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Landflucht

Cord Riechelmann gibt Aufschluss über die vielgestaltige hauptstädtische Fauna

Von MAREEN LINNARTZ

Es war in der vergangenen Fußballsaison, als sich der sowieso schon glücklos agierende Verein Hertha BSC plötzlich noch einer ganz anderen, völlig unerwarteten Herausforderung stellen musste: "Trainingsgelände verwüstet!" titelten die Zeitungen. "Sieht aus wie eine Kraterlandschaft", berichteten Anwohner. "Was kann man nur gegen diese Rowdys tun?" fragten sich Fans besorgt in Internetforen. Eine Horde Wildschweine hatte auf der Suche nach eßbaren Knollen, Wurzeln und Würmern den Rasen systematisch umgepflügt. Was damals für Aufruhr sorgte, war nur ein besonders eindrucksvolles Anzeichen einer Entwicklung, die Wissenschaftler schon seit geraumer Zeit beobachten: Tiere, deren natürlicher Lebensraum immer mehr bedroht ist, erobern die Städte. Füchse, Waschbären, Falken, Biber, Erdkröten - sie leben alle unter uns, mal mehr, mal weniger bemerkbar. Und vor allem: Sie werden immer zahlreicher.

Der Journalist und Biologe Cord Riechelmann hat sich dieses Phänomens angenommen und für sein Buch Wilde Tiere in der Großstadt ein einzigartiges Revier ausgesucht: Berlin. Die Hauptstadt weist nämlich einen Artenreichtum wie keine andere Stadt Europas auf. Der Grund ist kurios: Weil die Stadt so gut wie pleite ist, verzichtet sie darauf, ihre Grünanlagen zu düngen. Das gefällt Bibern, Nachtigallen oder Teichfröschen, die in der intensiven und überdüngten Landwirtschaft immer weniger Futter zum Leben finden.

Liebevoll aber unaufgeregt erzählt Cord Riechelmann von Bibern, die schon mal am Müggelsee einen Baum fällen, erklärt, wann und warum Marder Autoschläuche abnagen, berichtet von Kröten, die an der Baustelle am Lehrter Bahnhof in den Pfützen eine neue Heimat gefunden haben und schärft den Blick in den Himmel. Denn auch dort hat sich Erstaunliches zugetragen: Am Roten Rathaus beispielsweise nistet seit einiger Zeit ein Nachtigallhahn und betört im Frühling mit seinem Gesang. Den Dom bevölkern inzwischen bis zu vierzigtausend Stare, die sich so sehr ihrer neuen Natur angepasst haben, dass sie in ihrem Gesang Polizeisirenen und bremsende Autos imitieren.

Vielleicht scheint in den Beschreibungen manchmal zu sehr der Blickwinkel des begeisterten Biologen durch - so genau sind sie. Und doch gelingt es Cord Riechelmann, seine Leser mitzunehmen, in eine faszinierende und bisweilen auch verstörende Wildnis, die mitten in unseren Städten entstanden ist.

Ach ja, die Rowdies von Hertha BSC wurden übrigens alle von Jägern erschossen - Wildschweine merken sich nämlich sehr genau, wo sie einmal etwas Genießbares zum Mittagessen gefunden haben. Sie kommen dann immer wieder. Vielleicht reagierten deswegen kürzlich Berliner Polizisten so umsichtig: Eine Rotte von Wildschweinen, die wild entschlossen auf dem Weg in die Altstadt unterwegs war, vertrieben sie mit "entsprechenden Handbewegungen und lautem Ansprechen."

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