Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Ich ist ein lallender Körper

Eine Moderne der Heillosigkeit: Christian Lehnerts Gedichtband "Auf Moränen"

Von PEER TRILCKE

Manchmal entsteht ein Werk fast im Verborgenen. Christian Lehnert, 1969 in Dresden geboren, hat bisher eine handvoll Gedichtbände veröffentlicht, auch das Libretto zu Heinz Werner Henzes "Phaedra" stammt aus seiner Feder. Seine aktuellen Gedichte, gesammelt unter dem Titel "Auf Moränen", kommen jetzt erstmals im veritablen Hardcover daher. Dennoch war Lehnerts Dichtung bisher eher verhaltene Aufmerksamkeit beschieden. Trotz Großverlag und trotz vermeintlicher Lyrik-Hausse.

Hauptberuflich als Pastor tätig, firmiert Lehnert unweigerlich unter dem Label "religiöser Dichter". Nun mag die Religion heute durchaus wieder zeitgemäß sein; die Hochzeit zwischen Kunst und Kult mutet hingegen weiterhin reichlich unmodern an. Lehnerts Gedichte sind jedoch keine versifizierten Sonntagspredigten, keine lyrischen Wege zu Gott. Eher Umwege, Abwege. Noch dann, wenn das lyrische Ich dem Heiligen begegnet, etwa im Erlebnis der archaischen Stätten oder der religionsstiftenden Schriften; noch dann bleibt das Kunstgebilde Gedicht, bei aller religiösen Verwurzelung, merkwürdig heillos.

Bis die Lippen bluten

So zeigt sich auch im neuen Gedichtband zwar ein Ich "des Glaubens, / versunken in IHM"; ein Ich gewiss, "daß sich die Kraft in der Schwäche erfüllt" - wie es in einer Meditation über die Paulus-Briefe heißt. Doch zu jenem Ich, das im Hallraum der paulinischen Sprach- und Gedankentiefe seinen Grund findet, gesellt sich ein anderer. "Ein anderer" in dem Sinn, den Arthur Rimbaud einst fasste, als er die Störungen, Spaltungen, Kränkungen der modernen Subjektivität auf die Formel "Ich ist ein anderer" brachte.

Nicht die unio mystica, sondern der Schrecken erweist sich als dichterische Urszene dieser Lyrik: "Bleibst du stumm, wenn dein Gesicht, / gleißender Fleck, auf dich zukommt und brennt?". Beim Blick in den Brunnen ("mein gespiegelter / Kopf zerfällt, Bildsplitter"), beim Blick in die Pfütze ("als mein Körper mir entgegenstürzte") wiederholt sich die Begegnung mit dem eigenen "anderen", wird eindringlicher, drängender. Was zunächst als Ausweg erscheint, das Gebet, läuft irr, mündet im Zungenreden, im "Krampfen, / bis die Lippen bluten, aufgebissen, die Laute // hervorbluten, das Wort / tanzt unverständlich (...)?" Wieder ist dort nur der andere: der lallende Körper.

Lehnerts Dichtung, mitunter einer Art pietistischem Expressionismus gleichend, ist so religiös, wie man es von einem Pastor erwartet. Einerseits. Andererseits ist das Ich dieser Verse so verloren, dass von irdischen Vergnügen in Gott kaum eine Spur bleibt. Dabei kommt dem Lobpreis der herrlichen Schöpfung noch etwas anderes in die Quere: Diesseits der religiösen Entrückung waltet die Historie, das Menschenschlachthaus. Schon Lehnerts Zyklus "passio" von 2004 zerfurchte den Leidensweg Jesu mit Versen aus Thomas Klings Großgedicht "Der Erste Weltkrieg". Ein Frevel. Zugleich ein Exerzitium in der Theodizee.

Verstrickt in die Schrecken der Geschichte ist auch das Ich des aktuellen Bandes. Es ist dabei auch ganz buchstäblich ein anderer: Vielfach arbeitet Lehnert mit figuraler Rede, Rollendichtung, die er in ein düsteres Stimmengewirr verwickelt. Ein "unruhige(s) Gewebe" entsteht, "Echos, / überlagert von Echos". Zwei ausufernde Zyklen lassen auf diese Weise einen unbekannten DDR-Bausoldaten und, im konzeptionellen Gegenschnitt, einen bekannten DDR-Staatsterroristen, Erich Mielke, zu Wort kommen. So wird das Ich als historisches fasslich, als unterdrücktes ebenso wie als unterdrückendes.

Überzeugen können vor allem die tagebuchartigen Terzinen des Bausoldaten, der sich auf den surreal gezeichneten Großbaustellen des real existierenden Sozialismus um Leib und Seele schaufelt: "Ich finde keinen Ausweg / aus der Wiederholung, am Rand des Schlafes, dankbar / für jeden Befehl, der den Zusammenhang // zwischen Arm und Hacke belegt". In der biographischen Skizze über den Stasi-Chef gelingt es Lehnert hingegen nicht immer, für dessen Ego-Prosa einen dichterischen Kontext zu erfinden, der die lyrische Form zu begründen vermag. Doch auch wenn Lehnert im Ringen mit dem glitschigen Mielke formal mitunter strauchelt; wie ein Ich sich wieder und wieder als ein anderer entwirft - gerade an Mielkes Techniken der Identitätskonstruktion und -destruktion wird es ersichtlich.

Mit "Auf Moränen" zeigt Lehnert abermals, dass er mehr zu bieten hat als geistliche Lyrik von erstaunlichem Format, heillos modern und doch mit unbedingtem Gespür für die poetische Kraft des religiösen Idioms. Zeigt, dass er auch auf dem Feld der historischen Geröllkunde zu den versiertesten Buddlern seiner Generation gehört.

Christian Lehnert: Auf Moränen.

Gedichte. Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M. 2008, 126 S., 16,80 Euro.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare