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Viel Betrieb auf der Leipziger Buchmesse.

Buchmesse in Leipzig

Lauer Abend, lebendige Stadt

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Die zahlreichen Veranstaltungen machen die Leipziger Buchmesse zu einem auch urbanen Ereignis.

Luigi Mattiolo ist zum ersten Mal in Leipzig und sehr beeindruckt. Ende vergangenen Jahres trat er den Posten als Botschafter Italiens in Deutschland an. Am Freitagabend kommt er über eine Treppe aus Gitterrost-Stufen in einem Raum mit unverputzen Ziegelwänden. Hier, im vor knapp drei Jahren in einem ehemaligen Industriebau eröffneten Kunstkraftwerk, ist Francesca Melandri zu Gast. Die Journalistin und Autorin Maike Albath befragt sie, zwischen Italienisch und Deutsch wechselnd, zu ihrer „Trilogie der Väter“, in einem dichten, immer tiefer schürfenden Gespräch.

Dass Melandri hierzulande jetzt mehr Bücher verkauft als in ihrer Heimat, erzählt etwas über den eigenwilligen deutschen Buchmarkt. Die ersten beiden Romane „Eva schläft“ und „Über Meereshöhe“ waren bereits 2011 und 2012 übersetzt erschienen. Obwohl ein Verlag des Random-House-Konzerns, also mit ordentlichem Etat ausgestattet, sie herausbrachte, fanden sie wenig Beachtung. Die Autorin selbst wollte mit ihrem Buch „Alle außer mir“ wechseln und kam zum unabhängigen Berliner Verlag Klaus Wagenbach. Und dann passierte es, dass dieser Familienroman, der so gut in unsere Gegenwart passt, landauf, landab besprochen wurde, zehn Wochen auf der Spiegel-Bestsellerliste stand und die unabhängigen Buchhandlungen ihn zum Lieblingsbuch des Jahres 2018 wählten. Am Messefreitag lockt er so viel Menschen nach Leipzig-Plagwitz, dass mehrere dem anderthalbstündigen Gespräch nur im Stehen folgen können.

Ein Stückchen weiter Richtung Osten zu Fuß kommt man am Kaiserbad vorbei. Das Restaurant, eingerichtet in einer früheren Eisengießerei, ist gegen 21 Uhr noch so gut besucht, dass sich kein freier Platz findet, im Saal dahinter duftet zwar ein Büfett, doch das wird erst freigegeben, wenn der Lesereigen zu „300 Jahre Liechtenstein“ abgeschlossen ist. Einer der Veranstalter ist das europäische Netzwerk für Literatur und Bücher Traduki.

Große Sorgen bereitet die Insolvenz eines Grossisten

Fünf Minuten weiter auf der Karl-Heine-Straße, die an diesem lauen Abend noch sehr belebt ist, gibt es in der Schaubühne Lindenfels tschechisches Bier und spanische Tapas. Im alten Theatersaal läuft „Eine böhmische Nacht“ mit Büchern, Filmen und Musik, etwa mit Jaroslav Rudis und der Lyrikerin Zuzana Lazarová und ihrer „Mumie auf Reisen“.

So ist man also noch am Abend überwältigt vom Angebot des „Leipzig liest“-Programms. Anfang der 90er-Jahre hatte es die Stadt mit Unterstützung des Club Bertelsmann entwickelt. Durch die Vereinigung stand diese zweite Buchmesse in Deutschland neben der wirtschaftlich starken in Frankfurt damals in Frage und sollte attraktiver gemacht werden. Heute gibt es den Bertelsmann-Buchclub nicht mehr, aber „Leipzig liest!“ wird von den Verlagen intensiv genutzt, um Autoren ins Gespräch zu bringen. Davon hat sich Frankfurt inzwischen einiges abgeschaut.

Manchen reicht nicht einmal das, wie dem Autor und Verleger eines Stalking-Romans, der unermüdlich in Halle 5 auf das Publikum einredet. Das Buch „Dem Wahnsinn entkommen“ ist noch nicht fertig, es stehen nur Dummys im Regal. Aber der Stand war schon bezahlt, deshalb werden nur Handzettel verteilt.

Auf ebenfalls altmodische Weise, nämlich an einem Flipchart, erklärt im Fachforum 2 auf dem Messegelände Eckhard Südmersen, Geschäftsführer des Zwischenbuchhändlers Libri das deutsche Buchhandelssystem als Kreislauf. Der ermöglicht, dass ein Kunde einen im Laden nicht vorrätigen Titel am nächsten Tag bekommen kann.

Nun steht Libris größerer Mitspieler auf dem Markt – KNV – unter Insolvenzverwaltung. Findet sich kein starker Investor, würden Libri und die beiden weiteren Zwischenbuchhändler auf die Nachfragen nicht ausreichend reagieren können. Es knirscht im Getriebe, das befürchtete „Beben in der Branche“ kann noch kommen.

Viele Verlage möchten jetzt abwarten und sich nicht zum Thema äußern. Voland & Quist aus Dresden erklärt in seinem Blog, was es für einen kleinen unabhängigen Verlag bedeutet, dass 65.000 Euro aus dem Weihnachtsgeschäft fehlen – aus der Zeit nämlich, da KNV bereits zahlungsunfähig war, aber noch nicht unter Insolvenzverwaltung stand. Und Christian Schumacher-Gebler, der als Geschäftsführer der deutschen Bonnier Verlage (mit Ullstein, Piper, Carlsen, Thienemann) für eines der großen Unternehmen verantwortlich ist, sagt bei dem Gespräch über die KNV-Pleite, dass das hiesige System der Zwischenbuchhändler ein Garant sei „für die Vielfalt der Verlage und Buchhandlungen in Deutschland“.

Während in Ländern ohne diesen Kreislauf mit Über-Nacht-Belieferung nur verkaufsträchtige, von vonherein in großen Auflagen geplante Titel immer verfügbar sind, und während in Ländern ohne Buchpreisbindung Bestseller gemacht werden, indem die reichen Verlage dem Handel Sonderkonditionen geben können, ist hier das Angebot noch ziemlich bunt. Das Messegewimmel mit seiner Bandbreite von den Schmöker-Stapeln über reine Lyrik-Programme bis zum Verlag mit nur einem Ratgebertitel illustriert die Lage von heute. Wer weiß schon, was morgen sein wird.

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