Allemal geeignet zur Propaganda: Foto vom Moskauer Metro-Bau, hier in den 50er Jahren.
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Christoph Heins "Trutz"

Ins Langzeitgedächtnis damit

  • Judith v. Sternburg
    vonJudith v. Sternburg
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Christoph Heins großer Roman "Trutz" erinnert an unfassbar lebensgefährliche Zeiten.

Nur ein Jahr nach dem Roman „Glückskind mit Vater“ legt Christoph Hein das nächste umfangreiche, mit Sicherheit aufwendig recherchierte Buch vor – „alles erfunden, aber alles nachprüfbar“, so der Autor. Hein, ab jetzt noch genau einen Tag lang 72 Jahre alt, hat einen Lauf, was die Produktivität, aber auch was die Geschichtenkonstruktion – er ist definitiv ein Konstrukteur – und den erzählerischen Ausbau betrifft. War das Glückskind ein junger DDR-Bürger, der tatsächlich im Unglück immer noch einen Zipfel Glück erwischte, führt „Trutz“ in eine Welt, in der solche Kategorien auf Dauer keine Geltung haben.

Rainer und Gudrun Trutz – er noch etwas zaghafter Feuilletonist und am Beginn einer Schriftstellerlaufbahn, sie christliche Gewerkschafterin – sind ein junges, unradikales Pärchen, das gleichwohl nach 1933 politische Probleme in Berlin bekommt. Verschiedene Versuche zu emigrieren schlagen fehl, eine Freundin – und von Hein mit großer Sympathie gezeichnete überzeugte Kommunistin – kann schließlich Visa für Moskau beschaffen. Sie versuchen wirklich, im Stalinismus und den immer Todesgefahr bringenden Irrsinnsvolten des Totalitarismus zu überleben – er schlafe schon politisch, sagt Rainer, aber das ist auch schon wieder so ein riskanter Witz. Sie bemühen sich, nicht aufzufallen und den Sohn Maykl zu schützen, der bald auf die Welt kommt. Sie arbeiten hart – er in einer Brigade körperlich völlig überforderter ausländischer Intellektueller beim brutal vorangetriebenen Bau der Moskauer Metro –, lernen Russisch, schließen Freundschaften.

Das Schicksal aber muss im willkürlichen Terror sondergleichen nur einmal mit der Hand ausholen und Menschen werden unter seiner Pranke zerquetscht. Sie sind einfach zu unwichtig. Aber nicht für den Schriftsteller Hein, der sie liebevoll ausstattet und interessiert begleitet, bis sie ihrem Mörder begegnen, dem sie egal sind. Möglicherweise ist er genervt oder will er etwas stehlen, aber sie haben ja nichts mehr. Oder sie sterben unauffällig nach vor Erschöpfung. Oder bei einem Arbeitsunfall. Die Todesfälle – in diesem Umfang, so Hein, habe er seine Figuren noch nie umgebracht – sind Meisterstücke lapidarer Erzählkunst.

Ein Zufall von vielen bringt die Trutzens mit einem Moskauer Professor zusammen, Waldemar Gejm, auch er verheiratet und Vater unter anderem des kleinen Rem. Maykl und Rem werden Gejms liebste Studienobjekte bei dessen Forschungen zur Mnemonik: Ein eigens entwickeltes, spielerisches Gedächtnistraining schlägt bei den Kindern sensationell an. Während auch Rems Eltern unter die Walze des totalitären Systems geraten, wachsen zwei Männer mit unschlagbarem Erinnerungsvermögen heran. Wir, gewöhnt daran, an unserem schlechten Gedächtnis zu leiden und auch der Gesellschaft ein solches vorzuwerfen, lernen nun: „Ein gutes Gedächtnis war in der Geschichte der Menschheit stets eine tödliche Gefahr. Das Vergessen wird belohnt, nicht das Gedächtnis.“ Maykl erklärt das dem Erzähler, der nach dessen Tod (2007) seinen Geschichten nachgeht.

Der Erzähler, erfährt man übrigens ungefragt, ist seinerseits eigentlich mit dem Fall Bad Kleinen beschäftigt, Thema im Roman „In seiner Kindheit ein Garten“ (2005) – das könnte ein Hinweis darauf sein, dass der Schriftsteller schon länger mit „Trutz“ befasst ist. Auch die Begegnung Maykls mit dem Erzähler jedenfalls ist ein Zufall und steht damit dem Sinn des Wissenschaftlers Gejm für Gesetzmäßigkeiten scharf gegenüber.

Denn so erfahren, aber doch unverschlissen Hein erzählt, so lebhaft „Trutz“ wirkt, so konsequent zieht er zwei Motiv-Paare durch das Buch: Zufall gegen Berechenbarkeit, Vergessen gegen Erinnerung. „In diesen Roman geriet ich aus Versehen ...“, beginnt der erste, „Glücklich ist, wer vergisst, was doch nicht zu ändern ist“, lautet der letzte Satz. Und die Reize des ersten sind offensichtlich, die deplatzierte Operettenseligkeit des letzten kann man nach den vorangegangenen 470 Seiten unmöglich verübeln.

Lebenspläne werden von Zufällen weggefegt, aber auch Menschen (vorerst) dadurch gerettet. Wenn etwa ein Kader vom Lande, für Gejms Deportation zuständig, den „Gejm-Pflug“ des Urgroßvaters in einer Notlage schätzen gelernt hat. Das ist eine Stelle, an der die Leserin nachschaut, ob es nicht doch einen Gejm-Pflug gibt (nein) und Gejm an seinem Denksystem zweifeln muss: „Schön für uns, aber nicht logisch.“

Eine Geschichte, die von Leben glüht

Noch tiefer in die Handlung verstrickt Hein das Gedächtnis-Motiv. Maykls und Rems Leben wird fatal geprägt durch ihr Erinnerungsvermögen. Rainer Trutz hingegen wird eingeholt von einem uralten Zeitungsartikel, den er als Anfänger einst in Berlin mit Mühe fabriziert und längst vergessen hat. Dies ist einer der bösesten dramaturgischen Einfälle in einem Buch, dem es an Diebischkeit nicht mangelt. Damals dachte man noch, dann schreib’ den Artikel eben nicht, warte auf was anderes. Denn Rezensenten wird auch die Schilderung von Trutz’ Sorgen als Jung-Kritiker nicht unberührt lassen – ebenfalls eine Folge dieses Hein-Tons, der im Gewoge des Geschehens einen sicheren Sitz hat. Intensiv, aber auch merkwürdig entspannt.

Folgendes ist dabei womöglich noch imposanter: Hein, der offenbar nicht in der Lage ist, dauerhaft verbittert zu sein oder seine Figuren in existenziellen Situationen dauerhaft verbittern zu lassen, legt eine Geschichte vor, die von Leben glüht. Nicht von Hoffnung, auch ist jede Art von Naivität dem Schriftsteller ebenso fremd wie die Bitterkeit. Das Leben aber geht weiter, so lange es weitergeht. Als auch Rems Familie deportiert wird, gibt es ein Wiedersehen mit Maykl, und für die Kinder wird die erzwungene Enge und Familienbezogenheit in der Verbannung zur „paradiesischen Zeit“. Später begibt sich Hein mit Maykl in die DDR, wo dieser dank seines Gedächtnisses zum genialischen Archivar und unangenehmen Ehemann wird. Auf die Ränke der Nachwendezeit blickt Hein, weil sie ihm näher liegen oder weil die Verhältnisse nicht mehr so eindeutig sind, noch am ehesten mit einem Hauch von Unmut und Anklage.

„Trutz“ ist nicht zuletzt, keineswegs zuletzt ein detailreiches, informatives Geschichtsbuch. Auch in der Geschichte geht es permanent um den Zufall neben dem Plan, von Erinnerungskultur nicht zu reden. Hein hat sich weit hineingelesen, er flaniert durch die sowjetischen Jahrzehnte, als hätte er sie miterlebt, aber er verliert sich nicht in seinem Wissen. Dass ein Schriftsteller die Kontrolle behält, während es im Leben seiner Figuren drunter und drüber geht, klingt altmodisch. Es macht „Trutz“ aber zu einem großen Roman, der Richtung Langzeitgedächtnis drängt.

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