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Carl Maria Friedrich Ernst von Weber.

Christoph Schwandt "Carl Maria von Weber"

Das Larghissimo des Lebens

Christoph Schwandt hat eine umfangreiche Biographie über Carl Maria von Weber und seine Zeit geschrieben. Und ordnet den sogenannten Stifter nationaler Theater-Tonkunst vernünftig und modern ein.

Von Hans-Klaus Jungheinrich

Das Verfassen von Künstlerbiographien ist in den letzten Jahrzehnten wohl nicht leichter geworden. Die elektronisch zirkulierenden Informationsfluten machen Datenauswahl in neuerlicher Weise zur Fleißaufgabe und drohen, erzählerische Struktur in Datenmengen zu ersticken.

Ein anderes Phänomen ist schwerer greifbar, aber fast gravierender. Die zunehmende „Entideologisierung“, ästhetisch erkennbar als nüchternes Abwägen und postmodernes Geltenlassen pluralistischer Ansätze und Konzepte, erschwert die Inanspruchnahme der Porträtierten für aktuell erscheinende Debatten oder Doktrinen. Die Lebensdarstellungen werden dadurch ungriffiger, jedenfalls unheldischer.

All das spielt in die neue Carl Maria von Weber-Biographie von Christoph Schwandt als Ausgangslage und Triebkraft hinein. Das Buch ist (mit mehr als 600 Seiten) voluminös geraten, gründlich, ja erschöpfend.

Der 58-jährige Autor hat als Biographienschreiber hinlänglich Erfahrung. Er beschäftigte sich unter anderem mit Verdi, Janácek und Bizet. Mit seinem Weber-Buch legte er indes ein opus summum vor, das den Anspruch hat, das Bild dieses Komponisten für die musikalische Öffentlichkeit der nächsten Jahrzehnte entscheidend zu formen. Das Unternehmen kommt zur richtigen Zeit (wenn auch unabhängig von einem „runden“ Geburtstag).

Kleinere oder mit der schnellen Nadel gemachte Monographien von Karla Höcker und Michael Leinert sind dreißig oder mehr Jahre alt. Und ein ambitionierteres Werk von Karl Laux, 1966 in der DDR erschienen, kann nicht nur neuere Forschungen noch nicht kennen, sondern versteift sich auf Aspekte des „Nationalkomponisten“, weil es sich in geheimer Opposition zu damals dort herrschenden Gepflogenheiten verstehen mag.

Richard Wagner als Legendenschmied

Der „Freischütz“-Komponist als Erzvater der deutschen Opernmusik, als glühender Stifter nationaler Theater-Tonkunst: Mit dieser vor allem von Richard Wagner festgeklopften Legende räumt Schwandt mit Recht auf. Schwandt weist en passant auf die lange unbekannte Tatsache hin, dass Weber eine Zeitlang als Sekretär eines napoleonischen württembergischen Adligen tätig war. Webers letztes Großwerk, die englisch textierte Oper „Oberon“, muss zudem als wichtigster Beitrag Englands zum Musiktheater des 19. Jahrhunderts gelten (ohne den frühen Tod wäre Weber vielleicht ein zweiter Händel geworden).

Dem unvoreingenommenen Blick offenbart sich in Webers Musik, selbst im „Freischütz“, eine gehörige Portion von Italianità. Der Rossini-Bazillus steckte ganz Europa an. Übrigens auch den jungen Berliner Juden Meyerbeer, mit dem Weber (auch das ein gerne verschwiegenes Detail) eng befreundet war und dessen Elternhaus für ihn, den aus einer ruhelos umgetriebenen Theaterfamilie Stammenden, so etwas wie ein heimatlicher Hafen zu werden vermochte.

Weber führte den größten Teil seines Lebens Tagebuch – kaum als Ideen-Reservoir, eher als bescheidene Dokumentation des täglich Begegnenden. Auf diese Quelle stützt sich Schwandt fast allzu sehr. So begleitet man Webers Vita über größere Strecken im streng chronologischen Larghissimo. Selbst einige Werkbeschreibungen werden nach dem Rhythmus ihrer Entstehungsdaten portioniert.

Das mutet nicht unbedingt elegant an. Sicher war es eine bewusste Entscheidung Schwandts, die Werke nicht zur Hauptsache zu machen, gewissermaßen zu „Kraftfeldern“, die aus sich heraus mehr oder weniger signifikante Lebensabläufe generieren. Bei Schwandts Methode ist die Gefahr nicht immer ganz gebannt, dass die Werke mehr als Anhängsel des Lebens figurieren.

Aus dem Blick: die Kulturtechnik des Notenlesens

Gewiss, zumal bei den kleineren Hervorbringungen kann man eine auf Fliegenbeinzählerei verzichtende, auf den Punkt gebrachte Analyse nur begrüßen. (Der Band enthält übrigens zahlreiche Abbildungen, aber keine Notenbeispiele – das Notenlesen wird offenbar auch bei gebildeten Musikliebhabern als eine vergessene Kulturtechnik taxiert). Dennoch würde man gerne etwa über die zwei Symphonien und die vier splendiden Klaviersonaten noch Konturierteres erfahren.

So wird Weber als Privatmann, als Reisender, als Unternehmer, als gesellschaftliche Größe beinahe plastischer denn als Tonsetzer. Schwandt hat gute Gründe, mit dem Attribut des „Romantikers“ hier zögerlich umzugehen; einige Spezifika von Webers Künstlertum – etwa der im Vergleich zu dem elf Jahre jüngeren Schubert deutlicher ausgeprägt „öffentliche“, mit dem Zeitgeschmack verbundene Charakter seiner Musik – hätte freilich schärfer herausgearbeitet werden können.

Ausführlichkeit impliziert ihre eigene Dialektik. Der gravitätische Tag-für-Tag-Schritt der Lebensbeschreibung muss dann doch über manches auch wieder merklich hinweggehen. Schwandt teilt mit, dass Weber, anders als sein Vater, kein Mitglied einer Freimaurerloge war. Warum nicht – dieser sofort auftauchenden Frage geht er dann nicht mehr nach. In vielem zahlt sich Schwandts Freude am Detail dann aber doch als Lesevergnügen aus. Der im Titel angekündigte Weber „in seiner Zeit“ wird entschieden ernst genommen.

Theatersitten und -unsitten der Zeit

Schwandt blättert sozusagen unter der Hand den ganzen „Gotha“ mit seinen internationalen Macht-Konstellationen und Verwandtschafts-Verflechtungen auf. Er informiert über die Theatersitten und -unsitten des frühen 19. Jahrhunderts und das damals so viel mehr als heute von Mode und schnelllebigen Erfolgen bestimmte Opernrepertoire.

Und, bei einem notorischen Voyageur wie Weber naheliegend: Schwandt schildert aufs eingehendste die Strapazen und Malaisen, denen sich diejenigen ausgesetzt sahen, die mit der Postkutsche durch Deutschland mit seinen vielen Kleinstaaten und durch Europa unterwegs waren.

Ein unheimliches Grundmotiv ist die lebenslange Kränklichkeit des Komponisten, die als (durchweg verheerend inkompetent behandelte) Tuberkulose zum frühen Tod mit 40 Jahren führte.

Auf der berühmten Porträt-Lithographie von Carl August Schwerdtgeburth – im Buch innen, gegenüber dem Titel – sieht man ein abgezehrtes, in seiner femininen Jünglingshaftigkeit aber womöglich idealisiertes Gesicht. Interessanter das posthume Gemälde von John Cawse (1826) auf dem Umschlag: ein mit Brille und Hakennase geradezu jakobinisches Antlitz, wären da nicht die leicht aufgeworfenen Lippen und der melancholisch ins Ferne gehende Blick.

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