkeit: Künstlichkeit, die Natur imitiert, Künstlichkeit, die Natur parodiert und ad absurdum führt. Fast zu überwältigend perfekt ist die historische Vorlage der Insel dafür, so dass Hettche manchmal ins schiere Berichten gerät, vielleicht auch geraten möchte (und dicht ans gehobene Sachbuch, wenn im versauten Sommer 1816 auch Mary Shelley und ihr berühmter Monsterhersteller erwähnt werden müssen).

Unter dem Landschaftsarchitekten Peter Joseph Lenné beginnt in den zwanziger Jahren eine drastische Verkünstlichung (Verschönerung) der Insel, von Hettche scharf negativ eingeordnet: „Letztlich war Schönheit ihm (dem König) ganz gleichgültig und nur ein probates Mittel, die Fortpflanzungskraft des Vaters, der er seine verhassten Geschwister verdankte, auch hier zum Versiegen zu bringen, indem er Lenné aus dem zwar spielerischen, doch produktiven landwirtschaftlichen Betrieb der Insel einen sterilen Garten machten ließ, der nichts hervorbrachte als eben Schönheit“.

Hettche erzählt von dieser Schönheit, listet Tiere auf, informiert über die Kultivierung der noch raren Hortensie, lässt die Gartenexperten ihre Vorstellungen erläutern, bleibt selbst abwartend kühl. Marie hingegen, die einem zunehmend sympathisch werden muss und wie emanzipiert wirkt vom Handlungskonzept, widersteht frech dieser Sterilität, wird schwanger, bringt ein Kind auf die Welt. Aber niemand hilft ihr (auch Hettche nicht), als der Vater es ihr wegnimmt. Sie begreift, dass alle besonders seltsamen Exemplare auf der Insel einzeln gehalten werden. Keiner soll sich fortpflanzen können.

Eine späte Freundschaft führt die alte Frau zum ersten Mal im Leben nach Berlin. Hier draußen fragt man nicht mehr nach Kunst und Natur, Fabrikschornsteine qualmen, Maschinen rattern. „Die Welt war längst eine andere geworden, längst nicht mehr die ihre, und so gab es für sie auch keinen Weg mehr in ein anderes Leben hinein.“ Das ist ein kurios (und künstlich) abrundendes Element in einem durchaus Fransen nicht meidenden Buch. Einem Buch, das gleichwohl um Konstruktion bemüht ist, Konstruktion erzwingt und durchblicken lässt, wie es einem Roman um eine künstliche Welt wohl ansteht.

Der Leser mag ähnliche Probleme damit haben wie einst ein Pfaueninsel-Besucher, dem die künstliche Natur imponiert und der sich doch von ihr bedrängt fühlt. Und sie mehr durchschaut, als ihm lieb ist.

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