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Leanne Shapton, von der man glaubt, sie auch im Buch wiederzusehen.
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Leanne Shapton, von der man glaubt, sie auch im Buch wiederzusehen.

Geistergeschichten

Bis man selbst Gespenster sieht

  • Judith von Sternburg
    vonJudith von Sternburg
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Unter Geistern: Leanne Shaptons „Gästebuch“ spielt Spiele ohne böse Absicht – es sind die schönsten, die man mit Fake News heute noch wagen kann.

Es gibt Verabredungen, die auch Jahrhunderte und zahllose Geschichten später immer noch mit den einfachsten Mitteln zu durchkreuzen sind. Kein Mensch glaubt, Literatur erzähle eins zu eins die Realität nach, aber dann streut eine Autorin ein paar Bilder ein und man wird mehr als einmal im Netz nachschauen (und dem Netz im Anschluss misstrauen!), ob es wirklich keinen Tennisspieler gab, der Billy Byron hieß – oder so ähnlich? –, einen Gesellschaftslöwen namens Edward Mintz – das kommt einem dermaßen bekannt vor – oder wenigsten die italienische Schauspielerin Giulia Signorelli, die inzwischen eine ältere Dame sein müsste.

Wobei Signora Signorelli so spät im Band auftritt – in Kleidern von Sirena, einer äußerst denkbaren Firma, die außerhalb dieses Buches jedoch nicht zu finden ist –, dass der Blick in die Suchmaschine bereits nur noch der Form halber vollzogen wird. Eher ist es jetzt so, dass eine gewisse Ähnlichkeit zwischen jener wohl in den Sechzigern in einem Theatergebäude (?) aufgenommenen Frau und der 1974 in Toronto geborenen Leanne Shapton ins Auge fällt.

Bereitwillig wird man sich also beim Lesen und Betrachten von Shaptons „Gästebuch“ narren lassen, das ist ein großer, unheimlicher Spaß und gehört in die Tradition der Gespenstergeschichte, bei der ein wahrer Kern im Ausgeschmückten und im Mummenschanz immer ein verheißungsvolles oder grausiges Versprechen darstellt. Die kanadische Künstlerin und Autorin macht dabei keinen Hehl daraus, dass sie uns an der Nase herumführt. Gleich zu Beginn dokumentiert sie, wie selbst ihr Nachname aus den Anfangsbuchstaben von anderen Personen – kurzum: Gespenstern – zusammengesetzt ist. Dass ein paar Buchstaben fehlen, H und A, macht es umso glaubwürdiger, bis einem wieder einfällt, dass das aller völliger Unsinn ist.

In der jüngeren Kunst, namentlich der Fotografie, ist es ein vertrautes Vorgehen, das Irreale zu „dokumentieren“ und ihm damit den Anstrich von Möglichkeit zu geben (jenen Anstrich, der zweifellos immer da ist, jede von uns könnte auch eine andere sein, alles könnte anders ein). In der Literatur gehört es zur erwähnten Verabredung, an solche Behauptungen nicht zu glauben und trotzdem Freude an ihnen zu haben. Shaptons „Gästebuch“ bewegt sich souverän und unverlegen zwischen den Gattungen – das Dazwischen: ein Ort für Geisterkontakte aller Art (bekanntlich hängen gegenwärtig nur Leichtsinnspinsel Wäsche auf). Aus der keimenden Verunsicherung und zugleich Lust schlägt die Autorin feinste Funken. Sie macht es ihrem müßig beunruhigten und neugierigen Publikum dabei leichter als sich selbst: Der Band hat etwas Unermüdliches.

Das Buch

Leanne Shapton: Gästebuch. Gespenstergeschichten. A. d. Engl. v. Sophie Zeitz. Suhrkamp, Berlin 2020. 319 S., 24 Euro.

Gespenstergeschichten: Die Fotoreportage über den Tennisspieler Billy Byron erzählt journalistisch offenherzig, dass der junge Profi nach eigenem Bekunden von einem gewissen Walter unterstützt wird, offenkundig einem für andere nicht sichtbaren Geist, der erst aktiv wird, wenn Byron sich zuvor in eine übermenschliche Erschöpfung gespielt hat. Das Publikum liebt es, Byron beim Kollabieren zuzuschauen, wohingegen Shaptons Gespenster nicht zu Grausamkeiten neigen.

Edward Mintz, der am Freitag, 2. November 2018, im großen Stil unterwegs gewesen sein muss, taucht nicht nur auf ein paar, sondern auf dutzenden Gesellschaftsfotos auf. Seite um Seite steigert Shapton die Erkenntnis ins Groteske, dass das einfach nicht möglich sein kann, Mr Mintz entsprechend ebenfalls ein Geist ist. Auch hier scheint sich gelegentlich die Autorin unter den teils aufgekratzten Gästen zu zeigen, aber vermutlich sieht man inzwischen Gespenster.

Dann wieder klassische Geisterhäuser – jeder erkennt sie, keiner kann sich im Einzelnen erklären, woran, und Shapton denkt nicht daran, Erklärungen abzugeben. Manchmal lässt sie uns ganz alleine mit den finsteren Schwarzweißaufnahmen von Treppen, kargen Zimmern, ausgesucht uninteressanten Interieurs. Manchmal gibt es dazu kleine, aber schaurige Andeutungen: „Das Baby.“ „Der Fußraum des Buick.“

Dann wieder ganz andere Ideen. In etlichen Aufnahmen angeblich (vermeintlich) der Eisberg, den die Titanic rammte, ein Bild des Schreckens, das selbst aussagelos ist. Oder im Gegenteil besonders komplizierte Konstruktionen. Während man darüber liest, wie Haie (angeblich, vermeintlich) noch weiter fressen, wenn sie bereits tot sind (zitiert Shapton etwa aus der „New York Tribune“, 12. Dezember 1897), laufen auf der anderen Hälfte der Seiten Menüvorschläge für eine (Schiffs-?)Reise über Silvester mit. Was sagt das über die Menschen an Bord, die Todgeweihten, die Toten, die es – womöglich dumm wie ein Hai – noch nicht mitbekommen haben? Es ist ein Kunststück für sich, dass Shaptons keckes Präsentieren von Leerstellen, die die Fantasie unweigerlich auffüllen wird, weder fade noch penetrant wird.

Durch- und Untertriebenheit scheint stattdessen die Devise zu sein, selbst die aufwendige Gestaltung mit all den Fotoseiten und mysteriösen Aquarellen der Malerin Shapton drängt sich nicht auf. Und obwohl es um Geister geht, sind es Geister ganz von dieser Welt. Darum glaubt man ihr und ihnen immer wieder. Vor allem den Fotografien glaubt man, es ist eine Schande, es ist ein Spiel, das letzte und schönste Spiel, das man mit Fake News noch spielen kann: zärtlich, unverblümt, aber ohne böse Absicht, überhaupt hinreißend absichtslos. Shapton manipuliert nur zum Spaß, sie erzählt bloß ein paar Gespenstergeschichten, das, was Menschen seit jeher gerne tun und hören. In Träumen wird es einen später heimsuchen, das ist unangenehm, gehört aber dazu.

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