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Das Leben einer Ikone

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Jan. 1, 2011 - BRUCE SPRINGSTEEN AND THE E STREET BAND AT THE PARAMOUNT THEATRE, OAKLAND, CA.1979. PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxONLY - ZUMAg49_

Jan 1 2011 Bruce Springsteen and The e Street Tie AT The Paramount Theatre Oakland Approx 1979 PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxONLY ZUMAg49_
Jan. 1, 2011 - BRUCE SPRINGSTEEN AND THE E STREET BAND AT THE PARAMOUNT THEATRE, OAKLAND, CA.1979. PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxONLY - ZUMAg49_ Jan 1 2011 Bruce Springsteen and The e Street Tie AT The Paramount Theatre Oakland Approx 1979 PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxONLY ZUMAg49_ © imago stock&people (imago stock&people)

Bruce Springsteens großartige Autobiografie „Born to Run“, in der er zum ersten Mal über seine Depressionen spricht, erscheint.

Von Frank Junghänel

Bei einem Konzert 1990 in Los Angeles hat Bruce Springsteen eine Geschichte erzählt, wie er das manchmal macht vor einem Song. Es geht um die nächtlichen Autofahrten durch seine Heimatstadt Freehold, die ihn am Ende immer wieder zum Haus seiner Kindheit geführt hätten. Dann sagt er einen Satz, dessen Gewicht damals wohl kaum jemand spüren konnte: „Ich habe meinen Therapeuten gefragt, was dahinter steckt…“. Im Saal wird gekichert. Ausgerechnet er, der vor Kraft und Männlichkeit zu platzen scheint, auf der Psychocouch. „It’s true“, sagt Springsteen und lacht jetzt selber. Is’ wahr. Es gibt einen Mitschnitt von diesem Auftritt. Das Lied „My Father’s House“, das er im Anschluss an seinen Monolog singt, handelt von eben diesen Geisterfahrten.

Nun ist Bruce Springsteen noch einmal siebenhundert Seiten lang unterwegs durch die Nacht und nach wie vor kreist alles, was ihn beschäftigt, um das Verhältnis zu seinem Vater. Die Autobiografie des Rockmusikers, der mit seinen Songs, seinem Image und seiner Performance über die Jahre nicht allein zu einer amerikanischen Ikone geworden ist, sondern zum Weltkünstler der Mittelschicht, trägt weitgehend therapeutische Züge. Springsteen geht dorthin, woher er kommt, um zu begreifen, wie er wurde, was er ist. Dieses Bild, das er in bestimmten Phasen seines Lebens von sich zeichnet, ist verstörend, auch befremdlich. Gemein, rücksichtslos, hässlich, ignorant, menschenfeindlich, all das sind keine Attribute, die man gemeinhin mit Bruce Springsteen in Verbindung bringen würde.

Aber jeder Mensch hat seine dunklen Seiten, davon singt der Mann seit vierzig Jahren. Nun also erzählt er seine eigene Geschichte, als wäre sie ein Springsteen-Song. Geboren 1949 in Long Branch, New Jersey, an der Ostküste der USA, aufgewachsen in Freehold, einer Kleinstadt, „die Sonderlinge diskreditiert, Seelen seziert, Liebe und Angst kreiert, Herzen lädiert“. Das ist der vertraute Sound, in der Übersetzung ins Deutsche geht vom Rhythmus der Wortkaskaden natürlich einiges verloren.

Sein Vater Douglas hat irische Vorfahren, seine Mutter Adele stammt von italienischen Einwanderern ab. Die Gegend ist von Italienern und Iren geprägt, die gern einander heiraten, sich aber ansonsten auch gern aus dem Wege gehen. „Hier leben wir, im Schatten des Kirchturms, halbwegs verquer in Gottes Gnade.“

Springsteen wächst in jenen sprichwörtlich kleinen Verhältnissen auf, von denen er später in seinen reichlich vierhundert Songs auf die eine oder andere Weise Zeugnis ablegen wird. Sein Vater arbeitet am Fließband bei Ford, seine Mutter ist Sekretärin. In der Schule wird er gemobbt, er ist ein Einzelgänger, „zornig, wuterfüllt, gedemütigt“, er fühlt sich nicht wohl in seiner Haut, hat Pickel im Gesicht und die Mädchen nehmen keine Notiz von ihm. Mit anderen Worten, er ist prädestiniert dazu, ein Rockstar zu werden.

Und ein Muttersöhnchen noch dazu, denn zu Hause und in der katholischen Schule hat er es nur mit Frauen zu tun. Großmutter, Mutter, Schwestern, alle kreisen sie um ihn, den Prinzen. Sein Vater betrachtet ihn als Feind im Haus. So empfindet Springsteen es als Kind. „Er liebte mich, aber er konnte mich nicht ausstehen.“ Bald wird ihm klar, dass sein Vater noch andere Probleme hat. Er ist nicht nur oftmals schweigsam und abwesend, er beginnt, unter Wahnvorstellungen zu leiden. Einmal bricht er weinend am Küchentisch zusammen. Doug Springsteen ist psychisch krank. Wie sich herausstellt, leidet er unter einer bipolaren Störung, die in seinem Familienzweig ausgeprägt ist.

Die Liebe zum Vater und die Angst, ihm ähnlich zu sein, prägen Springsteens Leben. Er ist „Born to Run“, zum Wegrennen geboren. Er flüchtet in die Musik, bringt sich das Gitarrespielen bei, gründet Bands, löst sie wieder auf. Alle Aspekte seiner musikalischen Sozialisation werden in dem Buch ausführlich beschrieben, jedes Album kommt zu seinem Recht, jeder Mitmusiker, jede Tournee findet Erwähnung. Springsteen vergisst nichts und niemanden. Dabei verbindet sich bei ihm das Enzyklopädische stets mit dem Persönlichen, so dass einem selbst dann nicht langweilig wird, wenn man die Fakten kennt.

In den besten Passagen seines Buches – und davon gibt es viele – findet Springsteen eine poetische Sprache für die Bedrückung, der er sich bis heute ausgesetzt sieht. Bei einer Autofahrt quer durchs Land, nach den Aufnahmen zur LP „Nebraska“ 1981, wird ihm klar, dass er an Depressionen leidet. „Aus dem Nichts heraus überfällt mich die blanke Verzweiflung.“ Jenseits der Wut, die er wie sein Vater in sich trägt, würde er gern „Sanftmut, Zaghaftigkeit, Scheu und Unsicherheit“ fühlen, aber da ist nichts. Nicht mal mehr Wut.

Diese „andere Sache“, wie er es nennt, hat sich in seine Seele gefressen. Er nimmt Medikamente, spricht mit seinem Therapeuten, an manchen Tagen treibt er wie ein Irrer Sport, an anderen kommt er nicht aus dem Bett. Er lernt, damit zu leben, aber die Angst vor der Leere bleibt.

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