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Langer Samstag

  • Christian Thomas
    VonChristian Thomas
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Terrorismus als Tragödie: In Ian McEwans Roman "Saturday" wird der Bedrohung durch mentale Robustheit getrotzt

Der Dschihad hat Himmel und Erde der großen Städte unsicher gemacht. Beide sind darüber zu Hemisphären einer schrecklichen Erwartung geworden. Daher gilt für Henry Perowne, als der Neurochirurg gegen vier Uhr morgens an seinem Schlafzimmerfenster verharrt, nicht einmal mehr das Selbstverständliche eines Nachthimmels. Aus Londoner Sicht kündigt der Feuerschweif am dunklen Rundhorizont ein Drama an, denn an ein kosmisches Ereignis mag Perowne nur für wenige Augenblicke glauben. Angesichts des internationalen Terrorismus wird auch diese Londoner Hemisphäre für den Hirnspezialisten zu einer furchterregenden Projektionsfläche (s. FR v. 11. Juli).

Schon darin mag der Leser eine schier gewaltige Roman-Konstruktion erkennen. Ian McEwan, dessen Geschichten das Unheimliche wie das Ungeheuerliche noch nie fremd waren, nutzt die Konstruktion als szenisches und dramatisches Prinzip, um in seinem neuen Roman Saturday zu erzählen, dass der Terrorismus in London zu einem urbanen Umweltfaktor geworden ist. Zum Londoner Umweltbewusstsein gehört schon seit Jahrzehnten das Terrortrauma - und das Wissen, dass "ein Anschlag unausweichlich ist", wie es in Saturday auf den letzten Seiten prophetisch heißt.

Bewusstseinsschauplätze

Londoner Leben als eine Symbiose mit einer unsichtbaren Gefahr, von der man weiß, dass sie stets präsent ist, hat McEwan auf einen historischen Tag gelegt, den 15. Februar 2003, als in der britischen Hauptstadt über eine Millionen Menschen gegen den Irak-Krieg demonstrierten, "um kundzutun, dass sie Frieden und Folter befürworten", wie McEwan seinen Helden in aller Ambivalenz denken lässt. Denn Perowne misstraut dem selbstgerechten Friedensfest genauso wie der aggressiven Bush-Regierung. Immer wieder ist es der Schädel Perownes, den McEwan zum Schauplatz seines Romans gemacht hat - mit allen ästhetischen Folgen, denn dieser Kopfarbeiter bewegt sich auf der Höhe der britischen Leitartikel ebenso wie auf dem Höhenkamm der medizinischen Literatur. Trotz aller Herausforderungen im Laufe des Tages, zwischen Aufwachen und Einschlafen, bleibt Perowne ein emotionaler und intellektueller Gleichgewichtsheros. Perownes mentale Robustheit ist ein Immunsystem, das selbst unter den Londoner Umweltbedingungen nicht kollabiert.

Aber es muss hart arbeiten. Denn selbstverständlich bemächtigen sich Zweifel und Verunsicherung auch des Hirns dieses Diagnostikers, und gelegentlich schleicht sich gar die Paranoia ein. Perowne ist als eine McEwan-Figur beides, eine Verdrängungsbestie und ein Vergegenwärtigungsreißwolf. Das erst recht macht Saturday zu einer grandiosen Studie über eine mentale Haltung, die an den bürgerlichen Tugenden und Sicherheiten einen Halt findet - nicht zuletzt auch an einer Hoffnung, die sich an den Selbstbehauptungswillen eines so singulären Kunstwerks wie dem urbanen Organismus einer Weltstadt klammert.

Am Ende des für Henry Perowne Langen Samstags sieht sich der Leser konfrontiert mit einem bürgerlichen Heldentableau. Polemisch könnte man sagen: Trotz allgemeiner Dschihad-Atmosphäre werden christliche Tugenden nicht suspendiert. McEwans Protagonist ist ein untadeliger Liebhaber, der seit Jahren keine andere Frau begehrt außer Rosalind, sein Weib, mit dem er an diesem Tag zwei Mal schläft. Perowne ist ein weitgehend gefasster Zeitgenosse selbst in den Momenten, in denen er selbst mit dem Leben bedroht wird, und auch das geschieht gleich zwei Mal an diesem Tag. Einmal schenkt er als Operateur Leben, als Sohn aber muss er hilflos dem Siechtum seiner demenzkranken Mutter zusehen. In der Szene, in der sich Perowne von ihr verabschiedet, die ihn in ihrer Umnachtung zunächst nicht erkannte und die nicht mehr weiß, wo sie lebt, kommt ihr geradezu jäh Gott in den Sinn.

Zwei intellektuelle Konfrontationen erlebt Perowne, eine mit seinem Sohn Theo, dem Blues-Musiker. Eine zweite mit seiner Tochter Daisy, der Lyrikerin, von der er seit Jahren eine Lektüreliste erhält, um sie abzuarbeiten. Zwischen Vater und Sohn genauso wie zwischen der Tochter und dem Vater steht an diesem Tag der Friedensdemonstration die Frage nach der Legitimität des Krieges gegen Saddam. In der Konfrontation mit dem Sohn ist Perowne eine Taube, in dem Disput mit der Tochter ein Falke.

McEwans annähernd 400 Seiten starker Roman ist ein Reißbrettepos. Sein Tableau ist vor-modern, ob der Roman nach-metaphysisch ist, mag man nicht allein daran ermessen, dass selbst der dicke Benz nur ein prekäres Obdach bietet, als Perwowne sich in seinem S 500 drei modernen Wegelagerern ausgesetzt sieht. Das Tableau zehrt von Duellen, auf der Straße, im Verlauf des Überfalls, auf dem Squash-Court, zwischen den Kollegen, im Hause Perownes, im Zuge des Einbruchs. Im OP, während des Eingriffs in den Kopf Baxters, macht der Chirurg, der während des Squashmatches mit seinen Gedanken nicht immer bei der Sache war, weshalb er gegen den Kollegen den Kürzeren zog, doch noch vorübergehend Punkte - er erzielt sie gegen ein vorzeitiges Ableben.

Joyces Ulysses oder Virginia Woolfs Mrs. Dalloway, die 24-Stunden-Universen des 20. Jahrhunderts, beginnen im Präteritum. McEwans ästhetische Entscheidung galt der Gegenwart, und ein Grund mag darin liegen, dass Perowne vor allem in einem stets labilen Heute lebt und einer prekären Geistesgegenwart arbeitet. Als Neurochirurg ist der 48-Jährige eine Koryphäe ("Es heißt, niemand öffne einen Schädel so zügig wie Henry Perowne"), als solcher ein Präsenskünstler. Wer unter seinen Händen operiert wird, "hat das Bewusstsein der eigenen Existenz (...) verloren. Er war reine Gegenwart, frei vom Gewicht der Vergangenheit und allen Ängsten um die Zukunft." Eine "solch wohltuende Selbstvergessenheit" lässt Perowne selbst Baxter zuteil werden, der ihn im Laufe des Langen Samstags gleich zwei Mal bedroht hat: zunächst auf offener Straße, schließlich auch in seinen eigenen vier Wänden.

Wenn Perowne dem Attentäter, der sich bei einem Sturz eine lebensgefährliche Schädelverletzung zuzog, das Leben rettet, wozu der Chirurg die Goldberg-Variationen in der samtweichen Interpretation Angela Hewitts abspielen lässt, so geschieht das weniger aus christlicher (also fundamentaler) Barmherzigkeit als aus kategorischem (also angewandtem) Pflichtgefühl. Dem aber ist der Gedanke an Vergeltung nicht vollkommen fremd. Indem Baxter aus der Selbstvergessenheit der Narkose in die Gegenwart zurückfindet, ist über ihn, darum weiß der latente Sadismus dieser McEwan-Figur, ohne dass er sich daran laben wollte, eine Frist verhängt. Baxter, Opfer der Huntington-Krankheit und damit der unausweichlichen Auflösung seiner geistigen und körperlichen Fähigkeiten, hat nicht mehr lange zu leben.

Warten in Saturday vollzieht sich in einer stets herausfordernden Gegenwart. Sie ist das Zeitmaß, dass McEwan mit Vorliebe dehnt - auch in der grandiosen Szene, die zugleich Vorgriff auf den Besuch der demenzkranken Mutter und Rückblick auf die vormals vitale Frau ist. Insbesondere aber ist das Präsens das Tempus der Tragödie, deren Handlungen unter dem Gesetz einer Frist stehen, die wie von einem Fatum regiert wird. Perownes schweifender Blick, frühmorgens, geschieht im Vorgefühl auf einen Terrorakt, in dem Fernblick und Ferngedächtnis zusammenfallen. Ein Fernblick, der den zerstörten Twin Towers gilt; und ein Ferngedächtnis, das um die sich über Jahrzehnte hinziehenden Anschlagserien der IRA weiß.

Am Ende, wenn Perowne erneut am nächtlichen Fenster steht, lässt er müde, gleichsam mit stoischem Blick, die Ereignisse des Tages Revue passieren, darunter die Nachricht, dass das Flugzeug, trotz eines brennenden Triebwerks, sicher auf Heathrow zur Landung gebracht werden konnte. In einer solchen Atmosphäre lässt der Roman seinen Helden sagen: "Als Londoner könnte man sich direkt nach der IRA zurücksehnen." Und am Ende, wenn der erfrischte Liebhaber erneut am Fenster steht, nachdem Ian McEwan die fünf Kapitel seines Romans wie fünf Akte eines aristotelischen Dramas an einem einzigen Tag spielen lässt, wird es heißen: "London, sein kleiner, offen vor ihm liegender, unmöglich zu verteidigender Ausschnitt, wartet wie hundert andere Städte auf seine Bombe." Im Anschluss an diese Feststellung legt McEwan eine zynische Perspektive Perownes nahe, wenn es weiterhin heißt: "Die Rush-hour böte eine passende Gelegenheit." Der Konjunktiv des Gegenwartsmenschen als Spekulation darüber, dass "der Anschlag unvermeidlich ist".

Jenseits aller Zuversicht

In der Art, wie Perowne seine Perspektive den Londoner Aussichten anpasst, hat er aus ihr alle Hoffnung fahren lassen. Wie dieser Diagnostiker dies konstatiert, mutet er Furcht und Mitleid zu. Denn es gehört zu den fundamentalen Einsichten von Saturday, dass der urbane Organismus von London dem islamistischen Terror ausgeliefert ist wie einer Fügung. Mit beträchtlicher Tragödienwucht erzählt McEwan von der Latenzphase einer schrecklichen Erwartung jenseits aller Zuversicht. Zu McEwans prinzipienfester Bilanz, mit der er als Kommentator im Guardian auf den Massenmord vom 7. Juli reagierte, verhält sich Saturday, worin es auch um die schleichende Pathologisierung einer dem Terror ausgelieferten Urbanität geht, nicht nur autonom, sondern asymmetrisch.

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