Landschaft mit Mondlicht

Antal Szerb, einer der großen ungarischen Autoren des 20. Jahrhunderts, ist wiederzuentdecken

Von CORNELIA JENTZSCH

Der charmante Inhalt des Buches ist rasch umrissen: Es ist die Geschichte eines Mannes, der weder erwachsen werden will noch sich von der Vergangenheit trennen kann. Mihály, jener junge Mann, und Erzsi kommen aus Budapest nach Italien. Beide sind frisch getraut, und es soll ihre Hochzeitsreise werden. Doch schon nach wenigen gemeinsamen Tagen beschleicht Mihály eine innere Unruhe: Kann das wirklich schon das Leben gewesen sein? Um darüber in gebotener Einsamkeit nachzudenken, verschusselt er kurzerhand seine Ehefrau; während eines Bahnhofsaufenthaltes steigt er einfach nicht wieder in den Zug der Dinge ein.

Mihály setzt die Hochzeitsreise auf seine Art fort: Er reist tief zurück in die eigene Vergangenheit, die ihn noch immer nicht freigeben will. Doch auch Erzsi überlässt sich dem Lauf der eingetretenen Notwendigkeiten und reist weiter zu sich. Über den Umweg Paris und etlichen missglückten, halbherzigen Liebesabenteuern kommt sie schließlich im Schoss ihres früheren Ehemannes Zoltán an, den sie einst wegen Mihály verlassen hatte. Nachdem sich Mihály der Geister, die ihn riefen, entledigt hat, kehrt auch er wieder zum Anfang zurück. Dieser hält für ihn kein aufregendes Leben, keine wissenschaftliche Karriere und auch keinen romantischen Selbstmord mehr bereit, sondern nur pflichttreu väterliches Erbe und Auftrag. Das Buch endet salomonisch mit den Worten "Und solange man lebt, weiß man nicht, was noch geschehen kann."

Der Roman Reise im Mondlichtwurde von Christina Viragh übertragen, die schon auch Sándor Márai übersetzte, den anderen großen Ungarn, der heute wiederentdeckt wird. Reise im Mondlicht gehört zu den Werken über Jugend und Erwachsenwerden, wie sie Alain-Fournier, Cocteau und eben auch Sándor Márai schrieben. Es liest sich köstlich, weil es an entscheidenden Stellen von einer heimtückischen Komik durchsetzt ist. Kann man besser das Desaster einer Ehe anbahnen als mit einem missglückten Dialog? Ravenna, nach dem Venedig-Auftakt zweite Station ihrer Hochzeitsreise, besitzt für Mihály "einen Leichengeruch. Ravenna ist ein dekadenter Ort" und die Mosaiken Ravennas wühlen "ganz unten in der Seele ein Grauen auf". Erzsi hält dagegen: "Ach was, du Trottel... dieser Gestank kommt doch geradezu vom Leben, vom Wohlstand: von einer Kunstdüngerfabrik, von der ganz Ravenna lebt."

Es gab Zeiten in Mihálys Jugend, da hatte er dieses diabolisch Beunruhigende, Unvorhersehbare körperlich nah gespürt. Schon als Kind überkam ihn "von Zeit zu Zeit das Gefühl, neben mir tue sich die Erde auf, und ich stehe am Rand eines grässlichen Wirbels... , ich sah ihn nicht wirklich, ich wusste einfach, dass er da war". War das der Sog in die Ewigkeit des Universums, ein Erschaudern vor menschlichen Ur- und Abgründen? Zumindest eine unschuldige Ahnung von allem. Diese unbestimmte Sehnsucht wurde kurz darauf zu einem realen Ort mit realen Personen. Mihály lernte das Ulpius-Haus und seine Bewohner, die inzestuös verschweißten Geschwister Tamás und Éva, kennen. "Man konnte bei ihnen auftauchen, wann immer man wollte, man störte sie nie, sie machten weiter, wo sie gerade waren". Meistens waren beide ins Theaterspiel vertieft, sie erfanden Szenen und Historien, in denen es fast immer um Mord oder Selbstmord ging. Sie frönten einer morbiden Leidenschaft, sie waren verklärt, romantisiert und realitätsfern, "obwohl gerade der Weltkrieg geschah, was sie aber nicht interessierte". Für das Geschwisterpaar bedeutete diese Abkehr von allem "eine natürliche Freiheit", für Mihály blieb diese Unabhängigkeit von der bürgerlichen Norm stets eine "schwere, verkrampfte Rebellion", die er damals mit Magenkoliken und heute mit einer Flucht quer durch Italien sühnt.

Tamás lebte später ihren kollektiven Freiheitstraum bis zur letzten (suizidalen) Konsequenz aus, Mihály wird dazu nicht fähig sein. Statt wie beabsichtigt im Jenseits wacht er, verkatert und als frischgebackener Taufpate, in einem fremden Bett im Römischen Stadtteil Trastevere auf. Seit ihrer gemeinsamen Jugend fühlt sich Mihály an Éva gebunden, ohne jemals das passende Wort dafür zu finden. Doch Erzsi hat auf einfache seismografische Frauenart begriffen: Du liebst sie. Éva ist der Antrieb für Mihálys maßlos fressende Unruhe, die ihn wie Wind ein Papier durch ganz Italien bis nach Rom, wo er sie jetzt vermutet, treibt. Doch liebt Mihály in der Gestalt Évas nicht vielmehr immer noch jene magische, belebende Sehnsucht nach dem Tod? War er nicht in ihrem gemeinsamen Spiel stets das willige Opfer gewesen, das Éva umbrachte? Verkörpert sie nicht gar jenen unheimlichen Wirbel? Der Altphilologe und Religionshistoriker Waldheim äußert über seinen ehemaligen Mitschüler Mihály: "Im Grunde ist jede Sehnsucht erotisch, beziehungsweise, wir nennen alles erotisch, dem der Gott Eros, also die Sehnsucht, innewohnt."

Die 1937 erschienene Reise im Mondlicht zählt zu den wesentlichen Werken der ungarischen Literatur des 20. Jahrhunderts. Der Schlüsselbegriff für Antal Szerbs Leben und Theorie ist das Mysterium des Wunders, zwischen nostalgischer Hoffnung und ironischer Ablehnung. In diesem Sinn schrieb er auch den Roman. Szerb wurde 1901 als Sohn eines zum katholischen Glauben konvertierten jüdischen Kaufmanns geboren. Zeitzeugen bekundeten, dass Antal Szerb von früh an unaufhörlich las, doch nicht, um Wissen zu akkumulieren, sondern weil Lektüre einen Teil seines Lebens bildete. Dabei war er nie nur am Werk, sondern immer auch am Autor interessiert und den Gründen, die diesen zum Schreiben brachten, und wie alles im Leser wiederauferstand.

"Ich bin ein Schriftsteller, dessen Thema vorübergehend die Literaturgeschichte war", charakterisierte er sich selbst. Dieses Dementi galt vor allem seinem Hauptwerk, einer dreibändigen Geschichte der Weltliteratur (1941), die er im Alter von nur 40 Jahren schrieb. Von Szerb existieren mehrere Romane, Erzählungen, eine internationale Poesieanthologie und scharfsinnige Essays in den renommiertesten ungarischen Literaturzeitschriften. Szerb bekennt sich im Vorwort der Geschichte der Weltliteratur zu Oswald Spenglers Der Untergang des Abendlandes, wie dieser sieht er in der Geschichte der Menschheit und in der Literatur keinen Fortschritt, sondern nur eine Kreisbewegung. Andererseits beschreibt Szerb in einem Goethe-Poträt die "Sehnsucht der Kunst nach Freiheit und Humanität". Szerb verfasste auch wichtige Essays zu William Blake, Henrik Ibsen oder Stefan George und über die Europäische Frühromantik. Er schätzte die Romantik, weil sich hier Gefühl und Intelligenz, Eingabe und Intellekt, Erfahrung und Form in einer einzigen Seele mischten.

Gegen Ende der Reise im Mondlicht wird Mihály im Halbschlaf von einer Vision heimgesucht: "Die Landschaft hatte eine ungute Untergangsstimmung, und dem Untergang schien auch eine kleine Gestalt geweiht, die auf ihren Stock gestützt durch die Landschaft ging, über ihr das Mondlicht." Caspar David Friedrich, der Maler der Romantik, steht Pate mit seinen versinnbildlichten Gedanken um Werden und Vergehen. In einer nicht mehr erhältlichen, früheren Übersetzung von 1974 wurde der Romantitel originalgetreu mit Der Wanderer und der Mond wiedergegeben, was treffender das somnambule Suchen des Helden erfasst.

Vor dem Monumentalwerk Geschichte der Weltliteratur, dessen annähernd tausend Seiten über ein halbes Jahrhundert Generationen von ungarischen Intellektuellen erzog, hatte Szerb bereits 1934 eine Ungarische Literaturgeschichte veröffentlicht, die nicht nur in Ungarn bis heute gelesen wird. In neun Jahren erreichte sie eine Auflage von dreiundzwanzigtausend Exemplaren, bis man sie beim Einmarsch der deutschen Truppen in Ungarn 1944 verbot. Knapp ein Jahr nach diesem Verbot wurde Antal Szerb in dem westungarischen Lager Balf bei Ödenburg wenige Monate vor Kriegsende ermordet. Wächter erschlugen den Autor und Wissenschaftler, der ausgehungert und zu schwach war, einen Laufgraben auszuheben.

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