Genau wie Chanel rückte auch Karl Lagerfeld Teile seiner Biografie konsequent in ein besseres Licht.
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Genau wie Chanel rückte auch Karl Lagerfeld Teile seiner Biografie konsequent in ein besseres Licht.

Interview

Worüber Karl Lagerfeld geschwiegen hat

  • Manuel Almeida Vergara
    vonManuel Almeida Vergara
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Der Journalist und Biograf Alfons Kaiser über Karl Lagerfelds Arbeit und Härte, seine Herkunft und die nationalsozialistische Vergangenheit seiner Eltern.

  • Der Journalist und Biograf Alfons Kaiser im FR-Gespräch über die Recherchen zu Karl Lagerfeld
  • Das Buch stellt auch die Schattenseiten von Karl Lagerfeld heraus
  • Es geht auch um die NS-Vergangenheit der Eltern von Karl Lagerfeld

Herr Kaiser, wird über Karl Lagerfeld anders denken, wer Ihr Buch gelesen hat?

Das glaube ich nicht. Mein Buch stellt zwar auch die Schattenseiten seiner Persönlichkeit heraus, dass er unduldsam war zum Beispiel oder manchmal sehr harsch mit den Menschen abrechnen konnte, die ihm untreu geworden waren. Aber letztlich ragte er so sehr durch seine Kreativität, seinen Fleiß, seine Vielfältigkeit und seinen Witz heraus, dass sein Mythos nicht in sich zusammenfallen kann – auch nicht durch ein Buch.

Karl Lagerfeld stieg immer voll ein

Also hat sich auch Ihr Blick auf Lagerfeld, mit dem Sie viele Jahre immer wieder zusammengearbeitet haben, durch Ihre intensive Recherche nun nicht verändert?

Ich war schon überrascht, wie hart er mit jenen umgegangen ist, von denen er sich abgewendet hatte. Man kennt ja solche Geschichten von den Models Inès de la Fressange und Claudia Schiffer oder der Designerin Céline Toledano. Ich nehme an, das war die Kehrseite seiner Freundschaften, die er eben sehr intensiv gelebt hat. Er war überaus loyal und großzügig, aber wenn er spürte, dass ihm jemand nicht mehr genug Begeisterung entgegenbrachte oder dass jemand zu begeistert war von sich selbst, dann wurde er hartherzig und konnte sich brutal von den Menschen trennen.

Eine Intensität und Radikalität, die auch Lagerfelds Wirken in der Modebranche auszeichnete.

Richtig. Er stieg immer voll ein. Das sieht man ganz deutlich daran, wie er sich die Marken aneignete, für die er gearbeitet hat. Als er 1982 von Chanel engagiert wurde, hat er wirklich alles verschlungen, was es zu Coco Chanel zu lesen gab. Er hat sich sogar in mancherlei Hinsicht ihrem Charakter angeglichen. Genau wie Chanel rückte auch er Teile seiner Biografie konsequent in ein besseres Licht.

Karl Lagerfeld war ein Preuße in Dandy-Gestalt: Sein Auftreten war dandyesk, zugleich war er extrem pflichtbewusst und fleißig.

Alfons Kaiser

Worüber Karl Lagerfeld geschwiegen hat

In Ihrem Buch decken Sie eine dieser Passagen auf, über die sich Lagerfeld ein Leben lang ausgeschwiegen hat. Was sind das für Dokumente, die eine Verbindung zwischen Lagerfelds Eltern und den Nationalsozialisten belegen?

Über seinen Vater gibt es eine Entnazifizierungsakte im Staatsarchiv Hamburg. Darin steht, dass Otto Lagerfeld, der das Kondensmilch-Unternehmen Glücksklee gegründet hatte, Mitglied in der NSDAP war. Nach dem Ende des Krieges wurde er von der Entnazifizierungskommission als Mitläufer eingestuft und wieder als Geschäftsführer der Glücksklee-Werke eingesetzt. Das befürwortete auch der Betriebsrat der Firma.

Und auch Lagerfelds Mutter war Partei-Mitglied?

Darauf bin ich durch Zufall gestoßen. Ich habe für mein Buch den Sohn von Elisabeth Lagerfelds Schwester interviewt. Gordian Tork wohnt in Florida und bewahrt viele Briefe auf, die Elisabeth Lagerfeld aus Bad Bramstedt ihrer Schwester in Münster geschrieben hatte. Darunter war auch ein maschinengeschriebenes Dokument mit dem Titel „Warum wurde ich Mitglied der N.S.D.A.P.“ Darin schreibt Elisabeth Lagerfeld, weshalb sie zu Beginn an Hitler geglaubt hatte. Sie war erschüttert von den sozialen Spannungen in der Weimarer Republik und hoffte, er könne wieder Ordnung und alte preußische Werte in Deutschland durchsetzen. Elisabeth Lagerfeld schreibt aber auch, dass sie später – vermutlich 1941 oder 1942 – in Hamburg beobachtete, wie jüdische Frauen und Männer auf Sammelplätzen zusammengetrieben und dann in den Osten deportiert wurden. Das habe ihr die Augen dafür geöffnet, dass es sich um keine unschuldige Ideologie, sondern um ein brutales Regime handelte. Elisabeth Lagerfeld ist aber wie viele andere Deutsche weiterhin Mitglied der NSDAP geblieben, aus Angst vor Repressionen, wie sie schrieb. Ich finde das Dokument, das vermutlich aus dem Jahr 1945 oder 1946 stammt, bemerkenswert, weil sie darin wirklich selbstkritisch zurückblickt, während viele andere Deutsche die Gräueltaten der Nazis nach Kriegsende einfach nur verdrängen und vergessen wollten.

Es scheint, als habe auch Karl Lagerfeld diesen Teil seiner Familiengeschichte lieber vergessen – oder ihn zumindest nicht in der öffentlichen Wahrnehmung von ihm verankert wissen wollte.

Das ist richtig. Wobei man nicht weiß, ob seine Eltern jemals mit ihm darüber geredet haben. Jedenfalls gehören solche Verstrickungen der Eltern zu einer Biografie, die natürlich die Vorfahren abbilden sollte. Auch wenn es keine direkte Verbindung zwischen den Nazis und Karl Lagerfeld gab, der am Ende des Krieges erst elf Jahre alt war.

Karl Lagerfeld war sehr verbunden mit den Prinzipien seiner Mutter

Trotzdem gibt es seit der Veröffentlichung Ihres Buches vor wenigen Tagen eine Günter-Grass-artige Diskussion. Es kam die Frage auf, ob man Lagerfelds Werk noch genauso unbefangen betrachten und goutieren könne.

Ja, und das geht über jedes Maß hinaus. Sippenhaft habe ich gewiss nicht gefordert. Erst einmal geht es um die bloßen Tatsachen und ihren historischen Zusammenhang. Dass diese Passage jetzt von „Bild“ und anderen Medien so zugespitzt wird und sich die Sicht so stark auf diesen Aspekt verengt, hätte ich sicherlich ahnen können. Aber hätte ich deswegen diesen Teil seiner frühen Geschichte verschweigen sollen?

Ja, er war sehr verbunden mit den Prinzipien seiner Mutter, die hinter ihrer nationalsozialistischen Begeisterung steckten: Fleiß, Pflichtbewusstsein, Treue, Ordnung, Sauberkeit. Für diese sogenannten Sekundärtugenden war er durchaus bekannt. Der Untertitel meines Buches lautet nicht umsonst „Ein Deutscher in Paris“. Karl Lagerfeld war ein Preuße in Dandy-Gestalt: Sein Auftreten war dandyesk, zugleich war er extrem pflichtbewusst und fleißig. Mit dem Nationalsozialismus aber hatte er rein gar nichts zu tun. Im Gegenteil: Er war als Kind nicht im Jungvolk der Hitlerjugend gewesen und hat in seinem Leben sehr oft und sehr eindeutig seinen Hass auf dieses Regime und alles, was damit zusammenhing, zum Ausdruck gebracht.

Der Journalist und Biograf Alfons Kaiser hat Lagerfeld das erste Mal 1999 und seitdem unzählige Male interviewt.

Zur Person:

Alfons Kaiser, Jahrgang 1965, leitet seit 2000 das Ressort „Deutschland und die Welt“ der „FAZ“, und verantwortet zudem seit 2013 das „Frankfurter Allgemeine Magazin“, das einen Schwerpunkt auf Mode setzt. Für das Heft fertigte Karl Lagerfeld einige Jahre lang regelmäßig gesellschafts- und politikkritische Illustrationen an. Alfons Kaiser: Karl Lagerfeld. Ein Deutscher in Paris. Biographie. C. H. Beck, München 2020. 383 Seiten, 26 Euro.

Karl Lagerfeld kehrte die Nähe seiner Eltern zum Nationalsozialismus sozusagen um

Zum Beispiel, als der damalige Dior-Chefdesigner John Galliano 2011 durch antisemitische Äußerungen aufgefallen war. Damals war Lagerfeld einer der ersten, die sich eindeutig und kompromisslos gegen Gallianos Ausfälle positioniert haben.

Ja. Solche haltlosen Pöbeleien verabscheute er. Die Nähe seiner Eltern zum Nationalsozialismus kehrte er sozusagen um. In der Rezeption meines Buchs erweitern immerhin die Modemagazine nun den Blick. Sie interessiert es eher, was ich über Lagerfelds berufliches Schaffen geschrieben habe. Etwa über seine Anfänge in Paris in den fünfziger Jahren oder seine Arbeit für die Marke Chloé in den Sechzigern und Siebzigern. In den Archiven der Modehäuser und in Gesprächen mit ehemaligen Mitarbeitern wurde mir klar, wie fortschrittlich und vielseitig er über viele Jahrzehnte war.

Also haben auch Sie neue Facetten seiner Arbeit entdeckt?

Tatsächlich haben mich gerade die fünfziger Jahre stark beschäftigt. Man muss sich vergegenwärtigen, dass Lagerfeld über die Haute Couture in die Mode gekommen war. Nachdem er 1954 einen Mode-Wettbewerb gewonnen hatte, fing er bei Balmain an und war dann eine Zeitlang bei Jean Patou. Er war also in der Couture sozialisiert worden und tat dann einen Schritt, der damals in Paris alles andere als respektabel war: Bei Chloé fing er mit dem Prêt-à-porter an, also mit Konfektionsmode, die nicht mehr maßgeschneidert war, sondern in Standardgrößen von der Stange angeboten wurde. Das war eine Revolution der Mode, die einherging mit dem unaufhaltsamen Aufstieg der Konsumgesellschaft und dem Rollenwechsel der Frauen. Er wendete sich ab vom Bild der Frau als schönem Anhängsel und kleidete nicht mehr adelige Damen mit Maßanfertigungen ein. Das war ihm schnell zu langweilig geworden, zu bourgeois und zu spießig. Gemeinsam mit anderen jungen Designerinnen wie Dorothée Bis und Designern wie Yves Saint Laurent rief er eine Art Jugendrevolution aus.

Mir ging es darum, Karl Lagerfeld umfassend zu beschreiben und zu zeigen, wie stark, wie mutig er war

Alfons Kaiser

Die Beziehung zwischen Lagerfeld und Saint Laurent ist hochinteressant. Sie hatte als Freundschaft begonnen und endete in einer unerbittlichen Konkurrenz.

Ein wenig hoffe ich, Karl Lagerfeld ins Recht setzen zu können gegenüber seinem Freundfeind Yves Saint Laurent, der immer ein bisschen herablassend ihm gegenüber war, und auch gegenüber den Französinnen und Franzosen an sich. Ich war schon immer an Lagerfelds Leben interessiert, weil man ihn in Frankreich nur als großen Künstler sah, als französischen Künstler eigentlich, und seine Herkunft gar nicht sehen wollte. Dass er Deutscher war, haben viele Französinnen und Franzosen gar nicht so recht realisieren wollen, was ich für eine Spielart der Pariser Arroganz halte. Mir ging es darum, Karl Lagerfeld umfassend zu beschreiben und zu zeigen, wie stark, wie mutig er war. Das lässt sich an der Chloé-Zeit tatsächlich gut ablesen. Er machte aus dem Modehaus eine richtige Trendmarke, bei der Frauen wie Jacqueline Onassis, Caroline von Monaco oder Linda McCartney einkauften. Schon damals arbeitete Karl sehr innovativ, sehr frisch, sehr anspielungsreich. Diese Leistung wird bis heute nicht richtig gewürdigt.

Im Buch erfährt die Leserin viel Neues über die deutsche Vergangenheit von Karl Lagerfeld

Eine Biografie über Karl Lagerfeld haben Sie trotzdem erst jetzt herausgebracht. Wie kam es dazu?

Ich habe ihn das erste Mal 1999 und seitdem unzählige Male interviewt. 20 Jahre lang habe ich seine Karriere begleitet. Eine Biografie zu schreiben, kam allerdings nicht mir, sondern einer Lektorin des Beck-Verlags in den Sinn, und zwar recht bald nach seinem Tod. Ich fand das damals noch indiskret, fast pietätlos. Daher lehnte ich das Angebot zunächst ab. Auch, weil ich Angst hatte, mich mit diesem Mann auseinanderzusetzen, der so überlebensgroß ist, dass man ihn im Grunde gar nicht richtig beschreiben kann. Nachdem ich aber ein paar Mal darüber geschlafen habe, sagte ich schließlich zu.

Warum?

Weil ich durch die vielen Interviews mit ihm eine gewisse Grundlage für das Buch hatte und einen guten Zugang zu seinem Umfeld. Vor allem aber hatte ich große Lust, seine Kindheit in Bad Bramstedt zu erforschen, mit ehemaligen Nachbarskindern, Mitschülerinnen und Mitschülern zu sprechen. Insgesamt habe ich für das Buch mehr als 100 Interviews geführt, bin nach New York, Florida, Rom und Reggio Emilia gereist, fünf Mal nach Hamburg und zehn Mal nach Paris. Ich habe alles gelesen und mir jeden Abend alte Talkshows mit Karl als Gast angeschaut, von Sandra Maischberger bis Alfred Biolek und von Johannes B. Kerner bis zu Markus Lanz. Ein Kritiker hat schon bemängelt, dass das Buch vollgepackt mit Fakten sei und die Lesbarkeit darunter leide. Der Vorwurf ist nicht ganz falsch, aber es galt eben, erst einmal die Tatsachen darzustellen. So habe ich zum Beispiel Dinge über seine Kindheit und Jugend herausgefunden, die noch gar nicht bekannt waren. Ich habe Verwandte von Lagerfeld ausfindig gemacht, mit denen bisher noch niemand gesprochen hatte.

Ist Ihr Buch also gewissermaßen eines, das so nur ein deutscher Journalist hat schreiben können?

Wahrscheinlich. Bei den bisherigen Biografien über Lagerfeld von Raphaëlle Bacqué und von Laurent Allen-Caron liegt die Betonung immer auf Frankreich. Und das wird wohl auch bei der Französin Marie Ottavi und dem Amerikaner William Middleton so bleiben, die gerade ebenfalls an Biografien sitzen. Ich wusste also, dass ich viel über seine deutsche Vergangenheit herausfinden konnte, über einen Deutschen in Paris eben.

Interview: Manuel Almeida Vergara

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