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Die Autorin und Journalistin Charlotte Wiedemann

Charlotte Wiedemann

Mit Weißen über Hautfarbe sprechen

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Reflektiert und weiß zu sein, bedeutet heute im Idealfall oft auch zu schweigen und zuzuhören. Anderen den Raum zu überlassen, der einem früher einfach zugestanden hätte. Dennoch hat Charlotte Wiedemann ein Buch über weiße Vorherrschaft geschrieben.

Am Samstag ist Theodor Wonja Michael im Alter von 94 Jahren gestorben. Er wurde 1925 in Berlin geboren. Sein Vater war vor dem Ersten Weltkrieg aus Kamerun, damals eine deutsche Kolonie, nach Deutschland gekommen. Dass Kamerun eine deutsche Kolonie war, wissen heute die wenigsten. Ebenso wenig, dass es in Deutschland Völkerschauen gab: Dort wurde Theodor Wonja Michael wie im Zoo zur Schau gestellt, weil er Schwarz war. Das ist nur eine vieler Menschenverbrechen, die Deutschland zu verschulden hat – von den Konzentrationslagern, die Deutschland 1904 in Namibia errichtet hat, ist dabei noch gar keine Rede. Von einer aufgeklärten Aufarbeitung dieser Unmenschlichkeiten sind wir noch weit entfernt. Theodor Wonja Michaels Biographie ist geprägt von Diskriminierung und Rassismus. Sie ist auch geprägt von Delegitimierung: Zuerst wurde ihm im Nationalsozialismus der Pass entzogen, er wurde staatenlos. Später erfüllte die Frage: „Woher kommen Sie eigentlich?”, eine ähnliche Funktion. Seine Lebensgeschichte ist eine, die wir nie vergessen dürfen. Sich mit der Geschichte deutscher Unterdrückung auseinanderzusetzen, liegt in der Verantwortung derer, die heute noch von ihr profitieren.

„Bin ich die richtige Person, um ein Buch über den Abschied von der weißen Dominanz zu schreiben?”, fragt sich die Journalistin Charlotte Wiedemann. Getan hat sie es in jedem Fall – es heißt „Das Ende von der weißen Dominanz” und ist sowohl eine Erinnerung an die so gerne ignorierte deutsche Kolonialgeschichte als auch eine Verhandlung der eigenen, weißen Position. In kurzen Kapiteln zu einzelnen Stichpunkten die zum Querlesen einladen sollen, werden verschiedene Aspekte weißer Dominanz reflektiert. Theodor Wonja Michael findet in ihrem Buch keine Erwähnung, wohl aber die Völkerschauen, die deutschen Kolonien und viele andere Verbrechen, die in der deutschen Geschichtsschreibung sonst nur als Randbemerkungen auftauchen.

Einer der bösartigsten Mechanismen des modernen, alltäglichen Rassismus ist es, dass Erfahrungen angezweifelt werden. Solange es nicht zu Gewalt kommt (und oft selbst dann nicht), wird behauptet, es gäbe kein Rassismusproblem, und eine mögliche konstruktive Auseinandersetzung ist beendet, bevor sie beginnen kann. Aus Selbstschutz bevorzugen manche marginalisierten Personen es deshalb, nicht mehr mit weißen Menschen über Rassismus zu sprechen. Aus Ermüdung, immer wieder die eigene Existenz erklären zu müssen. Diese Reaktion ist nachvollziehbar.

Uns Weißen muss klar werden, dass wir weiß sind

Das bedeutet aber nicht, dass wir uns als weiße Menschen deshalb entspannt zurücklehnen dürfen. Im Gegenteil: Denn es ist nicht die Verantwortung der Menschen, die von Rassismus betroffen sind, ihn auch zu beseitigen. Wenn wir eine gerechtere Welt formen wollen, müssen weiße Menschen an sich selbst arbeiten, viel mehr und sofort. Wir müssen anerkennen, dass es Rassismus gibt – das ist wohl das mindeste – und anerkennen, dass wir von ihm profitieren, immer und überall.

Für ihr Buch hat Wiedemann auf ihre langjährige Erfahrung als Auslandsreporterin zurückgegriffen. Sie hat vier Jahre in Malaysia gelebt, Reportagen aus Mali, dem Iran und gut zwanzig anderen außereuropäischen Ländern geschrieben, unter anderem für „Geo”, „Die Zeit” und „Le Monde Diplomatique”. Sie streut persönliche Erfahrungen zwischen Exkurse in Werke von Denker*innen, die den postkolonialen Diskurs geprägt haben. Sowohl Du Bois und Fanon als auch das Combahee River Collective und Kimberlé Crenshaw finden hier unter anderem Erwähnung. Auch deutsche Autor*innen wie May Ayim und Max Czollek lernt man kennen. Es sind eher Denkanstöße als tiefe Auseinandersetzungen, die Wiedemanns Buch bietet; kleine Einblicke in Diskurse, die einer weißen Mehrheitsgesellschaft meistens eher fremd sind.

Für Menschen, die in einem Deutschland aufgewachsen sind, das demografisch noch anders aussah, als wir es heute kennen, hat Charlotte Wiedemann dieses Buch geschrieben. Für all jene, die nicht anerkennen wollen, dass Rassismus ein reales Problem ist. Lernen können von diesem Buch aber alle etwas. Wiedemann beginnt mit einer Erinnerung an ihren ersten Schultag 1960: „Wir hießen Erika, Hildegard, Sigrid, Peter, Norbert, Eberhard. Haarfarbe meist zwischen blond und hellbraun.” Die „Anderen” waren damals noch die Kinder von der evangelischen Schule nebenan. Von da an geht es durch die verschiedenen Migrationsbewegungen in die Bundesrepublik und in die DDR, die erst erwünscht, dann unerwünscht waren. Die Kinder dieser Generation von Gast- und Vertragsarbeiter*innen sind es nun, die an der Tradition der weißen Dominanz rütteln. In Deutschland aufgewachsen, können und wollen sie systematische Marginalisierung nicht mehr akzeptieren.

Von weißer Fragilität zu weißer Selbstkritik

Dass weiße Menschen schon bald nicht mehr auf ihrer privilegierten Position beharren werden können, ist für Wiedemann unausweichlich. Die Herausforderung wird sein, wie wir damit umgehen. Versuchen wir uns verzweifelt an realitätsferne Gesellschaftsmodelle zu klammern oder versuchen wir einen neuen Weg zu ebnen und nutzen die Gelegenheit unsere eigene Identität neu zu denken.

Eine konkrete Antwort gibt uns Charlotte Wiedemann aber nicht. Beim Lesen kommt stellenweise das Gefühl auf, man hat es hier mit einem Text zu tun, der einer bestimmten älteren und bürgerlichen Elite Gelegenheit geben soll, bei der Lektüre am Frühstückstisch in der Eigentumswohnung, neben French Press und Poached Egg, mit einem betroffenen Seufzer den Kopf zu schütteln, bevor man besagte Wohnung weitervererbt. Wenn zum Beispiel von Restitution die Rede ist, also der Rückerstattung von Kunst, die zu Kolonialzeiten geraubt wurde, dann kann man Wiedemanns Forderung danach nur zwischen den Zeilen erahnen. Denn so informativ das Buch in seiner Beschreibung deutscher Geschichte ist, so unkonkret bleibt teilweise die Kritik an der heutigen Gesellschaft. Wiedemann verpasst es auch, bei sich selbst anzusetzen und zu zeigen, wie wir alle an der Reproduktion von Rassismus beteiligt sind. Sie selbst, daran scheint sie keine Zweifel zu haben, ist eine der Guten. Durch den nüchternen Erzählstil wirkt die Autorin streckenweise fast unbeteiligt. Das mag strategische Gründe haben – vielleicht will man eine bestimmte Zielgruppe nicht abschrecken –, aber Charlotte Wiedemann geht damit einen schwierigen Kompromiss ein, der den einen zu links, den anderen nicht links genug sein wird.

Trotzdem, an seinen besten Stellen ist „Der lange Abschied von der weißen Dominanz” brilliant: Eine messerscharfe Analyse, wie der historische Ballast unsere Gesellschaft bis heute prägt. Von unserem Umgang mit Geflüchteten bis zu unserem Sprachgebrauch. In seinem Essay „White Man’s Guilt” schreibt James Baldwin: „The great force of history comes from the fact that we carry it within us, are unconsciously controlled by it in many ways, and history is literally present in all that we do.” Wenn Geschichte also in uns allen steckt und durch uns agiert, liegt es in unserer Verantwortung, sie auch zu kennen. Charlotte Wiedemanns Buch kann uns dabei helfen.

Wenn Sie nur ein einziges Buch zu diesem Thema lesen, dann lesen Sie bitte lieber „Eure Heimat ist unser Albtraum”, eine Anthologie geschrieben von vierzehn Autor*innen, über ihre Erfahrungen mit Rassismus in Deutschland. Aber wenn Sie danach noch Kraft zur Reflexion haben (und das sollten Sie), dann lesen Sie Charlotte Wiedemanns Buch.

In der Rubrik "Unter Dreißig" berichten Studierende aus Berlin von der Frankfurter Buchmesse.

Charlotte Wiedemann: “Der lange Abschied von der weißen Dominanz”. Sachbuch, dtv 2019

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