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In Tbilisi wird gefeiert.

Buchmesse

Im Labyrinth der Blauen Hörner

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"Kleiner kaukasischer Divan": Der Schriftsteller Adolf Endler erzählt von Georgien und seinen vielen Dichtern.

An Prometheus denken Dichter, die zum Kaukasus reisen. Nichts scheint zu groß. Die ostdeutschen Lyriker Adolf Endler und Rainer Kirsch reisten 1969 mit einer großen Aufgabe: Georgische Poesie als säkulare Vorgabe. Dichtung aus acht Jahrhunderten sollen sie nach Interlinearübersetzungen auf die Höhe erlesener Nachdichtung heben. Georgien – ein Land der Dichter. So wichtig wie das eigene Buch ist sonst nur der Sieg im georgischen Fußball. Sechzig Gegenwartsdichter und zwanzig aus der Vorzeit. Achttausend Verse. Wie an einen Felsen geschmiedet. Nach langen Verhandlungen auf ministerieller Ebene wurden jedem der Dichter zweitausend Verszeilen zugedacht. Immerhin: Auswahl „nach eigenem Gusto“. Prometheus lachte leise. 

Doch ergeben haben sich die reisenden Dichter im „Land der Bankette und Feste“ nie. Nach zwei Jahren erschien in Ost-Berlin „Georgische Poesie aus acht Jahrhunderten“ in der Nachdichtung von Endler & Kirsch. Bis heute eine der umfänglichsten Sammlungen, als Nachdichtung unverjährbar. 

Aber wie aus poetischer Dringlichkeit eine große Reise wurde, ließ Endler nicht ruhen: 1976 schrammten „Zwei Versuche über Georgien zu erzählen“ an der Zensur vorbei. Wie die Nachdichtungen hat auch die Reise selbst bis heute nichts von ihrer Anziehungskraft verloren. Zweieinhalb Monate Georgien als geradezu festlicher Vorgang. Grund genug, Endlers Georgien-Texte als „Kleiner kaukasischer Divan“ neu herauszugeben.

Endler, der 2009 verstarb, hat diese Ausgabe noch überarbeitet, die Idee zu einem Dreisprung autorisiert: Über Georgien und Tbilisi wird zweigeteilt, nein, nicht erzählt, gebebt. Dynamik, Passion, auch Polemik sind bei Endler die Faustregel. In einem zweiten Teil zeigen sich in selbstauferlegter Strenge 26 Beispiele seiner Nachdichtungen. Unvollständig und doch ein Parnass. Einen runden Bogen findet dann alles mit dem Essay „Vorläufiger Versuch über die ältere georgische Poesie“. Zur Überraschung wird drittens eine bislang ungedruckte Polemik zu Grigol Robakidse. Der Stimmführer der Dichtergruppe „Die Blauen Hörner“ ging als Stalin-Gegner 1931 ins deutsche Exil, verwirkte seinen literarischen Rang durch faschistische Anbiederung. Ein Fall wie Hamsun oder Céline. Endler sieht hier keine mildernden Umstände. Dennoch scheiterte er hier an der Zensur. 

Endler ist Erkunder von enzyklopädischem Ausmaß. Alles beginnt in Georgien, endet aber nicht dort. Dichtung bleibt immer der letzte Kreis auf dem Erzähl-Wasser, den ein geworfener Stein auslöst. Jenes Land, in dem Jason auf Medea traf und mit ihrer Hilfe das Goldene Vlies raubte, auf Kolchis’ Steinen sind alle Wege voller Legenden und Rätsel, die Dichtung erblüht unter fliehenden Horizonten. Die Möglichkeiten des georgischen Verses sind grenzenlos, das genuine Abschweifen des Erzählers ist es auch. 

Auf Umwegen geht er den Dingen auf den Grund. Wähnte er sich eben noch als erlebnisbeladener Pionier, schon fällt der Staub von einem deutschen Reise-Phänomen. „Wer hat eigentlich nicht über dieses Land geschrieben?“

Deutsche haben langhin Deutungslinien gezogen. Fünfzig, sechzig Namen. Es gab wissenschaftliche Interessen bei Ernst Haeckel, strategische bei Werner von Siemens und Karl Kautsky. Der Literat Friedrich Bodenstedt löste 1851 mit den „Liedern des Mirza Schaffy“ eine kaukasische Kitschwelle in Deutschland aus. Bertha von Suttner lebte als Lehrerin in Tbilisi. Schriftsteller standen unter dem Zwang zum Selbstbeweis – von Armin T. Wegner über Oskar Maria Graf bis zu Clemens Eich. Aber es gibt auch Kenner, bei denen Endler Witterung aufnimmt. Zu ihnen gehören der Philologe Adolf Dirr, der Journalist Arthur Leist und der Orientalist Robert Bleichsteiner. 

Lange liegengelassenes Wissen überführt Endler auf erzählerischen Umwegen in eine kurzweilige georgische Literaturgeschichte. Nach der Christianisierung Georgiens entfaltet die Hymnen-Sammlung „Jadgar“ von Mikel Modrekili im 10. Jahrhundert einen frühen Höhepunkt. Diese altgeorgische Literaturperiode geistlicher Poesie wird abgelöst durch das alles überstrahlende Versepos „Der Recke im Tigerfell“ von Schota Rustaweli am Ende des 12. Jahrhunderts. Zum anderen waren es Fürsten, die in der Bedrängnis durch Türken und Perser den Vers dem Schwert vorzogen. Endler hat Gedichte der Könige Teïmuras I. und Wachtang VI. übertragen. Mit dem 18. Jahrhundert werden die literarischen Einflüsse aus Europa stärker.

Dawit Guramischwili und Bessiki, der „georgische Anakreon“, zeigen sich in Endlers Übertragung. Die Romantiker Alexander Tschawtschawadse, Grigol Orbeliani und Nikolos Barataschwili hebt er mühelos vom Episodischen ins Exemplarische.

Mit der Eingliederung Georgiens ins Zarenreich im 19. Jahrhundert beginnt auch für die Literatur eine neue Phase. Ilia Tschawtschawadse und Wascha Pschawela sind Teil der georgischen Nationalbewegung. Akadi Zereteli gehört auch zu ihnen, gleichsam Übersetzer der Internationale und Dichter des Evergreens „Suliko“ – Stalins Lieblingslied. Beispielhafte Variationen avantgardistischer Impulse zeigt Endler im Getümmel georgischer Dichter im 20. Jahrhundert. Nach der Besetzung Georgiens durch sowjetische Truppen im Jahr 1921 auch ein „Abschied vom alten Tbilisi“. Im Mittelpunkt „Die Blauen Hörner“, angelehnt an französische und russische Symbolisten. 

Fast alle werden zu Opfern zweier Georgier: Stalin und Beria. Dichter mit Grundsätzen und deshalb zum Untergang bestimmt, aber ihre Namen verschwanden nicht. Und Endler hat sie in die DDR getragen: Paolo Iaschwili, Tizian Tabidse, Alexandre Abascheli, Iosseb Grischaschwili, Galaktion Tabidse, Nikolo Mitsischwili. Endler gedenkt (1969!) georgischer Stalinopfer wie keiner vor ihm: „Tabidse, Iaschwili …, zwei der siebenunddreißiger Toten, die ,unzertrennlichen Freunde‘, die ,Dichter der roten Kolchis‘.“

Adolf Endler beeindruckt nicht nur als Dichter, er ist auch ein rezeptives Genie. Die Überschüsse sind beträchtlich, auch nach fast fünfzig Jahren. 

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