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Jumbo, den der Zirkusdirektor P. T. Barnum kaufte.

Jumbo und Co.

Lass dir was einfallen, Baby

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Elena Passarellos kühnes, darum manchmal überkandideltes Buch über "Berühmte Tiere der Menschheitsgeschichte".

Die Tiere, die Elena Passarello in die 16 Kapitel ihres Buches „Berühmte Tiere der Menschheitsgeschichte“ aufgenommen hat, zeichnen sich vor allem dadurch aus, dass sie von Menschen einen Namen zugewiesen bekommen haben – Yuka, Sackerson, Stahrl, Harriet, Arabella, Lancelot, Cecil – und mit diesem Namen eine besondere Rolle. Mit der Namensgebung vermenschlichte der Mensch das Tier und nahm sich sogleich auch das Recht heraus, sich in eine Beziehung zu setzen zu diesem speziellen Exemplar – und fast immer war es eine herrische, rücksichtslose Beziehung. Und indem Passarello dieses Kräfteverhältnis sowie die Bilder, die sich der Mensch schon immer vom Tier machte, in den Mittelpunkt ihrer Texte stellt, erzählt sie mehr vom Homo sapiens als von Mammuthus primigenius, Columba livia domestica oder Araneus diadematus, von Mammut, Taube oder der Spinne, die ins All reiste.

Vermutlich aus Ratlosigkeit war in Rezensionen des Bandes von Essays die Rede. Aber die Amerikanerin Elena Passarello hat für jedes ihrer Tiere eine eigene, kühne Form gewählt. Den von einem Großwildjäger 2015 mit einer Armbrust getöteten Löwen Cecil etwa würdigt sie mit nicht mehr als zwei Journalistenfragen und zwei Antworten des Zahnarzts Walter Palmer, den nicht nur geballter medialer Zorn traf, so dass er für einige Zeit untertauchte, sondern dessen Ferienhaus auch verwüstet wurde. (Dass die Leserin etliches Hintergrundwissen mitbringen oder aber nachschlagen muss, ist nicht nur in diesem Mini-Kapitel so und macht diverse Passagen arg kryptisch.)

In die Geschichte des menschenfressenden Krokodils Osama fügt Passarello portionsweise einen Lehrbuch-Text, nach dem Schüler die richtige „Tatsachenbeschreibung“ lernen sollen. Darwins Schildkröte Harriet und dem kopflosen Hahn Mike gibt sie gleichsam eine Stimme. Ihre Harriet ist, unter anderem, eifersüchtig auf Charlies Verlobte und durchwühlt seine Briefe. Nun ja. Mike, der den Hackstock wundersam Überlebende, wusste laut Elena Passarello „ganz einfach, dass du dir was einfallen lassen musst, Baby, wenn du’s in dieser Welt wirklich zu was bringen willst“. Hm.

Passarellos Texte sind voll verblüffender, blitzgescheiter Gedanken, aber ebenso voll überkandidelter, schiefer oder schlicht unverständlicher Sprachbilder („Ein fliegender Star ist kritisch wie eine Lawine“, „ein Damenschoß macht uuh“), sie reichen vom Großartigen bis zur Albernheit. Man könnte meinen, indem die Autorin versucht, die alleroriginellsten gedanklichen und sprachlichen Wendungen zu finden, verliert sie ab und zu den Boden unter den Füßen.

Großartig aber etwa Passarellos Überlegungen zu Albrecht Dürers „Idee eines Nashorns“, zu seinem Nashorn-Bild, das irgendwann so verbreitet war, dass später naturgetreue Abbilder des Tieres dagegen kaum ankamen. Ebenso erhellend ihre Schilderung der „Zusammenarbeit“ zwischen Mozart und Vogel Stahrl (einem Star), die sowohl musik- wie vogelkundig ist.

Wie und wann Elefanten – darunter Jumbo und Jumbo II – erstmals in Nordamerika gegen Geld vorgeführt wurden, diese Aufzählung verbindet Passarello mit der Erfindung und Verbreitung der Elektrizität. Überschneidungspunkt: man versuchte bald, auch Elefanten, die einen Menschen getötet hatten, durch einen Stromschlag hinzurichten. Eine solche Tötung mit 6000 Volt wird 1903 in einem Kurzfilm der Edison-Studios festgehalten. Die Füße der Elefantendame fingen an zu rauchen.

Überhaupt hat im Verhältnis zwischen Mensch und Tier in der Regel nicht das Tier die besseren Karten. Schon das Mammutweibchen Yuka starb 39 000 v. Chr. (Yuka wurde es natürlich erst genannt, als der Permafrost es im 20. Jahrhundert wieder hergegeben hatte) unter anderem an einer Wunde, die von einem gezackten Werkzeug stammte, „einem Werkzeug, das in einer fleischigen Hand liegt und von einem opponierbaren Daumen gehalten wird“. Sackerson (Shakespeare erwähnt ihn) und andere Bären seiner Zeit mussten im „Bärengarten“ mit Bullen oder Doggen kämpfen, und wenn sie zu alt wurden, peitschte man sie wenigstens zur Belustigung noch aus. Benjamin, der letzte Tasmanische Tiger, erfror 1936 einfach, weil die australischen Tierpfleger vergessen hatten, ihn in einer kalten Nacht in den Innenraum hineinzulassen.

Elena Passarello erzählt zuletzt von der Ausrottung diverser Arten – Auerochs, Riesenalk, Wandertaube (sie hatten einmal die Sonne verdunkelt), Karolinasittich, Heidehuhn, Bucardo, Magenbrüterfrosch – und teils sehr aufwendigen Versuchen, so eine Ausrottung wieder rückgängig zu machen. Ein von einer Ziege ausgetragenes Bucardo-Kitz lebte sieben Minuten lang.

Dass die Autorin deutlich machen kann, welche tragischen Verluste wir uns mit unserer Rücksichtslosigkeit, auch mit unseren immer spärlicheren Gelegenheiten zur Begegnung mit Tieren zufügen, das ist die stärkste Seite ihres Buches.

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