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Lass doch die Rosen

Stimmen von Benns Frauen

Von INA HARTWIG

Seit einigen Jahren ist das Interesse an Gottfried Benn wieder erwacht, auch dank seiner Frauengeschichten, die nach dem Diktum "gute Regie ist besser als Treue" geschickt gelenkt wurden, oft in virtuoser Parallelführung. Zuletzt schlugen die Wogen hoch, als Ursula Ziebarth, Benns letzte Geliebte, die Briefe des Dichters an sie publizierte, mit selbstbewussten Kommentaren versehen (FR, 5. Januar 2002), was sogar Klaus Theweleits Missfallen erregte, der Ziebarths Existenz in seinem Buch der Könige bereits berücksichtigt hatte. Die Herren Rezipienten schienen sich seltsam einig zu sein in Bezug auf Fragen des Kavalierstums und befanden die Berlinerin Ziebarth für zu laut, während deren zeitweilige Widersacherin, die Düsseldorfer Germanistin Astrid Claes, ihnen weit genehmer war (FR, 25. April 2002). Astrid Claes hatte ihre Dissertation über Benns Lyrik Anfang der fünfziger Jahre dem Dichter zugeschickt.

Im jüngsten Benn-Jahrbuch lässt sich nun nachlesen, dass Benns dritte Ehefrau, die Zahnärztin Ilse Kaul - die von Benn sowohl mit Ursula Ziebarth als auch mit Astrid Claes betrogen wurde -, dass ausgerechnet Ilse Benn die Gelassenste von allen war. In einem Interview mit Imke Gehl von 1983 erinnert sich Ilse Benn daran, wie die Claes-Geschichte losging. Sie selbst hatte deren Doktorarbeit als erste gelesen und ihrem Mann die Lektüre quasi befohlen, das sei "eine sehr interessante Arbeit": ",Ja, ja', sagte er, ging durch die Wohnung, rupfte ein paar Rosenblätter aus den Sträußen ab, schrieb einen Brief an Frau Claes und legte ein paar Rosenblätter rein, und damit war auch schon die Liebe bei ihr geboren - mit dieser Antwort vor Weihnachten, obwohl er die Arbeit noch gar nicht gelesen hatte."

Gottfried Benn und Ilse Kaul haben sich ein Jahr nach Kriegsende in Berlin kennengelernt, als die um Jahrzehnte jüngere Kollegin bei ihm in der Praxis wegen einer Schutzimpfung auftauchte; sie heirateten bald darauf, was Benn offenbar sehr gut bekam, nicht nur, weil Dr. med. dent. Ilse Benn eine tüchtige Zahnärztin war, die im Unterschied zu ihm gut verdiente, sondern wohl auch wegen ihres hingebungsvollen und zugleich pragmatischen Wesens. Sich selbst bezeichnet Ilse Benn im Interview als "keine Frau zum Heiraten": "Ich muss alleine bleiben." Schon der Briefwechsel Benns mit Thea Sternheim im Wallstein Verlag (FR, 22. Dezember 2004) ließ erahnen, wie unkonventionell und sympathisch Ilse Benn gewesen sein muss. Doch wird die Frau, die die letzten zehn Lebensjahre mit Benn teilte und in deren Gegenwart er am 7. Juli 1956 starb, immer noch unterschätzt.

Da wurde er ganz blass

Bezaubernd die Anekdote, derzufolge Ilse Benn ihrem Mann das Wort "Rosen" vermiest habe. Benn sei hereingekommen, um ihr ein gerade entstandenes Gedicht vorzulesen. Ihr Kommentar: "Du hast wieder so viel Rosen drin. Kannst du nicht einmal die Rosen weglassen?" Da sei er ganz blass geworden und habe sich auf dem Absatz umgedreht und das Zimmer verlassen. "Und da hat es mir so leid getan, aber ich bin nicht hinterhergerannt. Nach kurzer Zeit kam er wieder und sagte: ,Nun hör mal zu, ich habe das geändert.'" Sie protestiert - umsonst. Und später entdeckt sie dann zu ihrer Erschütterung in einem Brief Benns an Oelze den Satz: "Meine Frau hat mir leider das schöne Wort Rosen verboten. Es ist ein so schönes Wort."

Auch Benns zweite Ehefrau Herta, geb. von Wedemeyer, kommt in diesem lesenswerten Jahrbuch vor. Werner Rübe hat sich an ihr Grab begeben. Die Eheleute hatten die letzten Kriegsjahre in Landsberg a. d. Warthe verbracht, von wo aus sie nach Berlin flohen. Hertas Grab befindet sich im knapp östlich der Elbe gelegenen Neuhaus. Von Berlin aus war sie dorthin aufgebrochen. Benn sollte nachkommen in der Hoffnung, sein Freund Oelze würde das Paar auf seinem Gut in der Nähe Lüneburgs unterbringen. Herta war krank und verzweifelt, keine Nachricht von Benn aus Berlin zu erhalten. Als die Russen nach Neuhaus kamen, spritzte sie sich das mitgebrachte Morphium. Sie starb zwei Tage später, am 3. Juli 1945. Im September erst konnte Benn ihr Grab besuchen, das Reisen war mühevoll und gefährlich. An Oelze schrieb er: "Nichts im Leben hat mich so getroffen,... wie dieser Tod... Mit jedem neuen Tag jetzt wird mein Kummer unerträglicher." Und in einem Brief an seine Freunde, die Buschis, ergänzt er einige Monate später: "Es tut mir so gut, daß Ihr sie so reizend seht wie sie wirklich war, so bescheiden, so ladylike, so sanft u süß. Ich liebte sie sehr u weiß nicht, was nun werden soll." - Wenige Monate später wird ihm Ilse Kaul begegnen.

Süß fand Benn einst auch Tilly Wedekind, deren Verführungs-Bericht von 1930 im Jahrbuch erstmals abgedruckt ist. Ihr Abendkleid habe ihm nicht gefallen, man sehe zu viel von den Frauen . Benn seinerseits legte den weißen Arztkittel an, nachdem er Tilly in seine Wohnung gelotst hatte. "Dann fragte er, ob die Haare im Nacken rasiert seien, wobei er mit der Hand über meinen Nacken fuhr. Damit war meine Zurückhaltung und Beherrschung zu Ende."

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