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Balance und Gleichgewicht kommen hier aus Gezeiten und Weite.

Johann P. Tammen

Wie ein längst überfälliges Schiff

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Das Meer weist den Weg: Gedichte aus fünfzig Jahren von Johann P. Tammen.

Nichts ohne Salz und Rosinen: Johann P. Tammen hat „die horen“ zu einer der lebhaftesten deutschen Literaturzeitschriften gemacht. Dem Homme de Lettres aus Friesland, „Horikaner“ seit 1969, Herausgeber von 1994 bis 2011, gelang das als empathischer Entdecker, Wegbereiter und Bewahrer. Nicht zuletzt als Nachdichter vereint er all diese Eigenschaften, immer dem „Knistern der Wörter“ folgend.

Ganze Literaturlandschaften werden so in ihrer Wahrnehmungsvielfalt exklusiv. Große, vergessene oder neue Namen nicht als Programm, sondern als Gleichzeitigkeit des Verschiedenen. Tammen bewegt sich als Mittler zwischen den Literaturen selbstlos, aber völlig anwesend an seinem Platz in der Welt und als Dichter von Rang durchaus kenntlich, wenn auch verstreut in bibliophilen Ausgaben.

„Als käme alles Erwartete mit einem längst überfälligen Schiff“, sammelt jetzt der Wallstein Verlag in zwei opulenten Bänden die Gedichte und Nachdichtungen des Johann P. Tammen. Eine sorgsam große Auswahl seines poetischen Werkes fasst fünfzig Jahre. Dieser Dichter, inzwischen fünfundsiebzig, ist ein Solitär und entzieht sich allen Zuordnungen. So viel aber doch: Als sesshafter Küstenmensch mit Meer, Wind und Watt ist er geradezu ein Antipode des Wald- und Gebirgsgängers Wulf Kirsten. Balance und Gleichgewicht kommen hier aus Gezeiten und Weite, Ebbe und Flut, Tidenhub im Prielgeäder. „Hier floss unter seinen Augen der Priel. Und dessen Wasser glich im Fließen dem Fluss der Wörter auf dem Papier, deren Wirkmacht ihm Halt gab“, heißt es im autobiografischen Begleitessay.

„Das Meer weist den Weg“, aber nicht in seiner Brandungsdynamik, sondern in der Stetigkeit seiner Gezeiten. „Choräle aus den Brüllkleidern des Meeres / geschüttelt versickernd in weißwandigen / Dünen in denen Goldmacher Sand auftürmen / Feinmünze in zerstiebender Zeit die / krebsläufig ist. Ihr Verschwinden im Abseits bleibt den Behausten verborgen.“ Das Meer bleibt das Meer, „ein zum Himmel schreiendes Großmaul“, aber Tammen fragt auch rundheraus, ob es Dinge gibt, die ganz für sich nicht unabänderlich sind. Sein Schreiben ist der selbstbestimmte Weg, in der Welt zu bestehen. So auch der „Entwurf einer Geburtsanzeige“: „sind Steine genug / … / und hier sind die Wege / des Lebens // aber vielleicht / willst du alles wirklich alles / ganz anders beginnen ... // für den Fall / sei auf alles gefasst.“

Er ist auf alles gefasst, auch auf anderes Großmaul-Gehabe, auf „die Meute die er flieht mit ihren Gernegroßmanieren / auf krummen Rücken tanzend den feinen Staub / der Chefetagen gestapelt zwischen Soll und Habenichts / grimassen und wenig zugetan dem tristen Chorgesang / der Fische rostrot in lärmverminten Kisten.“ Nicht nur in der Natur emanzipiert sich die existentielle Angst. Destruktion ist auch zu bannen, „wenn man sich an Gelungenes in der Kindheit erinnert – an freches Leben in Bäumen und Schlittenfahrten über Gräben hinweg“.

Tammen sucht in befreiendem Weltzugang die Ereignisse zu fassen, statt alles nur unabänderlich geschehen zu lassen. Er bewegt sich deutlich heraus aus vorgefundenen Bezügen. Ohnehin ist er „mit dem / AlteLeuteMeer im Duzton verkracht“. Aus der Furcht, dem Gemurmel zu erliegen, sich selbst zu verfehlen, begann er zu schreiben. Er wird frei und hoch, wenn er schreibt. Früh hat er gespürt, die Realität an sich genügt zum Schreiben so wenig wie die Biografie des Autors. So unterläuft er das Reale und zieht es in einen sanften Surrealismus. „Fern in Berlin wo ich nie war von WunderBar / zu Nimmerwahr im Tingeltangelimmerdar / ... / ging ich steinklamm und welststadtflüchtig spitzen / Hüten hinterher ein Häusler im Gebirg der Wände / Mauern Pflaster auf Männer zu auf Fraunmalheur“.

Ganz abgesehen vom Fraunmalheur, gehört zu Tammens Leichtigkeit des Seins die Freundschaft als Lebensweise. „Und um Himmelswillen beim Vortrag der Gedichte im Kreis der Freunde nicht von der Stehleiter stürzen ...“ Die Widmungsgedichte reißen nicht ab und gehen durch Länder und Zeiten: „Briefblätter für Don Vigo und Daniil Charms“ oder „für Elke, für Kito, für Heym unterm Eis“. Freundesgaben sind auch die Nachdichtungen im zweiten Band der Werkausgabe. In praxi folgt der Dichter hier einem Leitsatz von Franz Fühmann: „Die Nachdichtung muss ein lesbares deutsches Gedicht sein, das man guten Gewissens in einen Sammelband eigener Verse aufnehmen würde.“

Mit seinen Nachdichtungen zeigt Tammen, was literarischer Weltzugang ist. Poesie ist etwas, das Sprachgrenzen durchdringt. Die Welt wird überall gleich groß und das Gedicht mit ihr, wenn es zum Kern einer Lebensdeutung kommt, bis „das Fremde“ zum „Eigenen“ wird. Den dialektischen Essay im Anhang über Fährnis und Verve der Übertragungskunst wünscht man sich als Pflichtstück für Nachdichter: „Da müssen Sternputzer her …“ Zum flagranten Beispiel werden fünf Übertragungs-Varianten des Gedichtes „Der Bäcker, der Mann in blau“ von Henry Deluy. Da lässt sich was erahnen vom „Sternputzen“.

Die Dichtung des Johann P. Tammen ist nicht durch Deutung abzukürzen, abzumildern oder abzubremsen, alles sperrt gegen Extraktion und gegen Bilanz. Sein Werk nähert sich einem Satz von Immanuel Kant: „Poesie ist das schönste aller Spiele, indem wir alle Gemütskräfte darin versetzen.“

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