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Der Roman spielt im Land um Krasnojarsk, zur Zeit der Bolschewiki.

Gusel Jachina

Ein Land, rot wie Blut

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Ein Frauenschicksal in der Sowjetunion: Gusel Jachinas "Suleika öffnet die Augen" zeigt die Reise einer Frau - nah, aber mit viel Respekt.

Es ist nicht allein der erste Satz, der diesem Roman den Titel gibt: „Suleika öffnet die Augen“. Der Satz kommt mehrfach vor – und ändert dabei seine Bedeutung, sein Gewicht. So wie sich auch Suleika verändert. Denn dieses Buch handelt von einer Frau, die zu Beginn weniger wert ist als das Vieh im Stall ihres Ehemanns. Gegen Ende lebt sie in völlig anderen Verhältnissen, weitgehend rechtlos noch immer, aber doch ihrer selbst gewiss. Wie Gusel Jachina das erzählt, lebendig und emotional, zugleich mit historischer Präzision, ist unbedingt die Entdeckung durch die Leser wert.

Die 1977 in Kasan geborene Autorin, Absolventin der Moskauer Filmhochschule, schildert an einem einzelnen Schicksal auf ergreifende Weise Verbrechen, die durch die Umwälzungen der vergangenen Jahre in Vergessenheit geraten sind. Der Roman beginnt in der Tatarischen Autonomen Sozialistischen Sowjetrepublik in einem Dorf, wo Suleika auf dem Gehöft ihres älteren Ehemanns und ihrer Schwiegermutter als Arbeitskraft lebt. Allein durch die Tradition ihrer Volksgruppe gilt die Frau, die keinen Statthalter gebären konnte, als minderwertig.

Sie wird in Unbildung gehalten, ist befangen in einer Mischung aus muslimischem und Aberglauben. Die Sowjetmacht, die doch die Geknechteten befreien wollte, kommt in Suleikas Dorf als Gefahr, vor der man Vorräte und Vieh verstecken muss. Die Handlung setzt im Jahr 1930 ein, während der Hochzeit der Stalin’schen Entkulakisierung und Säuberungspolitik. Als wieder einmal ein Trupp Bolschewiki einreitet, töten sie Suleikas Mann und nehmen die junge Frau mit.

„Groß ist das Land, in dem Suleika lebt. Groß und rot wie Ochsenblut.“ Sie kennt die riesigen Ausmaße der UdSSR nur von Agitationsplakaten wie diesem, das sie in einer Behörde in Kasan sieht, bevor sie in einen Zug getrieben wird. Tausende Kilometer ins tiefste Sibirien geht es im zweiten Teil des Romans. Der Kommandant bellt die Leute im Güterwagen an: „Ihr fahrt an einen Ort, wo ihr die Ketten der alten Welt abwerfen werdet, einer neuen Freiheit entgegen.“ Suleika öffnet die Augen, ohne zu wissen, was der Tag bringen wird.

Jachina erzählt geradlinig und leistet sich nur wenige Abwege, um Menschen zu porträtieren, die mit Suleika in die Verbannung gehen. Einer gilt dem Kommandanten Ignatow, der sich von seinem Feldzug durch die Dörfer Anerkennung durch seine Vorgesetzten versprach und erkennt, dass seine Reise mit den Ausgestoßenen auch für ihn eine (Bewährungs-)Strafe ist. Er hat Suleikas Mann erschossen, er hielt die Frau für kaum überlebensfähig und wird im Laufe des Romans immer enger an sie gebunden. Ein anderer Exkurs der Autorin gilt einem deutschen Arzt, der eine Koryphäe in der Geburtshilfe war. Nach Schikanen hat er sich selbst in einen geistigen Dämmerzustand gerettet. Dass die unterernährte junge Tatarin ein Kind erwartet, holt ihn in die Wirklichkeit zurück.

Viele Menschen sterben in dem Zug, die hygienischen Bedingungen sind grauenvoll. Wenigen gelingt die Flucht. Und der Bahnhof Krasnojarsk ist noch nicht das Ende, es geht weiter per Lastkahn. Die Konzentration der Erzählung auf das Gegensatzpaar Suleika und Ignatow als Stellvertreter für Schicksale jener Jahre bewirkt eine große Glaubwürdigkeit.

Die Sowjetmacht stellt die Verbannten schließlich in die Taiga, in die unerschlossene Natur am Ufer der Angara, wo sie sich selbst ihr Lager errichten müssen.

800 Namen stehen in Ignatows Mappe der umzusiedelnden Menschen, dann lässt er sie am Feuer durchzählen: Es sind „29 Personen: Russen, Tataren, zwei Tschuwaschen, drei Mordwinen, eine Frau von den Mari, ein Ukrainer, eine Georgierin und ein schwachsinniger Deutscher mit dem ausgefallenen, klingenden Namen Wolf Karlowitsch Leibe.“ Nennt Ignatow sie in Gedanken „Menschen“, korrigiert er sich: „Feinde“. Doch sind sie aufeinander angewiesen.

In Gusel Jachinas Sprache, die für Suleika sehr zurückhaltend ist, lernt die Frau langsam, den Kopf zu heben. Sie hat einen Sohn geboren und bleibt mit ihm in der Nähe des Arztes, der bald für die Siedlung unverzichtbar ist. Nach und nach erscheint der unwirtliche Ort in freundlicheren Farben. Jetzt, da die Figuren nicht mehr unterwegs sind, zeichnet Jachina sie genauer. Es entsteht eine besondere Gemeinschaft, unfreiwillig nahe an der kommunistischen Idee, denn jeder tut für alle, was er kann. Nicht jeder: Die Autorin hütet sich, den Ort zur Idylle zu machen. Die Bedrohung durch Spitzel ist immer da, die Staatsmacht nur ein paar Fluss-Kilometer entfernt. Der Roman endet, als sich durch den Zweiten Weltkrieg die Gewichte in der Sowjetunion etwas verschoben hatten. Seine Heldin hat eine kleine Zukunft vor sich. Deren Sohn vielleicht eine große.

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