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U-Boot-Männer im Ersten Weltkrieg. Einer von ihnen wird der Vater von Friedrich Christian Delius' "Liebesgeschichtenerzählerin" sein.

Delius „Die Liebesgeschichtenerzählerin“

Der lange Weg zum Roman

Die unvermeidliche Herkunft: Friedrich Christian Delius überlässt der „Liebesgeschichtenerzählerin“ das Wort.

Von Jürgen Verdofsky

Früher waren mir Stammbäume peinlich“, hieß es in der Roman-Satire „Der Königsmacher“ von Friedrich Christian Delius. Fünfzehn Jahre und fünf Romane weiter begegnet uns die Liebesgeschichte des Prinzen von Oranien, des späteren niederländischen Königs Willem I. und der Berliner Tänzerin Marie Hoffmann nebst gemeinsamer „illegitimer“ Tochter Wilhelmine wieder.

Mit dieser Königsaffäre aus napoleonischen Kriegen hebt der Büchner-Preisträger Delius im Roman „Die Liebesgeschichtenerzählerin“ zwei andere Herzensverbindungen zu hochgemuter Genealogie. Die beiden späteren Geschichten, sie sind von den Weltkriegen nicht zu trennen, gehören zu einer protestantischen Familie aus Mecklenburg, die Delius schon mit seiner Erzählung „Bildnis der Mutter als junge Frau“ streifte.

Diese Familie der U-Boot-Fahrer und Pastoren trägt mit sich „zwei ganze Königshäuser, in ein paar Blutstropfen versteckt“. Das erinnert an Familiensagas; ihr Ansehen bestimmt sich nach ihrem Alter und ihren Verschwägerungen. Die Vieldeutigkeit der Herkunft flammt für Marie von Schabow, Jg. 1919, verheiratete von Mollnitz, Kriegsgeneration und vierfache Mutter, zum Zündungserlebnis auf.

Marie wird daran nicht nur ihrer eigenen Geschichte gewahr, sie will sich auch in dem, was sie erkannt hat, als Schriftstellerin konstituieren. Drei Liebesgeschichten aus gut hundertfünfzig Jahren umkreisen sich, das schreibt sich nicht im Handstreich. Erst Intervalle geben sie frei. Das Schreiben als zwiespältiger Zufluchtsort bleibt Rahmenhandlung.

Ein neuordnendes Licht

Ein umständlicher Weg. Des zweiten Bades im Fluss der Oranier hätte es nicht bedurft. Der Roman handelt nicht, er ist eine Bildfolge als Familiengedächtnis, vor allem: Bildnis der Tante als Frau von fünfzig Jahren. Marie hat das Gröbste hinter sich, vierundzwanzig Jahre nach dem letzten Krieg. Winter 1969, wenige Tage in Den Haag, Scheveningen und Amsterdam genügen für eine durchbrechende Selbstbesinnung mitten im gefestigten Leben. Recherchen im Königlichen Archiv, Evokation bei Rembrandt und Vermeer. Es ist, als sei Marie plötzlich für die lastende Vergangenheit ein neuordnendes Licht aufgegangen. Aber Schreiben als Neubeginn lässt sich nicht allein durch einen Willensakt begründen, das Vorleben ist zu stark.

Der Vater Hans von Schabow war im Ersten Weltkrieg U-Boot-Kommandant, Korvettenkapitän bei der Abwehr im Zweiten, die Mutter Hildegard ist Tochter einer Gräfin Schwerin und eines Generals von Quadt Wykradt-Hüchtenbruck. Sie trafen sich in Kriegstrauer, zu den vielen Toten gehörte ihr Fast-Verlobter und sein Bruder, sie erkannten sich in der Trauer um denselben Menschen. Auf ihre Kriegstrauung folgte Kriegszittern, aber kaum Siegeszweifel. Mit robustem Gewissen wurden Schiffe versenkt. Abdankung des Kaisers und Revolution stürzten den U-Boot-Mann in eine Sinnkrise. Ein 30-jähriger Adelsmann mit Eisernem Kreuz, besitz-, berufs- und bestimmungslos.

Zur geistigen kam eine körperliche Lähmung. Doch ein „zupackender“ Prediger bewirkte die Erweckung. „Vom Kaisergehorsam zum Gottesgehorsam“, eine neue Laufbahn als wortgetreuer Missionsprediger. Der neue Verkündiger blieb deutsch-national, aber aus Christenpflicht auch Hitler-Gegner. Immer gefolgt von seiner Frau, der sechsfachen Mutter im verständigen Gleichmut. Das christliche Zeugnis sahen beide in der Bekennenden Kirche bewahrt.

Dieser vorgelebten Gegenströmung zur regimenahen „Reichskirche“ folgte auch Marie, kaum konfirmiert, „hab ja lange den Kompromiss gesucht zwischen Kreuz und dem Hakenkreuz … wer weiß, was geworden wäre, wenn die Nazis nicht gegen Christen und Juden gehetzt hätten“. Auch für sie galt die Beschleunigung der Liebe in Zeiten der Kriege; Heimaturlaube sind kurz. Der Auftritt des Unteroffiziers und Gutsbesitzersohns Reinhard von Mollnitz kam als lebensbestimmender Zufall. Maria wird „seiner sanften Augen wegen ihren Lebensplan umwerfen“. Der vorpreschende Glückswille hieß jetzt, nicht weiter studieren, dafür sich als Gutsfrau ausbilden zu lassen. Das erste Kind, Ungewissheit und Überleben.

Mit dem Einzug der Russen ging auch das Gut in Mecklenburg verloren. Unfassbares war geschehen, ohne Marie mitgerissen zu haben. Fünfjähriges Warten auf den Mann in russischer Gefangenschaft, Neuanfang in Hessen, mäßiges Auskommen bei vier Kindern. Für intellektuellen Gestaltungswillen blieb wenig Raum. Immerhin konnte Marie eine Biographie ihrer Lehrerin Elisabeth von Thadden, als Beteiligte des Solf-Kreises 1944 hingerichtet, den Alltagszwängen abringen.

In den Szenen vom Kriegsende und Nachkrieg gewinnt der Roman Gestaltungshöhe: das Schwanken bis zur Entscheidung, vor den Russen nicht zu fliehen; die abgewehrte Vergewaltigung; das von den Besatzern angesetzte Konzert mit deutschem Liedgut; Warten in Ungewissheit und Rückkehr des Mannes als Spätheimkehrer, lädiert, zumindest verändert.

Aber zum Ende wird alles dramaturgisch verkürzt, die Erzählhöhe fällt ab in eine kleine Eifersucht. Delius lässt Marie von Schabow in einem vieldeutigen Zustand zurück, als sei alles eine Fortsetzungsgeschichte. „Schreiben ist ordnen!“, diese Lehrerweisheit begleitet Marie, aber an ihr droht nicht nur sie zu scheitern. Delius gelingt zwar eine rotierende Ordnung der Geschichten, dafür aber wenig an sinnlichem Erzählen, das „Liebesgeschichten“ selbst im Anriss nun einmal brauchen.

Der lange Weg zum Roman erschöpft sich als Rahmenhandlung. Wie Marie mit der jeweils diensthabenden Liebesgeschichte ringt, ihre Art von Pointenverschleppung, wird zur Groteske des Schreibens an sich. Aber trotz routinierten Gebrauchs moderner Erzählmittel bleibt die Wiederkehr des langweilenden Romans nicht völlig ausgeschlossen.

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