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Langsam loslassen

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New Jerseys Küste im Spätherbst 2012, nachdem Hurrikan Sandy zügig  Häuser in attraktivster Lage zerstört hat.
New Jerseys Küste im Spätherbst 2012, nachdem Hurrikan Sandy zügig Häuser in attraktivster Lage zerstört hat. © rtr

Richard Fords „Frank“ kommt in die späte Spielphase.

Frank Bascombe ist den Lesern der Romane von Richard Ford seit Jahrzehnten wohlbekannt. „Der Sportreporter“, erster Teil der nachher sogenannten Bascombe-Trilogie, erschien in den USA 1986, auf Deutsch im Wendejahr ‘89. Es folgten der Erfolgsroman „Unabhängigkeitstag“ und schließlich „Die Lage des Landes“. Frank Bascombe ist nicht so berühmt wie John Updikes Harry Angstrom, genannt Rabbit, aber auch er, Reporter, Buchautor, Immobilienmakler, ist ein Durchschnittsamerikaner der ebenso von seiner Umgebung geprägten wie diese spöttisch reflektierenden Art: intelligent, selbstironisch, ziemlich gebildet, eigentlich sogar überraschend gebildet, dabei durchaus konventionell.

Frank noch einmal wiederzutreffen, ist eine Überraschung, eine sehr angenehme. Auch ist er im neuen Buch erstmals der Titelheld, da sich das Wortspiel des Originals, „Let me be Frank with you“, nicht mit dem entsprechenden Pfiff übersetzen lässt (die Doppelbedeutung würde am ehesten in „Frank und frei“ anklingen). „Frank“ will neben die vorhandenen gewichtigen Bascombe-Bücher nicht als bedeutender vierter Teil treten. Tatsächlich handelt es sich um vier Erzählungen, locker und äußerst wirkungsvoll aneinandergefügt. Statt der gut 700 Seiten in „Lage des Landes“ braucht Ford hier bloß 200. Das Zwanglose, Nebenprodukthafte ist ein immenser Vorteil. „Frank“ soll keine große Bilanz, kein gewichtiger Schlussstein sein, und zwar vermutlich nicht deshalb, weil noch etwas kommt, sondern weil immer weniger kommt. So ist das im Leben.

Wie bei den Vorgängerbüchern muss man den Fortsetzungscharakter nicht fürchten, auch „Frank“ funktioniert völlig für sich genommen. Und wie die Vorgängerbücher spielt die Geschichte, spielen die Geschichten in den Tagen vor einem Fest. Nach Ostern, dem 4. Juli und Thanksgiving ist es nun logischerweise Weihnachten. Weihnachten 2012, zehn, vier, schließlich zwei Tage vorher. Hurrikan Sandy hat im Oktober an der Küste von New Jersey katastrophale Schäden angerichtet, ein Werk der Vernichtung, das einen Ex-Immobilienmakler nicht kalt lassen kann, auch wenn er selbst sein Haus am Meer rechtzeitig verkauft hat.

Zwölf Jahre sind aus Franks Sicht vergangen seit „Lage des Landes“. Den damals diagnostizierten Prostatakrebs hat er überstanden, mit seiner zweiten Frau Sally ist er noch zusammen, seine erste Frau leidet mittlerweile an Parkinson und ist gewohnt beherzt und konsequent in ein Heim gezogen. Frank ist 68 Jahre alt. Er wird erneut Obama wählen und liest als nicht überbeschäftigter Rentner Sehbehinderten vor.

Die auf die Schnelle schwer beschädigte Heimatregion – in und durch New Jersey bewegte sich Frank Bascombe seit jeher – bildet die krasse, aber nicht zu krasse Kulisse für vier Begegnungen. Frank trifft sich mit dem Mann, der damals sein jetzt zerstörtes Haus gekauft hat. Frank bekommt Besuch von einer Unbekannten, deren Familie früher in dem Haus lebte, das heute ihm gehört. Auch sie hat durch Sandy ihre Wohnung verloren. Frank besucht seine Ex-Frau im Heim. Frank wird zu einem Freund gerufen, der im Sterben liegt.

Wie sehr sich die Geschichten um Vergänglichkeit, Zerstörung und Tod drehen, lassen sie sich trotzdem nicht gleich anmerken. Das schleicht sich lieber an. Frank bemerkt aber schon auf der ersten Seite den fabelhaften Reklamespruch am Straßenrand: „Mit dieser Bettwäsche stehst du nie wieder auf.“ Denn auch die Begegnungen schleichen sich heran. Frank ist unterwegs, er hat Zeit nachzudenken, hat überhaupt Zeit, nimmt sich auch Zeit, kommt wie im Schneckentempo vorwärts, denn so angenehm ist das alles nicht. Frank selbst geht es gar nicht schlecht. Der Tod ist noch „Der Tod der anderen“, so der Titel eines Seminars, das seine Ex-Frau besucht hat, und auch der Titel der letzten Erzählung.

Frank registriert und reflektiert auf seine Weise das Wenigerwerden des Lebens. Er würde gerne an der Sprache sparen. „Ein reduziertes Reservoir an besseren Wörtern könnte da durchaus helfen, finde ich, als Modell für klareres Denken.“ Er erspart sich Menschen, ist „seit Monaten dabei, mich so vieler Freunde wie möglich zu entledigen, und bin ehrlich überrascht, dass das nicht viel mehr Leute tun, als einfaches, praktisches Mittel, um wohlverdiente Klarheit in dieser späten Spielphase zu erlangen“. Dem Ende steht er vorerst gelassen gegenüber. „Der alte Henry James hielt den Tod für ein ,bedeutsames‘ Ereignis. Ich bin mir sicher, das ist er nicht.“ Und wenn ihm wieder einer nachruft, er solle aufpassen, dass er nicht hinfällt: „Warum bin ich neuerdings ein wandelnder Unfall, der jeden Augenblick passieren kann? Warum macht mir das größere Sorgen als die Frage, ob es ein Leben nach dem Tod gibt?“

Die eigenen Tragödien, der Tod des Sohnes zumal, liegen viele Jahre zurück. Die Tragödien der anderen hört sich Frank auf die amerikanische Art an: „Ich höre auch gut zu und mache ein angenehmes, aufnahmefähiges, wertfreies Gesicht dazu, was mir einen guten Lebensunterhalt in meiner Maklerzeit eingebracht hat... .“ Die untergründige Bedrohlichkeit bleibt unausgesprochen: Dass beispielsweise gleich zwei der Menschen, die er trifft, moralische Ansprüche auf sein heutiges Heim erheben könnten.

Der ehemalige Kunde, dessen Haus vernichtet ist – „Wie wenig fällt ein Haus ins Gewicht, sobald es weg ist“, staunt der ehemalige Makler –, erzählt ihm von den Sioux, die vor ihrer Erschießung „Ich bin da“ riefen. „Ich bin da“, ruft auch der ruinierte Mann. Frank und dem Leser offenbaren sich Wucht und Peinlichkeit der Situation zu gleichen Teilen. Dann reden die Männer noch rasch über Sport. „Hockey. Relativiert jede Zerstörung.“

Dass Frank, wirklich nicht der sentimentale Typ, im Grunde aber auch kein Zyniker ist, hat Ford klug eingerichtet. Bei seiner ersten Frau fühlt er sich nicht wohl, findet, dass nur Priester in ein Krankenzimmer gehören. Und doch: „Nichts drängt uns zu einer Berührung, einem Kuss, einer Umarmung. Ich tu’s trotzdem. Es ist unser letztes Glück. Denn letzten Endes ist die Liebe nicht bloß ein Ding, sondern eine endlose Reihe einzelner Handlungen.“

Nach dem Besuch beim sterbenden Jugendfreund begegnet er einem alten Bekannten, der sich nach dem Befinden seines toten Sohnes erkundigt. Der Mann hat die Namen verwechselt. Frank antwortet freundlich und klärt das nicht auf. „Frank“ ist ein schmales, aber großes Buch über das langsame Loslassen. Der erfahrene Ford-Übersetzer Frank Heibert bietet es in einem beweglichen, eleganten, auch ruppigen Deutsch und erinnert uns nebenbei an wunderbare sprachliche Angebote wie „Lächeldilächel“.

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