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Eine Eule trägt zur Verstörung des Erzählers bei.

Murakami Roman

Ein langer, ruhiger Fluss voller Untiefen

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Der neue Roman von Haruki Murakami ist auf Deutsch verfügbar und erfüllt höchste Erwartungen.

Odawara sieht sich vor einer blühenden Zukunft. Die Stadt südwestlich von Tokio, so berichtete es die japanische Tageszeitung „Asahi Shimbun“, erwartet einen Ansturm von Touristen, der für „eine neue Welle des Reichtums“ sorgen werde. Das jedenfalls war die Überzeugung beim Buchhändler am Bahnhof wie beim Tourismus-Chef im Rathaus, als Haruki Murakamis neuer Roman „Die Ermordung des Commendatore“ vor etwas weniger als einem Jahr in Japan erschienen ist. Und nun kommen ja erst die weltweiten Übersetzungen hinzu. Auf Niederländisch liegt der Roman schon vor, jetzt auch auf Deutsch und demnächst dann auf Englisch.

Gut möglich, dass die „Harukisten“, die eingefleischten Fans des japanischen Starautors, tatsächlich ein Ticket nach Odawara an der Sagami-Bucht lösen werden. Denn Murakami hat seinen Roman dort angesiedelt. Und was er zu erzählen hat, sendet allemal genügend Reizstoffe aus, um sich den Ort des Geschehens einmal näher ansehen zu wollen.

Die Geschichte beginnt allerdings in der Hauptstadt Tokio. Dort lebt der Ich-Erzähler, der als Künstler das „Nichtkonkrete“ schätzt, aber zum Broterwerb sehr konkrete Porträts anfertigen muss. Er erfährt einen Schicksalsschlag, der für einen Murakami-Roman elementar ist: eine Trennung, einen Verlust. Ehefrau Yuzu will die Scheidung. Allerdings raunt der Erzähler, der auf diese Ereignisse Jahre später zurückblickt, dass es dazu nicht kommen wird. Denn: „Danach geschah so vieles, dass wir am Ende beschlossen, unsere Ehe fortzuführen.“ Oha.

Doch erst einmal die Scheidungs-Ankündigung! Dass darauf kein eskalierender Streit folgt, darf ebenfalls als typisch für die Murakami-Helden gelten. Solche Verluste werden meist mit Contenance zur Kenntnis genommen; dass es im Innern ganz anders aussieht, versteht sich von selbst. Der Erzähler verlässt die eheliche Wohnung, gibt das Malen auf und fährt wochenlang ziellos durch die Gegend. Dann bezieht er ein Haus in den Bergen oberhalb von Odawara, genau an der Wetterscheide, von wo aus ein Zipfel des Pazifiks zu sehen ist. Es ist das leerstehende Cottage des berühmten Malers Tomohiko Amada. Der liebte deutsche Musik. Und im Jahre 1938 soll er in Wien an einem Attentat auf einen Nazi-Funktionär beteiligt gewesen sein.

Man mag es ahnen: Das Haus hat einiges an Verstörung und Nervenkitzel zu bieten. Dazu gehören eine Eule auf dem Dachboden, ein rätselhaft-reicher Nachbar, die Möglichkeit einer Selbstmumifizierung und die Entdeckung des Gemäldes „Die Ermordung des Commendatore“, das möglicherweise auf das Attentat von 1938 verweist. Vor allem aber ist da noch ein gestaltloser Besucher, ein Geist, der mit einem Glockenstab läutet und der von sich sagt: „Ich bin nur eine Idee“. Das sind seltsame Phänomene, die den Erzähler sehr zu Recht ins Grübeln bringen. Wo sich doch schon dem Leser, der in relativer Sicherheit die Buchseiten umblättert, zuweilen die Nackenhaare sträuben. Es ist ein dezentes, geradezu kontemplatives Schaudern, das Murakami hier stimuliert: Sein Roman ist ein langer, ruhiger Fluss voller Untiefen.

Eine solche „Untiefe“ ist Wataru Menshiki. Der Nachbar nämlich überredet den Erzähler, ein Porträt von ihm zu malen, später auch noch von seiner Tochter, die möglicherweise gar nicht von ihm ist. Ausdrücklich fordert Menshiki den Künstler auf, seiner Intuition zu folgen. Das ist erst eine Last, dann eine Befreiung. Viel ist im Roman von der Malerei die Rede. Von Farben und Perspektiven, vom bloßen Abbilden und tiefen Erkennen, von westlicher Malerei und dem japanischen Nihonga-Stil. Und gewiss meint Murakami auch seine Arbeit, also das Schreiben, wenn er vom Malen spricht: „Ein bedeutender Aspekt für einen Porträtisten ist es, seinen Klienten zumindest ein wenig sympathisch zu finden.“

Mit einem Peugeot 205 war der Held einst in dieses Abenteuer aufgebrochen. Und gleich könnte man eine Fahrzeug-Liste anlegen. Denn noch weitere Modelle fahren im Roman vor: Toyota Corolla, Volvo, Jaguar, Range Rover, Mini Cooper, Subaru Forester, Toyota Prius oder Nissan Infiniti. Ebenso ließe sich eine Liste mit klassischer Musik erstellen, die im Buch gewürdigt wird: „Don Giovanni“, „Rosenkavalier“, Verdis „Ernani“ oder Schuberts Streichquartette. Das gleiche wäre möglich mit Wetterberichten („Am frühen Morgen regnete es, hörte aber vor zehn Uhr auf“). oder Lektüre-Empfehlungen („Erzählungen beim Frühlingsregen“ von Ueda Akinari). Diese konkreten Angaben versehen den Roman nicht nur mit Farbtupfern, sondern erden ihn. Diese Bodenhaftung ist umso wichtiger, da die Geschichte dem Leser aufgrund ihrer Rätselhaftigkeiten oft um die Ohren zu fliegen droht.

Der Einfluss der Literatur

Das aber ist des Pudels Kern – oder in diesem Falle: der Eule Kern: In Murakamis Welt stehen wir mit beiden Beinen auf der Erde, aber diese neigt dazu, mal leicht zu schwanken und mal tiefe Spalten zu offenbaren. Es sind Erdbeben ohne Ausschlag auf der Richterskala. Sie verweisen auf das Irreale im Realen. Und es ist des Autors Kunst, solcherart das Leben als etwas Geheimnisvolles zu zeigen. Im Roman sagt es Wataru Menshiki mit diesen Worten: „Hin und wieder kann man in unserem Leben die Grenze zwischen Realität und Illusion nicht richtig ziehen. Diese Grenze scheint unablässig in Bewegung zu sein und zu variieren. Wie Landesgrenzen, die ständig willkürlich verlegt werden. Man muss diese Bewegungen genau im Auge behalten. Tut man dies nicht, weiß man auf einmal nicht mehr, auf welcher Seite man sich befindet.“

„Die Ermordung des Commendatore“ ist ein Murakami-Roman, der alle Erwartungen aufs Schönste erfüllt. Er ist fesselnd, originell und stellenweise sogar humorvoll. Doch das ist noch nicht die ganze Geschichte. Wie zuvor schon im dreiteiligen Epos „1Q84“ mag sich Murakami abermals nicht mit einer Standardtextlänge zufrieden geben. Er liefert den demonstrativen Gegenentwurf zur alltäglichen Tweet-Verknappung. So folgt im April noch ein zweiter Teil. Das muss auch sein. Denn das Ende des ersten Bandes als offen zu bezeichnen, wäre eine grobe Untertreibung. Da kommt noch einiges auf uns zu – dunkle Vergangenheit und aktuelle Verwüstung inklusive.

Und was wird aus Odawara? Zwischen vier und fünf Millionen Touristen besuchen die Stadt im Jahresdurchschnitt. Ziel ist es, diese Zahl bis 2022 auf sieben Millionen zu steigern. Sollte Haruki Murakamis „Commendatore“ dazu etwas beitragen können, wäre es ein bemerkenswerter Nachweis für den Einfluss der Literatur. An der Qualität des Romans jedenfalls kann das Projekt nicht scheitern.

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