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Wut als Hauptantrieb für das Schreiben: Tristan Egolf.

Roman "Kornwolf"

Lang lebe der Underdog

Tristan Egolfs letzter Roman "Kornwolf": ein Buch, das gesättigt ist von ungebändigtem Sprachwitz, getrieben von skurrilen Ideen und anarchischem Einfallsreichtum. Von Christoph Schröder

Von Christoph Schröder

Um den amerikanischen Schriftsteller Tristan Egolf ranken sich zahlreiche Legenden und Geschichten. Zunächst die der Publikation seines ersten Romans, den in den USA kein Verlag drucken wollte und der schließlich im renommierten französischen Verlag Gallimard erschien. Angeblich hatte zuvor die Tochter des Schriftstellers Patrick Modiano Egolf in Paris kennen gelernt, wo dieser während seiner Reisen durch Europa als Straßenmusiker sein Geld verdiente. Modiano soll es dann gewesen sein, der das Manuskript weiterempfahl.

Ein höchst romantischer Beginn, wie es scheint, zumal Egolfs Debüt "Monument für John Kal-tenbrunner" schnell zum Kultbuch wurde, so wie sein Verfasser selbst auch zum Vorzeigevertreter einer Gruppe von politisierten Angry Young Men avancierte. Egolf demonstrierte in Unterhosen gegen George W. Bush, wurde wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses festgenommen und verklagte daraufhin seinerseits den Staat. Nach Monaten der Depression, das ist die letzte, traurige Geschichte, erschoss Tristan Egolf sich im Mai 2005 im Alter von 33 Jahren in der Nähe seiner Heimatstadt Pennsylvania.

Nun hat der Suhrkamp Verlag Egolfs dritten und letzten Roman publiziert, übersetzt und mit einem Nachwort versehen von Frank Heibert, einem Freund des Autors: "Kornwolf" ist, nach dem eher schwächeren zweiten Roman "Ich & Louise", ein Buch, das gesättigt ist von ungebändigtem Sprachwitz, getrieben von skurrilen Ideen und anarchischem Einfallsreichtum, vorangetrieben von einem hämmernden Rhythmus. Wer Subtilität sucht, ist hier fehl am Platz, aber Spaß gibt es eine ganze Menge. Das Setting könnte einem Werk von Stephen King entnommen worden sein - eine amerikanische Kleinstadt, in die das Grauen einzieht. Stepford, Pennsylvania, so heißt das Nest, eine Hochburg der Amish People, die außerhalb des Gemeindewesens ein selbstorganisiertes Eigenleben führen. Hierher, in seinen Heimatort, kehrt der Journalist Owen Brynmor als Gescheiterter zurück. Diverse Anstellungen hat er verloren, nun heuert er beim Lokalblatt von Stepford an und stößt alsbald auf eine merkwürdige Geschichte, auf die Legende von einem angeblichen Werwolf, der durch die Wälder des Bezirks streifen soll.

Jede weitere Nacherzählung würde unweigerlich im Hanebüchenen enden - "Kornwolf" entfaltet seine eigene Dynamik und seine eigene Logik. Es treten weiter auf: Ephraim Bontrager, ein vermeintlich stummer und geistig zurückgebliebener Außenseiter aus der Amish-Gemeinde ("Lang lebe der Underdog", lautet das Motto, das Egolf dem Roman vorangestellt hat); dessen gewalttätiger Vater, ein Prediger ausgerechnet; außerdem ein undurchsichtiger Boxtrainer und ein stumpfsinniger Polizist. Sie alle, so wird nach und nach deutlich, haben etwas miteinander zu tun, und hinter alldem lauert der Mythos der so genannten Kornwölfe, die im Deutschland des 17. Jahrhundert durch die Wälder gestreift sein sollen, "stark, riesig und grausam, mit leuchtenden Augen und messerscharfen Zähnen".

Egolfs Stoßrichtung wird schnell deutlich, vielleicht auch ein wenig überdeutlich. Er transportiert die Legende in die Gegenwart; nun sind es die Dämonen der US-amerikanischen Nachkriegsgeschichte, die er in Stepford aufmarschieren lässt; vom Vietnamkrieg traumatisierte, von gesellschaftlicher Repression deformierte Horrorwesen, die in ihren schlimmsten Momenten das Aussehen von Richard Nixon annehmen.

Man mag das im Einzelnen platt finden, doch der Sog dieser Prosa entfaltet sich ohnehin immer erst im Gesamtzusammenhang: Tristan Egolf hatte ein Faible für das Chaos, für das Ekelhafte, für die Gewalt, die von einer geballten Masse von aufgepeitschten Geistesschwachen ausgehen kann.

Wenn es einen Hauptantrieb für sein Schreiben gegeben hat, dann war es Wut, und die findet hier ihren Niederschlag. "In den ersten fünf, sechs Jahren meiner Schulzeit gab es keinen einzigen Tag, an dem ich nicht am liebsten eine Bombe auf den Laden geworfen hätte", hat Egolf im Jahr 2000 in einem Gespräch gesagt. Und in "Monument für John Kaltenbrunner" stürzt der Titelheld, nachdem man ihm erst einmal alles genommen hat, in einem furiosen Rachefeldzug eine ganze Stadt in heilloses Durcheinander; ähnlich wie auch "Kornwolf" in einem geradezu dionysischen Rausch und in blutiger Gewalt endet.

Ob dahinter ein infantiles Muster oder eine verzweifelte Erlösungsfantasie auszumachen ist, bleibt dahingestellt - in jedem Fall spricht auch aus "Kornwolf" eine literarische Stimme, deren Verstummen ungeheuer bedauernswert ist.

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