Roman

„Lavinia“ von Dagmar Leupold: Wütende Frau in freiem Fall

  • vonMarlies Müller
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Dagmar Leupolds böser Roman „Lavinia“.

Der neue Roman von Dagmar Leupold ist eine radikale Geschmacklosigkeit in Form und Inhalt. Das ist unangenehm und fesselnd und dem unmöglichen Vorgang, den er schildert, irgendwie angemessen. Sofern es sich beurteilen lässt. Lässt es sich nicht.

Dagmar Leupold: Lavinia. Roman. Jung und Jung. 208 S., 21 Euro.

Kalauernd, räsonierend, bramarbasierend und zuweilen melancholisch fällt eine Frau in 25 Kapiteln an den 25 Stockwerken eines New Yorker Hochhauses vorbei. Das ist die Titelheldin Lavinia, die sich das Leben nimmt, das sie im Sturz noch bedenkt, demontiert, eliminiert. Lavinia wie die Frau des Trojaners Aeneas, die im Epos des mittelalterlichen Dichters Heinrich von Veldeke weit mehr zu Wort kommt als bei Vergil. Das wird Lavinia (Loveinia, kann man in Amerika auch zu ihr sagen) bewusst sein, einer Akademikerin, die nicht nur mittelhochdeutsche Zitate zur Hand hat – sondern überhaupt das sprachliche Rüstzeug zu einer zynischen Tirade. Sprache im absichtsvoll freien Fall wie die Protagonistin. Wenn es dabei ein Problem gibt, liegt es darin, dass Lavinia sogar zu sehr aufgerüstet ist. Alles will sie zermahlen, und sie weiß, wie das geht, penetrant zu sein.

Der freie Fall selbst ist natürlich eine furchtbare Behauptung, ein Kunstprodukt, aber am Ende doch tödlich. Während sie unterwegs ist – „verti-radi-kal“ statt horizontal –, denkt Lavinia an ihre Kindheit zurück, unter vertriebenen Ostpreußen und mit dem Omale, an den Muff der fünfziger Jahre und die Freundschaft mit zwei Holocaust-Überlebenden – wie Omale ein echter froher Haltepunkt –, an die Aufbruchstimmung in den Sechzigern. Aufbruch, auch ein brutales Wort, in das sich die stürzende Lavinia verhakt. Dann das Studium in Marburg und Tübingen – wie Lavinia in manchem an Leupold erinnert. Diese Rückblenden sind in ihrer nostalgiefreien Intensität die stärkste Seite des Romans.

Lavinia muss jedoch weiter, der Sturz ist unaufhaltbar, aber beim durchaus atemlosen Lesen wird einem womöglich klar, dass man nicht wirklich versteht, warum das so kommen musste. Eine Wut, ein Rachedurst wendet sich schließlich gegen Männer, Sprache ist ein scharfes Instrument. „Männer von Welt! Männer fürs Grobe! Feingeister! Vorgesetzte, Untersetzte, Langatmige und Kurzweilige! Ich schreibe euch auf ... Ihr Betatscher, ihr Zurauner, ihr Übergreifer. Ich suche euch heim.“ So tut sie es dann in diesem unerwarteten, aber nicht vom Himmel gefallenen Dreh.

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