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Der französische Schriftsteller Patrick Deville.

Patrick Deville "Viva"

Das Leben ein Abenteuerroman

Mexiko 1937: Patrick Deville erzählt in seinem neuen grandiosen Buch "Viva" von schier unglaublichen Zufällen.

Von Sabine Vogel

Wie viel wir nicht wissen. Wie Sandino zum Beispiel in einer Hafenbar von Tampico den Anarcho-Agitator Ret Marut und späteren Autor B. Traven traf. Wie Traven und der boxende Schriftsteller Arthur Cravan auf der Überfahrt von Spanien nach Amerika 1916 über ihren Bekannten Blaise Cendrars plaudern.

Wie drei Jahre nach Sandinos Ermordung in Managua der weißhaarige ukrainische Jude Lew Dawidowitsch Bronstein, der sich längst Leo Trotzki nennt, mit seiner Frau Natalia in jenem mexikanischen Hafen von der schönen jungen Frida Kahlo empfangen wird, wie Trotzki sich auf der Zugfahrt zu seiner „letzten Adresse“ seiner vielen Fluchten erinnert, der Rentierschlitten in Lappland, der rotbesternten Lokomotiven der Revolution, an deren Fenster die Schneelandschaften Tolstois vorbeiziehen.

Wie zur selben Zeit, immer noch 1937, ein von seinem kapitalistischen Vater ausgehaltener Nichtsnutz in einer kanadischen Hütte seinen Roman zum x-ten Mal umschreibt, seiner Geliebten mit den roten Pumps nach New York folgt, endlich in Mexiko strandet, wo sein Meisterwerk „Unter dem Vulkan“ im Mezcalrausch den letzten Kick bekommt.

All das wollen wir aber auch nur wissen, weil einer wie der grandiose Patrick Deville es uns so erzählt, als sei das ganze Leben ein Abenteuerroman aus schier unglaublichen Zufällen. Der obsessive Rechercheur Deville ist verliebt in Fakten und geistige und globale Querbezüge. Virtuos montiert er biografische und historische Ereignisse, reichert sie an mit Zitaten und literarischen Erfindungen, schmückt das Mosaik aus Anekdoten und Atmosphäre, mit Details, auf dass man mit Trotzki das Rauchen aufgibt und mit Lowry betrunken zusammensackt.

Das ist Welterfahrung

Die beiden sind Chiffren für den, der in der Geschichte handelt, und den, der nicht. Und wie eine Coda im brausenden Erzählstrom steht das Ich des Autors mal am Fenster eines Plattenbauhotelzimmers am Ende der Welt, rattert mit der Transsib bis nach Kasan, spaziert durch Orte, „an denen es nichts zu tun und nichts zu sehen gibt, außer sich auf die Geschichte zu konzentrieren und sich zu versichern, dass man dort ist“. So geht Welterfahrung.

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