Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Literatur

Lächelnder Verräter

Michael Wildenhains Romanhelden sind "Träumer des Absoluten".

Von INSA WILKE

Wäre Michael Wildenhains Roman bloß früher da gewesen! Er hätte der Debatte um die Rückkehr des Politischen in die Literatur, die im Frühjahr mangels hinreichend provokanter Vorlagen nicht recht zündete, Impulse geben können. Wildenhain hat spätestens mit seinem Opus magnum "Die kalte Haut der Stadt" (1991) ein Gespür für die Möglichkeiten politischer Literatur bewiesen. Und ihn unterscheidet von einem hoch gehandelten Autor wie Ulrich Peltzer vor allem eines: Er stellt schreibend Fragen.

Eine erste Frage schwingt im Titel seines Romans: "Träumer des Absoluten". Das klingt für das sinnliche Sprachgefühl dieses Autors ziemlich abstrakt. Die Wendung stammt auch nicht von Wildenhain, sondern von Marx. Schon Hans Magnus Enzensberger hatte sich der Formulierung bedient, um die Nahtstelle zwischen Politik und Verbrechen zu treffen. Auch bei ihm ging es um Verschwörer gegen die Macht. Einzelne in der Menge, die das Unbedingte wollen. Träumer eben, aber gewaltbereite. Weniger romantisch: Terroristen.

Wildenhain erzählt die Geschichte von Tariq, Judith und Jochen. Tariq ist Deutsch-Libanese, Judith deutsche Jüdin - zwei Fallstudien, in denen viel von Einsamkeit die Rede ist. Die Dreieckskonstellation zweier junger Männer, die um dieselbe Frau werben, findet sich häufig in Wildenhains Büchern. In "Träumer des Absoluten" geht es dabei vor allem um Tariq, der im Prolog statuiert: "Niemand sollte gezwungen sein, das eigene Leben für einen Irrtum zu halten."

Gleich darauf führt er Jochen im Schnee des Mont Blanc die Bilder eines Anschlags auf seinem Camcorder vor, irgendwann im neuen Jahrtausend, irgendwo zwischen Hindukusch und Mitteleuropa: "Der Frau fehlt die Hälfte ihres Gesichts. Glas, Gewebe, Eisen."

Wo beginnt der Irrtum, der keiner sein sollte und der Tariq möglicher Weise, das bleibt offen, am Ende zum islamistischen Selbstmordattentäter macht? Im Roman 1970. Schulzeit. Damals verbindet Tariq und Jochen die Faszination für mathematische Formeln, die Tariq bald schon gesellschaftlich deutet.

Beispielsweise die Resonanzkatastrophe: "In Systemen mit schwacher Dämpfung können Resonanzen auch bei geringer Erregungsleistung oder schwacher Koppelung an ein anderes schwingendes System bis zur Selbstzerstörung des Resonators führen. Kennt man.

Soldaten marschieren im Gleichschritt über eine Brücke. Kann man auf unsere Gesellschaft übertragen." Jahre später sehen Jochens und Tariqs Träume vom Absoluten so aus: Der eine ist Dozent für Mathematik, der andere geht ins linksextreme Milieu.

Bis es soweit ist, führt ihre Suche nach Teilhabe an etwas Größerem durch drei Jahrzehnte: politisches Erwachen in den Siebzigern; Radikalisierung, Solidarisierung und Desillusionierung in der Hausbesetzerszene der Achtziger; Ernüchterung und Entfremdung nach 1989.

Die unmerklichen Wendungen im Lebenslauf und die Veränderungen des Zeitgefühls vermittelt Wildenhain auch stilistisch: Das Tempo beschleunigt, die Stimmen wechseln von der Intonation des "Ich" zum "Wir" und die Sprache von Alltagsnähe in der Schulzeit ("Es ist, weil - ich seh die Zahlen vor mir"), zum Erinnerungsprotokoll Jochens ("Bilder. Das notdürftige Herrichten zweier Räume mit intakten Kachelöfen, in denen alle schlafen, allein, als Paar, bemüht, Geräusche zu vermeiden. Abdichten der Doppelfenster"). Nach 1989 herrscht dokumentarische Effektivität.

Liegt es an der sprunghaften Handlungsführung, dass Wildenhains Buch trotz sprachlicher Ausgefeiltheit den Rhythmus nicht findet? Nicht jede Nebenhandlung leuchtet ein. Muss Jochen wirklich auf die Schnelle mit Tariqs Mutter schlafen? Interessant ist, dass gerade Tariqs enervierende Hochbegabung, die man im Roman als überinstrumentiert empfinden könnte, durch eine historische Quelle inspiriert ist. Wildenhain orientiert sich für seine Figur am Prozess um die "Revolutionären Zellen", der 2001 begann. Das Aufsehen war groß, weil der erstaunliche Beklagte Tariq Mousli die Kronzeugenregelung in Anspruch nahm - als letzter vor deren Aussetzung.

Für Wildenhain scheint das Lächeln dieses Kronzeugen bei der Urteilsverkündung, das Lächeln des Verräters, das geheime Zentrum seines Romans zu sein. In ihm verkehrt sich der Ehrenkodex des jungen Tariq in sein Gegenteil. Der Roman kreist um die Ursprünge dieses Lächelns.

"Wir suchen nach einer Umkehrfunktion, eine Abbildungsvorschrift, in der Hoffnung, etwas zu finden, das einem Urbild ähnelt. Indem wir den Kern umkreisen, der sich, nie fassbar, dem Zugriff entzieht, versuchen wir zu ergründen, was wir empfunden haben, als wir Kinder waren, und was wir dachten, als wir älter wurden."

Wildenhains Collage von Literatur, Mathematik, Politik und Glauben deutet auch einen Entwicklungsroman unserer Gesellschaft an. Der Anspruch begründet den Reiz und die Schwierigkeit zugleich.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare