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Klaus-Jürgen Müllers Biografie zeigt Generaloberst Ludwig Beck in neuer Perspektive.

Ludwig Beck

Langsamer Weg in den Widerstand

Klaus-Jürgen Müllers Biografie zeigt den Generaloberst und Schöpfer der Reichswehr, Ludwig Beck, in neuer Perspektive. Von Hans Mommsen

Von Hans Mommsen

Ludwig Beck, der Schöpfer der Reichswehr und Generalstabschef Adolf Hitlers, zugleich führender Kopf des Umsturzversuchs am 20. Juli 1944, verkörpert exemplarisch Mentalität und Tradition der preußisch-deutschen Militärelite in der Weltkriegsepoche. Klaus-Jürgen Müllers Biografie schildert am Beispiel Becks den Weg dieser Elite vom Kaiserreich in das Dritte Reich, wobei die Spannweite zwischen Becks Tätigkeit im Stab der Heeresgruppe Kronprinz beim Zusammenbruch von 1918, seiner Mitwirkung an der geheimen Aufrüstung der Weimarer Republik und seine Rolle als Generalstabschef Adolf Hitlers deutlich wird.

Die kometenhafte militärische Karriere Becks hatte nichts mit Protektion zu tun, sondern beruhte in erster Linie auf fachlicher Kompetenz. Als Abkömmling einer großbürgerlichen Familie mit teils militärischem, teils bildungsbürgerlichem Hintergrund stellte er das Gegenteil des Typus des preußischen Junkers dar. Im Spätherbst 1918 zeichnete er sich durch sein realistisches Urteil über die kritische militärischen Lage des Reiches aus.

Er war von der Unabwendbarkeit der deutschen Niederlage überzeugt und schon damals ein scharfer Kritiker Erich Ludendorffs, dessen Hinhaltepolitik sich als fatal erwies. Zugleich lehnte er die revolutionären Vorgänge und die Streikbewegung in der Arbeiterschaft nachdrücklich ab und meinte, die französische Besatzung sei einer Spartakuslösung vorzuziehen. In der Krise vom November 1918 optierte er für die Erhaltung des deutschen Nationalstaates auf Kosten der Monarchie.

Realitätssinn veranlasste ihn, sich mit dem parlamentarischen System abzufinden, ohne es innerlich zu akzeptieren. Seine innenpolitischen Vorstellungen zehrten vom preußisch-deutschen Erbe und richteten sich auf das Wunschziel einer aufgeklärten Militärdiktatur. Deutliche Sympathien mit den Ulmer Reichswehroffizieren und dem italienischen Faschismus verbanden sich bei ihm mit ausgeprägten Ressentiments gegenüber den sozialistischen Parteien und der Ablehnung der Politik Gustav Stresemanns.

Ludwig Beck teilte die Illusion, die Entwaffnungsbestimmungen des Versailler Vertrags mit militärischen Mitteln aushebeln zu können. Jedoch hinderte ihn sein ausgeprägter Realitätssinn daran, offen Partei für die Rechtsparteien zu ergreifen und mit gegenrevolutionären Zielsetzungen à la Kapp zu sympathisieren.

Von den Angehörigen der Militärelite unterschieden ihn bürgerliches Leistungsethos und ethischer Rigorismus. Hingegen setzte er wie die Mehrheit der führenden Militärs große Hoffnungen auf das Kabinett Hitlers und gab sich der irrigen Erwartung hin, dass dieser an die Traditionen des Kaiserreichs anknüpfen würde.

Beck verfolgte das Konzept eines Dualismus von Militär und Politik, von Armee und NS-Bewegung, als den grundlegenden Trägern des politischen Systems. Mit seiner Ernennung zum Chef des Truppenamtes im Oktober 1933 sah er sich mit der Aufgabe konfrontiert, die Stellung der Reichswehr in der sich herausbildenden NS-Diktatur zu festigen.

Dabei kam es frühzeitig zum Konflikt mit Friedrich Fromm, dem Chef des Wehrmachtsamtes, doch trat dann der Gegensatz zu Wilhelm Keitel und Alfred Jodl in den Vordergrund. Beide bedrohten mit der Forderung eines Primats der Politik die von Beck zäh verteidigte Eigenständigkeit der Armee. Um letztere auch im Hinblick auf die anstehende Nachfolge im Amt des todgeweihten Reichspräsidenten Paul von Hindenburg zu stärken, suchte Beck, eine Aussöhnung Erich Ludendorffs mit Hitler herbeizuführen und ihn zum Generalfeldmarschall zu ernennen.

Becks Zweisäulenstrategie schloss Konzessionen an das NS-Regime nicht aus. Dazu gehörte die Teilnahme der Reichswehr an der gewaltsamen Niederschlagung der Ernst Röhm unterstellten Revolte der SA und das stillschweigende Übergehen der Ermordung der Generäle von Schleicher und von Bredow im Zuge der Liquidierung der obersten SA-Führung nach dem 30. Juni 1924.

Ähnlich galt dies für die Entlassung jüdischer Offiziere auf Grund des Reichswehrgesetzes. Beck hatte sich nachdrücklich gegen die Milizpläne der SA gewandt, für die Wehrpflichtarmee eingesetzt und die militärische Ausbildung der SA bekämpft. Dieser strategischen Linie entsprach die sofortige Vereidigung der Reichswehr auf die Person Hitlers nach Hindenburgs Tod. Von beidem erhoffte man, den Diktator stärker an die Interessen der Armee zu binden.

Aus Becks Perspektive lag in der sich herausbildenden Führerherrschaft, die mit einem relativen Machtverlust des Parteiapparats verknüpft war, eine Chance, auf lange Sicht den Einfluss der "Bonzen" zurückzudrängen und zu rechtstaatlichen Verhältnissen zurückzukehren. Gleichzeitig suchte er den Ausbau der SS-Verfügungstruppe, der nach der Röhm-Affäre nicht mehr zu verhindern war, zu begrenzen und sie für den Kriegsfall der Heeresleitung zu unterstellen.

Ihm schwebte vor, auf lange Sicht die Position des Staatschefs durch den Heerführer stabilisieren zu können. In noch ungebrochener Loyalität gegenüber Hitler glaubte er, diesen von extremen Einflüssen isolieren zu können, verkannte aber, dass sich selbst innerhalb der Wehrmachtführung Gegenkräfte formierten, die sich dem Führerkult bedingungslos verschrieben hatten.

War Beck einerseits der maßgebende "Architekt der Aufrüstung" (Müller), der den Aufbau des Heeres nahezu ohne das Dazutun des Diktators in Angriff genommen hatte, trat er andererseits zunehmend als Mahner auf, das militärische Potential des Reiches zurückhaltend einzusetzen und nicht zu überschätzen. Er musste jedoch erkennen, dass die Fortsetzung der Aufrüstung im bisherigen Umfang auf wirtschaftliche und außenpolitische Grenzen stieß.

Beck hatte sich für eine deutsche Großmachtpolitik ausgesprochen, die über eine Revision von Versailles weit hinausging. Dafür mussten jedoch zwei grundlegende Voraussetzungen erfüllt sein: der Abschluss der deutschen Hochrüstung, der frühestens 1940 anzusetzen war, und die Ausnutzung einer günstigen außenpolitischen Situation, die eine Erneuerung der Entente verhinderte.

Andererseits hielt Beck eine Zerschlagung der Tschechoslowakei aus strategischen Gründen für unerlässlich und verharrte insoweit bei einem traditionellen Machtstaatskonzept. Hitlers Lebensraum-Visionen lagen ihm jedoch gänzlich fern.

Durch Hitlers spontane Rede bei dem Treffen vor den Befehlshabern der Wehrmacht in Anwesenheit des Reichsaußenministers in der Reichskanzlei am 5. November 1937, das zur Aufteilung der knappen Stahlzuweisungen einberufen worden war, entstand eine neue Situation. Sie sollte Beck, der bis dahin loyal dessen Kurs unterstützt hatte, zu wachsender Distanz gegenüber den Plänen des Diktators veranlassen.

Zwar war Hitlers programmatische Erklärung zur Kriegsvorbereitung des Reiches selbst nicht der eigentliche der Auslöser des Konflikts, wohl aber die von Wilhelm Keitel und Alfred Jodl eilfertig vorgenommene Umsetzung der Vision Hitlers in der Neufassung der gegen die Tschechoslowakei gerichteten Weisung "Grün".

In einer grundlegenden Denkschrift wandte sich Beck gegen die darin angesprochene Eventualität eines deutschen Angriffs auf die Tschechoslowakei, da entgegen den Beschwichtigungen des neu ernannten Reichsministers des Äußeren, Joachim von Ribbentrop, in diesem Fall mit einem Eingreifen der Westmächte zu rechnen war.

Als Generalstabschef fühlte sich Beck verpflichtet, gegen den Kriegsplan, der die Entstehung eines Zweiten Weltkrieges in Kauf nahm, Stellung zu nehmen. Zugleich verlangte er eine Neuordnung der militärischen Spitze. Noch dachte er nicht an Widerstand gegen das NS-Regime. Sein Mitte Juli eingereichtes Rücktrittsgesuch zielte darauf, eine gemeinsame Aktion der Generalität gegen Hitlers Kriegsplanung herbeizuführen.

Allerdings mischte sich in das militärische Motiv die innenpolitische Zielsetzung, das "terroristische Treiben" der SS und deren "Tschekamethoden" zu unterbinden. Beck hob jedoch ausdrücklich hervor, dass "dieser Kampf nicht gegen, sondern für den Führer" geführt werden müsse.

Mit seinen Forderungen drang der Generalstabschef schon deshalb nicht durch, weil der neue Oberbefehlshaber des Heeres, Walter von Brauchitsch, sich passiv verhielt und Becks Denkschriften großenteils nicht weitergab. Den Zeitgenossen war die Tragweite des Rücktritts von Beck nicht bewusst.

Becks Hoffnung, durch seine Intervention die ursprüngliche Zwei-Säulen-Struktur wiederherzustellen, erwies sich angesichts der Führergläubigkeit des größten Teils des Offizierskorps als verfehlt. Beck nahm im Oktober seinen Abschied und widmete sich der Abfassung seiner Studien über den "Anführer im Kriege" und Deutschlands "Kriegsplan 1914", in denen er Alternativen zum bestehenden Verhältnis von Politik und Kriegsführung aufzeigte.

An der "Septemberverschwörung" vom Herbst 1938, bei der das Motiv der Kriegsverhinderung im Vordergrund stand, war Beck denn auch allenfalls am Rande beteiligt. Desgleichen hielt sich Beck gegenüber der sich unter Carl Friedrich Goerdeler und Ulrich von Hassell formierenden zivilen Opposition zunächst fühlbar zurück.

Das änderte sich seit dem Polenfeldzug, jedoch ist das von Wilhelm Ritter von Schramm gezeichnete Bild einer engen Gesinnungsgemeinschaft zwischen Beck und Goerdeler unzutreffend. Vielmehr stand Beck Goerdelers oppositioneller Betriebsamkeit kritisch gegenüber und nannte ihn "gefährlich sanguinisch".

Erst der Kontakt zu Friedrich Olbricht, dem Motor der Umsturzplanung in der Bendlerstraße, brachte Beck, nachdem er zuvor Verbindungen zur Militäropposition geknüpft hatte, ins Zentrum der Verschwörung. Seit 1942 vertiefte sich die Beziehung zu Henning von Tresckow, der entschlossen war, Hitler durch ein Attentat auszuschalten.

Seit Stalingrad hatte sich auch Beck zum Tyrannenmord durchgerungen und setzte sich angesichts der ermüdenden Personalquerelen unter den Verschwörern für ein militärisch geführtes Direktorium ein. Zugleich entfaltete er eigenständige Initiativen, eine "Westlösung" zu erreichen und, als dies scheiterte, die Armeeführer in Russland zu einer gemeinsamen Demarche bei Hitler zu bewegen.

Auf Grund seines engen persönlichen Verhältnisses zu Claus Schenk von Stauffenberg, seines ehemaligen Untergebenen, stieg Beck dann zum entscheidenden Kontaktmann zwischen der militärischen und der zivilen Opposition auf und fungierte als Katalysator unterschiedlicher Widerstandsimpulse. Seine Fähigkeit zu vermitteln und sein vor allem bei den Jüngeren ungebrochenes persönliches Ansehen machten ihn zum "sittlichen Haltepunkt der Verschwörer", wie Müller zu Recht formuliert. Trotz seiner schweren Erkrankung erwog niemand, den umtriebigen Goerdeler an seiner Stelle mit der Leitung der zivilen Opposition zu betrauen.

Neben dem antreibenden Tatwillen Stauffenbergs kann die Energie des eher im Hintergrund handelnden Ludwig Beck für das Zustandekommen des Umsturzes nicht unterschätzt werden. Noch am Abend des Attentats erteilte er als neuer Oberkommandierender der Heeresgruppe Nord den Befehl, sich nach Ostpreußen zurückzuziehen und die ostdeutsche Bevölkerung nicht schutzlos dem Zugriff der sowjetischen Armeen zu überlassen. So muss nicht zuletzt auf Grund der verdienstvollen Forschungen Klaus-Jürgen Müllers der Anteil Ludwig Becks am 20. Juli 1944 höher veranschlagt werden.

Hans Mommsen ist em. Professor für Neuere Geschichte an der Universität Bochum.

Klaus-Jürgen

Müller: Generaloberst Ludwig Beck. Eine Biographie.

Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn, 836

Seiten, 39,90 Euro.

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