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Lana Bastašic.
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Lana Bastašic.

Roman „Fang den Hasen“

Aus dem schwarzen Herzen Europas

  • Norbert Mappes-Niediek
    VonNorbert Mappes-Niediek
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„Fang den Hasen“: Die Bosnierin Lana Bastašic beginnt gleich mit einem großen Roman.

Ein Mops kam in die Küche, beginnt das Kinderlied, oder auch: Es endet dort. Der Debütroman der 35-jährigen Bosnierin Lana Bastašic fängt an einer scheinbar beliebigen Stelle an und hört da wieder auf, wo er angefangen hat. Jedes Kapitel besteht aus zwei Teilen, einem im Heute, einem im Gestern. Alles spiegelt einander in dem geschickt und ganz unaufdringlich komponierten Roman „Fang den Hasen“: die Zeiten, die Orte, an erster Stelle aber die Charaktere von Sara und Lejla, den beiden Protagonistinnen.

Fasziniert folgt man der Reise der beiden jungen Frauen von Mostar nach Wien, aus der Gegenwart in die Vergangenheit und aus dem „schwarzen Herzen Europas“ ins aufgeräumte Österreich, wo die Wiesen aussehen wie aus dem Epilierstudio. Jede Etappe der Reise ist so voller Einfälle, origineller Gedanken und witziger, präziser und treffend übersetzter Sprachbilder, dass man nie ankommen möchte. Kommt man zum Glück auch nicht in diesem großen Werk. Am Ende graben immer wieder die Möpse ein’ Grabstein, worauf geschrieben stand: Ein Mops kam in die Küche.

Die Geschichte ist leicht und realistisch erzählt. Sara und Lejla wachsen zusammen in Banja Luka auf, der zweitgrößten Stadt Bosniens. An ihrem ersten Schultag schließen sie eine Mädchen-Ehe, die bis ins Studentenalter hält und dann abrupt, aber undramatisch endet. Sara, die vernünftige, zielstrebige Tochter des Polizeikommandanten, emigriert danach ins ferne Dublin, erwirbt sich einen Ruf als Literatin und lebt mit ihrem irischen Freund das Leben einer coolen Großstädterin. Nachdem sie zwölf Jahre lang nichts von sich hat hören lassen, ruft eines Tages Lejla an und bestellt die frühere Freundin, als wäre es das Normalste von der Welt, zu sich nach Mostar: Sara muss kommen und Lejla mit dem Auto nach Wien bringen. Dort, sagt Lejla, sei ihr Bruder wieder aufgetaucht. Er war im ersten Kriegsjahr verschwunden, als Sara zwölf und Lejla elf war.

Das Buch:

Lana Bastašic: Fang den Hasen. Roman. A. d. Bosn. v. Rebekka Zeinzinger. S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 2021. 336 Seiten, 22 Euro.

Krieg, wie man ihn kennt, hat es in Banja Luka eigentlich nicht gegeben; nur Terror. In die Welt der beiden Mädchen bricht die neue Zeit erst nur mit unverständlichen Veränderungen ein. Lejla heißt auf einmal Lela und mit Nachnamen Beric statt Begic; ihre verwitwete Mutter möchte jetzt Serbin sein, keine Bosniakin mehr aus muslimischer Familie. „Zu dieser Zeit sprossen überall Kreuze und breiteten sich wie Unkraut aus: in Vorgärten, an Rückspiegeln, um den dicken Hals unseres Chemielehrers.“

Eines Tages verenden in der Nachbarschaft Hunde an Gift. Natürlich werden es die Muslime gewesen sein. Lejlas 16-jähriger Bruder Armin, den Sara schwärmerisch liebt, verschwindet daraufhin spurlos. Zwar heißt er neuerdings Marko, aber der neue Name hat ihm offenbar nicht helfen können. Saras Vater, der mächtige Polizist, will von Armins Verbleib nichts wissen. Es sind halt neue Zeiten, sagt er. „Da verschwinden Menschen eben.“ Lejla und Sara sprechen nicht mehr von Armin, aber denken an ihn, wachsen heran, lassen sich synchron von zwei lächerlichen Knaben deflorieren und studieren Literatur. Bis Sara fortgeht.

Von einem rätselhaften Imperativ getrieben, gehorcht die erwachsene Sara dem plötzlichen Anruf und lässt sich von Lejla mit auf eine bizarre Autofahrt nehmen. Schon als sie Kinder waren, hatte sich die Ältere der wilden, dominanten Lejla nicht entziehen können. Jetzt prallen die unterschiedlichen Charaktere und Lebenswelten hart aufeinander. Lejla hat einen tätowierten Hünen geheiratet, arbeitet als Kellnerin und bedient die Touristen in Mostar in orientalischen Klamotten. Saras literarischer Erfolg nötigt Lejla keinen Respekt ab. Wie früher, nur herrischer noch und vulgärer gibt die Jüngere den Ton an und zieht die europäisierte Sara wieder in ihre abgestreifte Heimat zurück. „Wir sind immer in Bosnien“, konstatiert sie. „Jetzt hatten wir begonnen, es durch Europa zu schleppen.“

Bosnien ist allerdings nicht das „Thema“ des Romans, jedenfalls nicht mehr, als das für das Heranwachsen, die weibliche Sexualität, Krieg oder Identität gilt. Oder für Osten und Westen: Je länger die beiden Frauen unterwegs sind, desto mehr wird das Leben in Dublin zu einem abstrakten Schaufensterdasein. Sara, die noch als Ich-Erzählerin ihres Reiseromans alles Erlebte säuberlich gliedert, zieht sich selbst in Zweifel. Von einer Romantik des reinen Ursprungs ist sie dabei weit entfernt, wie überhaupt jede Erinnerung, jeder Gedanke hier frei ist von Sentimentalität.

Bei einem kurzen Zwischenstopp im heimischen Banja Luka beobachtet Sara über den Gartenzaun ihre verfettete Mutter, wie sie eine Hausangestellte böse kommandiert, und sucht angewidert das Weite. Lejla, die sich in Wien im Hotel von einem dicken Österreicher dafür bezahlen lässt, dass sie ihn schlägt und beleidigt, stößt Sara ab. „Sie erinnerte mich daran, dass der natürliche Zustand der Welt Unordnung ist.“ Es ist eine Unordnung, in der alles wild gedeiht: Hass und Stumpfsinn, aber auch Liebe und Zärtlichkeit.

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