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Das Leben ist eine Karawanserei

Stigma und Bereicherung: Junge Türkendeutsche der "Brückengeneration" erzählen vom Dasein in zwei Kulturen

Von ALEXANDER JÜRGS

Fikriye Selen Okatan war eine der ersten Frauen in Deutschland, die eine Boxlizenz erhielt. Der Deutsche Amateurboxverband nahm sie im Jahr 1995 auf. Schnell wurde sie durch Zeitungsberichte und Fernsehauftritte berühmt - zunächst in der Türkei, dann auch in Deutschland. Sie wurde zu "Wetten, dass??" und in "Das Aktuelle Sportstudio" eingeladen. Die Sache hatte nur einen Haken: "Immer war ich Botschafterin für das Frauenboxen und Türkin in Deutschland zugleich. Selten wurde der Sport separat von meiner Herkunft betrachtet", erinnert sich Okatan.

Die türkische Herkunft der Autoren ist der rote Faden der großteils autobiografischen Texte in Was lebst Du? Jung, deutsch, türkisch. Geschichten aus Almanya, einem von den Journalisten Birand Bingül und Aysegül Acevit herausgegebenen Sammelband. "Wir sind unter anderem türkisch", definieren die Herausgeber in ihrem Vorwort die Identität der Autoren - unter ihnen viele Schauspieler, Journalisten und Musiker -, für die es mindestens eine Hand voll konkurrierender Namen und Zuschreibungen gibt: Deutschländer, türkischstämmige Deutsche, deutsche Türken etc. "Überhaupt passen wir in keine Playmobil-Uniform", behaupten Acevit und Bingül dagegen selbstbewusst.

Die Herkunft ist für die Autoren aus der "Brückengeneration", deren Eltern nach Deutschland immigrierten, Bereicherung und Stigma zugleich. Dem Mehr an Lebenswelt steht noch immer ein Gefühl des Ausgegrenztseins gegenüber. Wer zwischen zwei Kulturen pendeln darf, wird in einem Land, das sich seit Jahren weigert und fürchtet, Einwanderungsland zu sein, auch heute noch gefragt, wann er denn endlich wieder zurück in die Heimat geht.

Nicht Ghetto, sondern Oase

"Knoblauch und Kopftuch, Kümmel und Koran" fasst der Klappentext ein noch immer vorherrschendes, stereotypes Bild zusammen - und man muss befürchteten, dass viele Vorurteile, von denen die Herausgeber hoffen, dass sie "so langsam" nicht mehr gelten, sehr wohl noch, beziehungsweise gerade wieder in vielen Köpfen spuken. Die Angst vor dem islamistischen Terror, die neokonservativen Reden vom "Kampf der Kulturen" oder das öffentliche Zu-Grabe-Tragen des Multikulturalismus nach dem Attentat auf Theo van Gogh in Amsterdam haben den Blick auf die Vielfalt türkischstämmigen Lebens in Deutschland und Europa stark eingeschränkt. Im Tunnelblick erscheinen heute vor allem religiöser Fanatismus, verschleierte Frauen, Ghettos und Parallelgesellschaften.

Was lebst Du? erzählt von einem anderen türkisch geprägten Leben. Murad Bayraktar etwa beschreibt die Kölner Weidengasse, "eines von vielen Little Istanbuls in Deutschland", nicht als Ghetto, sondern als "Oase" und "Mischung aus kölscher und türkischer Lebensart", in der sich der Bierduft aus der Kölsch-Brauerei mit dem von frischem Fladenbrot vermischt. Orte wie die Weidengasse, Kreuzberg oder Altona sind in Bayraktars Augen nicht Türkei, nicht Deutschland, sondern echte Schmelztiegel.

Die Vielfältigkeit von deutschtürkischen Lebensentwürfen zu zeigen, ist das große Anliegen und Verdienst des Buchs: Die Berliner DJane Ipek Ipekçioglu berichtet von ihrem Coming out als Lesbe und der Verwunderung, mit wie viel Selbstverständnis ihr türkischer Großvater diesen Schritt begleitet, die einstige Medizinstudentin Selma Ergeç aus Münster schildert ihre Modelkarriere in Istanbul und Erci Ergün, Musiker aus Berlin, erzählt noch einmal die außergewöhnliche Geschichte der Band Cartel, deren Mischung aus Rap und orientalischer Musik in der Türkei "eine völlig unerwartete Massenhysterie" auslöste (allerdings ohne dabei auf das Dilemma einzugehen, von nationalistischen türkischen Parteiverbänden vereinnahmt zu werden) und träumt von einem Comeback der HipHop-Gruppe.

Beeindruckend sind die Texte, in denen die Autoren den Schwierigkeiten, die sie selbst mit Formen der türkischen Kultur haben, nachspüren. Der Grünen-Politiker Cem Özdemir erzählt die Geschichte von dem Mädchen Gül, das die besten Noten der Klasse schrieb und, anders als Özdemir, eine Empfehlung fürs Gymnasium erhielt. Ihre Eltern schickten die talentierte Gül trotzdem nur in die Hauptschule, da sie sowieso so schnell wie möglich in die Türkei zurückkehren wollten. Birand Bingül flucht in einer der amüsantesten Geschichten des Bands über den Machismus der sonnengebräunten "Strandliegenmänner", die an den Touristenstränden der Türkei Liegen vermieten und aufs Plumpste Frauen anmachen (die "Eins-von-zehn-Methode") - und Bingül trotzdem jedes Mal wieder übers Ohr hauen. Die Stärke dieser Episoden ist, dass sie, ironisch oder engagiert, die Brüche einer Kultur zeigen, mit der sich die Schreiber gleichzeitig identifizieren.

Keine Lust auf Schublade

Natürlich ist es berechtigt, den Sinn einer solchen Anthologie zu hinterfragen: Muss man den "Multikultifaschos", wie der Kölner Schriftsteller Selim Özdogan sie in seinem Beitrag nennt, wirklich neues Futter geben? Öffnet man mit einem solchen Band nicht nur eine neue Ethno-Schublade? "Ich habe keine Lust mehr, der Türke zu sein, und ich habe auch keine Lust, eine Bereicherung für die deutsche Kultur zu sein", schreibt Özdogan trotzig. Einerseits hat er Recht, einige der Beiträge befriedigen die Bedürfnisse von Lesern nach volkskundlichem Kitsch sicher allzu deutlich (die Tratschweiber, die ausufernden Essenseinladungen mit Baklava und Tee).

Eine andere Möglichkeit wäre, die Beiträge des Bands einfach als poetische, aufregende, bezaubernde, verwirrende Geschichten zu nehmen. Wenn etwa Kerim Pamuk von dem Chaoten Memo erzählt, der sich für eine weiße Vespa von Biaggi als Simit-Verkäufer oder Schweißergehilfe verdingt und immer nur neues Unheil statt Mammon erntet, dann ist das vor allem eine großartige, urkomische Geschichte - ohne dass die Herkunft ihres Autors eine Rolle spielt.

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