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Die Landschaft, die Worte und die Reinheit

Einladung, einen subtilen Esoteriker kennenzulernen: Philippe Jaccottet versammelt Gedichte und Prosa-Texte aus den Jahren 1946 bis 1998

Von Hans-Jürgen Heinrichs

Die Tränen in den Augen sind "salzig von Leid", und doch wecken sie "in der unsichtbaren Erde den Keim eines unerschöpflichen Weizens". In diesem Bild ist die vorherrschende Stimmung in Philippe Jaccottets Gedichten und Prosa ausgedrückt: das Leidvolle, Vergebliche und Hinfällige in allem Tun, das Zuendegehen jedes menschlichen Lebens und die Götterferne tragen in sich die Saat der von unerklärlichem Zauber erfüllten Hoffnung auf das Neuentstehen. Er selbst sehe sich dabei nicht in der Rolle des Aktivisten, der sich einmische in den Lauf der Dinge. Eigentlich habe er nie etwas gewollt, es sei denn "so wenig wie möglich zu mogeln; weder der Versuchung der Eloquenz nachzugeben noch den Verführungen des Traums oder den Reizen des Ornaments". In der Möglichkeit, die Wahrheit zu sagen, sei eine tiefgehende Erwartung beschlossen, und der Abgeschiedenheit und dem Schweigen wohne eine große Kraft inne. Dieser Vitalität wolle er in seiner Dichtung Flügel verleihen: ",geflügelte Worte', jenseits oder außerhalb aller vorstellbaren Diskussionen, aller Labyrinthe, die sich der Geist baut." Zeugnis sollen sie ablegen von der Schönheit der Schöpfung. Wenn diese sich ganz ohne Schleier zeigte - könnten wir sie dann ertragen?

Das Licht, die Wolken, die Blumen, die Flüsse, die Wälder und immer wieder die Berge umspielt der 1925 in der Schweiz geborene Philippe Jaccottet mit seinen Worten, erhöht sie, formt sie zu einem Bild, einer Chiffre, einem Symbol. Zugleich möchte er sie doch auch in ihrer Gegenständlichkeit belassen. Den Berg etwa sieht er in seiner Materialhaftigkeit und doch auch ",weggerafft in den Himmel'", zwischen Gegenstand, Bild und Trugbild. Zuweilen wird Jaccottet von der Illusion beherrscht, als grüßten ihn die Blumen, als tanzten sie, gleich Ballettfiguren, als gäbe es tatsächlich eine "Anmut" der Blumen. Jaccottets Skizzen, Impressionen, Notate und Gedichte nähern sich in philosophischer Meditation und poetischer Verdichtung den Gegenständen an. Der Dichter will die Natur besingen und sie zugleich ganz für sich, bei sich belassen.

Sein neuer Band nun versammelt Gedichte und Prosa-Texte aus den Jahren 1946 bis 1998, die zum Teil in den früher veröffentlichten deutschen Ausgaben enthalten sind und zum Teil neu übersetzt wurden. Dies gilt insbesondere für einige Gedichte aus den Anfängen, für zwei Gedichtzyklen aus den Jahren 1983 und 1984 sowie für die späteren Texte aus einem Band, der auch erst unlängst im französischen Original erschienen ist. Jaccottet selbst hat die Auswahl getroffen. In dieser Art Selbstbildnis wird jeder Text-Zyklus mit Auszügen aus Tagebuchaufzeichnungen des gleichen Zeitraums abgeschlossen. Von dem umfangreichen autobiographischen Werk, den vierbändigen Carnets, liegt bisher nur ein schmaler Auswahlband unter dem Titel Fliegende Saat vor, und so ist die Aufnahme der Notate nur zu begrüßen. Wie überhaupt diese Anthologie mit dem fein gesponnenen poetologischen Vorwort des Autors gar nichts Abgestandenes hat.

In all seinen Büchern, die vom Göttlichen handeln, das aber nichts Übernatürliches sei, sondern ganz nah am Menschen lokalisiert werden müsse und dem Geträumten verwandt sei, in all diesen "Landschaftsaufnahmen" hat der Erzähler, Lyriker und Übersetzer Jaccottet einer poetischen Schönheit mannigfachen Ausdruck verliehen, eine Schönheit, die selbst da, wo von überirdischen Wesen in der Natur die Rede ist, ungekünstelt wirkt.

Zuweilen ist es nur ein ganz schmaler Grat zwischen dem Banalen und dem Abgehobenen. Jaccottet nimmt nahezu unscheinbare Verschiebungen vor, um aus dem Alltäglichen eine eigene Perspektive herauszuschälen und einen erfahrungsgesättigten poetischen Ton für das Bekannte zu finden. "Wie fügt sich die Poesie in das Alltägliche ein?" fragt er. Und antwortet: "Entweder ist sie ein Schmuck, oder sie müsste im Innern jeder dieser Gesten oder Handlungen sein." Die Dichtung erleuchte hin und wieder, für einen Augenblick, das Leben, wie wenn Schnee gefallen sei. Und er weiß sich einig mit dem Mystiker Rumi, der schreibt: "Das Wort ist jener Wind, der Wasser war. Es wird wieder zu Wasser, nachdem es seine Maske abgeworfen hat."

Jaccottet hat einmal notiert, sein einziges Geschäft sei es, inständig zu bleiben, sich immer wieder neu zu erinnern und zu vergessen - auf's Neue zu entdecken und sich zu verlieren. So verliert er sich im Hin und Her der Bewegungen, im Flüchtigen der Blicke, im Nachsinnen des Wahrgenommenen und in der Antizipation des Zukünftigen. Der Dichter müsse sich dem "Schicklichen der Welt" mit seiner poetischen Sprache zuwenden und versuchen, eine "Mitte" zu orten, ohne sie starr zu fixieren.

Zwischen dem Offenen des Bildes und einer Ortsbestimmung müsse er seine Wahrheit und seine Sprache finden, jenseits von Intellektualismus und Okkultismus. Man müsse versuchen, dem, was man fühle, so nahe wie möglich zu bleiben, "als gebe es wirklich Wendungen, Rhythmen, Worte, die ,wahrer' sind als andere."

Sobald man eine lebendige Wahrheit in eine Formel bringe, verkürze und verzerre man sie; sobald das Bild "beharre", störe es. Besteht man auf einem Bild und einer Signatur, verfestigt man einen Eindruck. Die Stimme und die Geräusche, die Jaccottet hört, die Farben und Landschaften, die er sieht, haben stets eine Entsprechung in der äußeren und in seiner inneren Natur. In diesem Sinne geht auch eine sinnlich wahrgenommene Landschaft geradezu bruchlos in eine imaginäre Landschaft über: zwischen Impression, Skizze und Seelenbild ausgependelte Texte, poetisch-philosophische Metamorphosen und Fragmente der Freude. Wörter wie Geheimnis und Schönheit, Freude und Erleuchtung und all die Naturmetaphern erhalten in dieser Poesie und in diesem schweifenden Sprechen eine das Pathos und den Kitsch zärtlich berührende Kraft. Einmal notiert Jaccottet, er träume davon, ein Gedicht zu schreiben, "das so kristallin und so lebendig wäre wie ein musikalisches Werk, von dessen Reinheit ein Zauber ausginge."

Das Enthüllen, Freilegen und Weiten von Räumen und Sehweisen vollzieht sich bei ihm immer in der Bewegung des Unterwegsseins. Jacottet ist nicht der ruhende Betrachter, der die bewegte Welt aus Distanz anschaut. Vielmehr ist er Teil des Geschehens, der Veränderungen und Metamorphosen. Niemals nimmt er dabei die Position desjenigen ein, der über den Dingen steht - im Gegenteil: "Jemand, der sich entfernt, nirgendwohin. Kein Wissen mehr, das genügen würde." Der Unwissende lautet denn auch folgerichtig der Titel des neuen Bandes.

Jaccottets Erzählungen und Gedichte leben aus der Nähe zum Heiligen und zum Imaginären, zum Göttlichen und zum Traum. Geschult an der Sprache von Empedokles und Parmenides, von Homer, Hölderlin und Rilke, vertrauend auf das Zeitlose der poetischen Einbildungskraft, entfaltet er eine Innerlichkeit ohne Ideologie und modische Verengung. Die Ergriffenheit und das Staunen, welche Jaccottet an Hölderlin rühmt, möchte er auch für sich und seine Dichtung reklamieren. Wenn er sagt, dass ohne diese Haltung der Verzauberung alles nur ein Spiel des Intellekts bliebe und die Poesie rasch verfiele, dann will er die Ebene des Elementaren und Göttlichen als den Urgrund der Kunst behaupten.

Dichtung sei, so heißt es einmal, die vom Atem genährte und getragene Sprache. Daher rühre ihre Macht über uns. Die Dichtung, und vor allem die Poesie, könne uns wieder an unsere Mitte heranführen, indem sie die Begrenzung und das Grenzenlose, Atem und Form miteinander versöhne, zumindest einander annähere. Eigentlich liege nicht im Schreiben die Schwierigkeit, sondern darin, so zu leben, dass das zu Schreibende ganz natürlich entstehe: "Ich würde schreibend gerne dem Lauf der einfachsten Worte folgen und vermag es nicht. Was ist dem Menschen widerfahren? Von einem unsichtbaren, namenlosen Pfeil getroffen."

Philippe Jaccottet: Der Unwissende. Gedichte und Prosa. Aus dem Französischen von Friedhelm Kemp und anderen Übersetzern. Carl Hanser Verlag, München 2003, 184 Seiten, 17,90 €.

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