Paul Auster

Ein Land muss gerettet werden

  • Judith v. Sternburg
    vonJudith v. Sternburg
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Paul Auster ist mit seinem Roman "4 3 2 1" und ein paar scharfen Worten zu "D. T." zu Gast im Schauspiel Frankfurt.

Die dritte von fünf direkt aufeinander folgenden Lesungen Paul Austers in Deutschland fand jetzt im ausverkauften Schauspiel Frankfurt statt. Der Autor mit schwer angeschlagener Stimme, das Einverständnis mit dem Moderator, dem Hamburger Journalisten Daniel Haas, schnell auf einem gemütlichen Niveau, die Themenauswahl auf den vorzustellenden Roman konzentriert: „4 3 2 1“, in der Woche von Austers 70. Geburtstag im Februar zu Hause und direkt auch in deutscher Sprache herausgekommen.

Auster blieb seiner Devise treu, wohl über das Was, Wann, Wo zu sprechen, aber möglichst nicht über das Warum. Denn woher er seine Ideen eigentlich habe, konnte Auster auch diesmal nicht erklären, allerdings sei es im Falle von „4 3 2 1“ besonders plötzlich gewesen und ihm besonders klar und plastisch vorgekommen und daraufhin auch besonders schnell gegangen – drei Jahre habe er an „4 3 3 1“ (gut 1290 Seiten auf Deutsch) im engeren Sinne geschrieben, an manchem viel schmaleren Buch ebenso lang.

Deutlich wurde beim Erklären beziehungsweise Rekapitulieren der Erzählstruktur, wie sicher sich der Autor in ihr bewegt. Seine vier Archie Fergusons, deren Leben in jedem der ineinander verschlungenen Handlungsstränge etwas anders verläuft, konnte er so tadellos auseinanderhalten, wie es dem Leser kaum gelingen wird. Kein Zitat, das er nicht sofort dem richtigen Ferguson, wenn auch nicht unbedingt dem richtigen Kapitel zuordnen konnte. Er sei selbst davon überrascht gewesen, erklärte Auster, habe auch kaum Notizen machen müssen, um sich die Details zu merken und die Handlungsstränge auseinanderzuhalten.

Trotz allerlei, ehrlich gesagt doch recht frappierender Ähnlichkeiten zwischen Ferguson und Auster (geografisch, aber auch interessenmäßig, Sport, Kino, Schreiben, aber auch in der politischen Grundhaltung) könne von autobiografisch nicht die Rede sein, versicherte Auster. Allein das enorme Basketballspiel (Ferguson 4) sei eine private Wahrheit, darüber hinaus stimme nur der gesellschaftliche und politische Hintergrund.

Der Frankfurter Schauspieler Christoph Pütthoff las so gut das Kapitel 1.3. (das erste Kapitel über Ferguson 3), dass man ihn sich sehr gerne gleich als Hörbuch mit nach Hause genommen hätte. Schmerzlich natürlich, die Leute lachen zu hören, die das Buch noch nicht kennen und denen nicht klar ist, das Fergusons Vater gleich in einem Feuer umkommen wird. Auster las den Kapitelschluss, mit letzter Stimmkraft und so lässig, als hätte er den Text komplett im Kopf.

Und was ist mit D. T.?

Ja, und der neue US-Präsident? Er wolle über den Mann mit den Initialen D. T. nicht sprechen, sagte Auster und lächelte bestenfalls sardonisch und sagte dann doch etwas. Als er an „4 3 2 1“ gearbeitet habe, sei Obama zum zweiten Mal gewählt worden und die jetzige Situation nicht einmal am Horizont sichtbar gewesen. In der Spätphase des Romans, die dann schon in den Wahlkampf ragte, sei ihm immer klarer geworden, dass es erschreckende Parallelen gebe zwischen den Sechzigern und heute: Die Wut und die Sprachlosigkeit, das Fehlen einer gemeinsamen Grundlage, die Spaltung der Gesellschaft. Nur könne jetzt von Revolution gar nicht die Rede sein. Stattdessen gehe es darum, ein Land zu retten.

Hinterher dann strenge Regeln fürs Signieren. Jeweils nur ein Exemplar, keine Widmungen, auch im Foyer keine Fotos. Ein Weltstar ist auf Tour.

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