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  • VonChristoph Schröder
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Bodo Hell tourt ab heute

Eine Prozession am so genannten Dreinagelfreitag, dem zweiten Freitag nach Ostern. Vom Magdalens - über den Ulrichs- und Veits- bis zum Lorenziberg. Eine knapp 50 Kilometer lange Strecke, die innerhalb von 17 Stunden bewältigt werden muss. Auf dem Weg werden Gebete gesprochen, Messen abgehalten, Kreuze getragen; die am Wegrand sitzenden Kinder bekommen Süßigkeiten. Ein 1578 erstmals beschriebenes Kärntner Ritual. Der Volksmund sagt, die Welt werde untergehen, wenn der "Vierberge-Lauf" verschwinde. Ein geradezu idealer Stoff für Bodo Hell - verbinden sich doch hier Brauchtum und Landschaft, Mythos und Gegenwart zu einem kurzzeitigen Ausnahmezustand, der sprachlich fassbar ist und doch auch wieder nicht; es bleibt ein archaischer Rest, der nicht mit Nike-, Puma- oder Adidas-Turnschuhen zu bezwingen ist, nicht mit der Kilometerüberbrückung im Postbus, nicht mit den Sprechfunkgeräten der Streckenposten zu kontrollieren, "wer vor dem vierten Berg aufgibt, muss das fehlende Stück in der Ewigkeit nachholen, (...) der Tranceläufer achtet nicht darauf, was um ihn herum vorgeht".

Der 1943 in Salzburg geborene Schriftsteller Bodo Hell ist, nach Ulrike Draesner, der zweite Träger des mit 8 000 Euro dotierten Preises der Literaturhäuser, der, so die Ausschreibung, "für das gelungene Zusammenspiel von Textqualität, Vortragsart, Ausführungen zum Text und Dramaturgie der Lesung" vergeben wird. Über den Sommer lebt Hell als Senner auf einer steirischen Alm, ein Landschaftserkunder und Sprachschürfer, ein Prosaist, der nichts erzählt, was nacherzählbar wäre, ein sperriger Autor, dessen Texte sich gegen den Leser wehren (und er sich zunächst gegen sie). In einer Rede, die Bodo Hell 1991 anlässlich der Verleihung des Erich-Fried-Preises hielt, und die durchaus als Poetologie verstanden werden kann, bemängelte er "Glätte, Konventionalität und das leichte Hinweggleiten über die sprachlichen Möglichkeiten, etwas, was gemeinhin flüssiger Stil heißt und als solcher geschätzt wird".

Stattdessen findet sich in Hells Prosa ein Steinbruch an Material, Beobachtungen, Signalen, Begegnungen, Wahrnehmungen, die nach Klang und Rhythmus, unter vollkommener Freiheit der Assoziationen und Perspektiven angeordnet werden. Ernst Jandl hielt 1991 nicht umsonst die Laudatio auf den Preisträger Hell; mit dem Nouveau Roman (Nathalie Sarrautes Werk gilt Hell als eines der "schönsten Beispiele für die Versprachlichung des Vorsprachlichen") verbindet ihn die radikale Aufsprengung jeglicher Chronologie und Linearität zugunsten der Erzeugung einer Form, die letztendlich genuin literarisch und ausschließlich ästhetisch gefasst ist.

Tracht:Pflicht heißt die neueste Veröffentlichung Hells, ein Buch mit "Lese- und Sprechtexten", in dem der Autor konsequent weiter arbeitet an der Erkundung der "Morphologie des Geländes" (ein Zitat aus dem Band 666, der auch die Erzählung "Vierbergelauf" enthält), an der Suche nach den "wirklichen Möglichkeiten der Wörter und ihrer Kombinationen". Auch dieses Textbuch der Textbrüche kultiviert das spielerische Sprechen, reiht Fundstücke aneinander und synthetisiert die Floskeln des alltäglichen Sprachgebrauchs so lange und so konsequent zu einer offenen Form, bis das Hell'sche Konzept von Literatur aufgeht - "das notwendige Fehlen von Klartext".

Bodo Hells Werke erscheinen im Literaturverlag Droschl, Graz. Zurzeit ist er auf Lesereise durch die deutschsprachigen Literaturhäuser. Die nächsten Termine: heute abend Frankfurt, 14.5. Stuttgart, 15.5. Basel, 22.5. München, 23.5. Salzburg und 27.5. Berlin, Beginn jeweils 20 Uhr.

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