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Laetitia Colombani: „Das Mädchen mit dem Drachen“ – Der sicherste Weg ist, ihnen nichts beizubringen

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Von: Petra Pluwatsch

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Laetitia Colombani, die hier an ihr Debüt „Der Zopf“ anknüpft.
Laetitia Colombani, die hier an ihr Debüt „Der Zopf“ anknüpft. © AFP

Die französische Bestsellerautorin Laetitia Colombani erzählt in ihrem Roman „Das Mädchen mit dem Drachen“ von Frauen, die in Indien um ihr Recht auf Bildung kämpfen.

Lénas langjähriger Partner François ist tot, ihr gemeinsamer Traum von einem Haus in der Bretagne wird sich nicht erfüllen. So streift sie ihr altes Leben in Frankreich ab wie ein zu groß gewordenes Kleid und flieht in die fremde Welt Indiens. An der Koromandelküste am Golf von Bengalen hofft sie, an Körper und Seele zu genesen. „Allein dieser Name verspricht eine willkommene Abwechslung.“ Doch ihrer Trauer und ihrem Schmerz kann sie auch in Tamil Nadu nicht entfliehen. Eines Morgens geht Léna ins Meer, das schnell die Oberhand gewinnt „über ihre mageren, von schlaflosen Nächten weitgehend aufgezehrten Energiereserven. Das Letzte, was Léna erkennt, bevor sie in den Fluten versinkt, ist die Silhouette eines Drachens, der irgendwo am Himmel über ihr schwebt“.

Für die Englischlehrerin aus Europa wendet sich an diesem Morgen das Leben, und fast könnte man ihr Bad im Meer als Taufe und Reinwaschung begreifen. Denn hier an der Koromandelküste, in einem von Armut gezeichneten Dorf zwischen Chennai und Puducherry, findet sie ihre Bestimmung. Nun ist die Geschichte einer Sinnsuche in Indien beileibe nicht neu – doch die französische Schriftstellerin, Regisseurin und Schauspielerin Laetitia Colombani hat daraus einen engagierten und vielschichtigen Roman über Trauer, Schmerz und die Kraft von Frauen gemacht.

„Das Mädchen mit dem Drachen“ ist ihr drittes Buch. Colombani knüpft darin an ihren 2017 erschienenen Debütroman „Der Zopf“ an, der auch in Deutschland ein Bestseller wurde. Darin erzählt sie die Geschichte der kleinen Lalita aus der Kaste der „Unberührbaren“. Ihre Mutter bricht mit ihr aus dem Norden Indiens auf, um ihr in Tamil Nadu die Chance auf ein Leben in Würde zu ermöglichen. Inzwischen ist die Mutter gestorben, Lalita lebt bei Verwandten die sie als billige Arbeitskraft missbrauchen. Ihr einziges Vergnügen: Jeden Morgen lässt sie am Strand einen selbstgebastelten Drachen steigen.

Das Buch

Laetitia Colombani: Das Mädchen mit dem Drachen. Roman. A. d. Franz. v. Claudia Marquardt. S. Fischer, Frankfurt a.M. 2022. 272 S., 22 Euro.

Für Léna wird das Mädchen mit dem Drachen zur Lebensretterin. Lalita ist zur Stelle, als sie erschöpft unterzugehen droht. Durch sie macht sie Bekanntschaft mit der Roten Brigade, einer Gruppe couragierter junger Frauen, die sich dem Kampf um Frauenrechte und gegen Männergewalt verschrieben haben.

Erst allmählich begreift Léna, was es bedeutet, in Indien eine Frau zu sein. Systematisch wird Mädchen in den traditionsbewussten ländlichen Gegenden das Recht auf Bildung verweigert. Sie werden geschlagen, missbraucht und gegen ihren Willen verheiratet, sobald sie die Geschlechtsreife erreicht haben. „Die Geschlechterungerechtigkeit beginnt mit der Geburt und besteht von Generation zu Generation fort. Den Mädchen nichts beizubringen ist der sicherste Weg, sie zu unterjochen, ihre Gedanken und Wünsche zum Verstummen zu bringen.“

Léna beschließt, dem verhängnisvollen Kreislauf aus Traditionsbewusstsein, Armut und Bildungsferne ein Ende zu machen. Eine Schule will sie gründen, in der auch Mädchen die Chance auf einen Abschluss bekommen. Sie findet Unterstützung, doch die Hürden sind hoch. „Egal, wie unglücklich diese Menschen sind, sie sind nicht bereit, überlieferte Gewohnheiten aufzugeben.“

Zwei Jahre brauchen Léna und ihre schlagkräftige Frauentruppe, ehe die Schule in einer umgebauten Werkstatt eröffnet werden kann. „Die frischgestrichenen Wände warten auf Landkarten, Buchstaben und mathematische Symbole, die die Lehrerinnen und Lehrer bald dort aufhängen werden.“ Schon wenige Monate später wird die erste Schülerin gegen ihren Willen verheiratet, Lalita, dem Mädchen mit dem Drachen, droht das gleiche Schicksal. Doch ein Anfang ist gemacht.

Laetitia Colombani ist auch mit ihrem dritten Buch ein lebenskluges, warmherziges und von feministischem Kampfgeist getragener Roman gelungen. Ob Lalita und ihre Mitschülerinnen ihren Weg machen werden – vielleicht, hoffentlich erfahren wir das in einem weiteren Roman.

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