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Geschichte der Verlierer: Philosoph Benjamin.

Walter-Benjamin-Biographie

Im Labyrinth

1300 Seiten, und doch ein Fragment: Jean-Michel Palmiers monumentale, aber nicht vollendete Walter-Benjamin-Studie ist jetzt auch auf Deutsch erschienen. Von Rolf Wiggershaus

Von Rolf Wiggershaus

Drei Jahre nach der französischen Originalausgabe ist nun die deutsche - wahrhaft kongeniale - Übersetzung einer monumentalen Monographie über Walter Benjamin erschienen. Ende der achtziger Jahre veröffentlichte der französische Kunsthistoriker und Philosoph Jean-Michel Palmier eine zweibändige Untersuchung über das Exil Weimarer Intellektueller. Aus dem Vorhaben einer Ausarbeitung des Schlusskapitels wurde eine Studie über Benjamin, die wegen Palmiers Tod im Jahre 1998 Fragment blieb. Doch dass dies 1300-seitige Fragment je übertroffen werden könnte, ist schwer vorstellbar.

Das hat mit dem roten Faden dieser Studie zu tun: der kritischen Rettung Benjamins als so origineller wie politischer Autor. Deshalb die beiden so disparat wirkenden Untertitel des Buches: zum einen "Lumpensammler, Engel und bucklicht Männlein", dies Spektrum Benjaminscher Gespenster, zum anderen "Ästhetik und Politik bei Walter Benjamin".

Fünf Teile plante Palmier. Die ersten drei - Tragödie eines deutsch-jüdischen Intellektuellen; Sprache, Philosophie und Magie; Das Projekt einer materialistischen Ästhetik - und der Anfang des vierten - Materialismus und Messianismus - liegen laut Herausgeber in "annähernder" Endfassung vor. Im fünften Teil sollte es um "Die Pariser Passagen oder die Archäologie der Moderne" gehen.

Auf einen ersten Teil mit biographisch-autobiographischer Orientierung folgen also vier weitere, die den Wandel des Schwerpunkts von Benjamins literarisch-philosophischer Weltsicht beleuchten. Auf das Fehlende wäre man gespannt. Aber doch nur, weil das nahezu erzählerische Kreisen in immer neuen Schichten von Benjamins Welt für dauernde Faszination sorgt.

Ungewöhnliche Komplexität

Der Leser hat am Ende nicht den Eindruck einer Unvollständigkeit des Buches, sondern den der Unabschließbarkeit einer Studie, die einem Leben und vor allem einem damit engvermählten Werk angemessen ist, die gleichermaßen durch ungewöhnliche Komplexität wie durch untergründige Verbindungen gekennzeichnet sind.

Palmiers Meisterschaft in der Kombination von Einfühlung und Kritik zeigt sich schon im ersten Teil. So heißt es über die "Berliner Kindheit um 1900": "Die Einzigartigkeit des Buches liegt, abgesehen von seiner bestechenden Schönheit, in der Unkenntnis einer prosaischen Realität, die das Herzstück so vieler Werke der Epoche ausmacht."

Anwesend ist das Abwesende bei Benjamin aber in der "Bipolarität der unentzifferten Zeichen". Dass sie das Leitmotiv der "Berliner Kindheit" bilden, entspringe, so Palmier, der "Enttäuschung des Erwachsenen - des proletarisierten Schriftstellers, der dem Paradies dieser bürgerlichen Kindheit entrissen wurde und der im selben Moment ein Bewusstsein seiner Klassenlage gewann, in dem er seine materielle Sicherheit verlor".

Deshalb hatte gerade das Stück "Loggien" für Benjamin die Bedeutung einer Art von Selbstporträt, wie er an seine Vertraute, Gretel Adorno, schrieb. Die Loggia ist eine Schwelle zwischen der erstickenden Sicherheit der elterlichen Wohnung und dem Blick in die Hinterhöfe mit den Unterkünften der Armen. Benjamin, dem proletarisierten Intellektuellen, sind die Loggien nah "des Trostes wegen, der in ihrer Unbewohnbarkeit für den liegt, der selber nicht mehr recht zum Wohnen kommt".

Vergleich mit Proust und Bloch

Durch den Vergleich mit Marcel Proust und Ernst Bloch verleiht Palmier Benjamins Eigentümlichkeit zusätzlich Konturen. Für Proust bedeutet Erinnerung die Suche nach verborgenen Augenblicken des Glücks, für Bloch sind Erinnerungen Sammellinsen für utopische Stoffe.

Für Benjamin dagegen sind die Augenblicke der Kindheit solche eines Scheiterns, das entziffert werden muss, eines Versprechens, das das Leben nicht gehalten hat. Die Bewahrung der eigenen Kindheit gewinnt für Benjamin in genau dem Moment einen historischen Sinn, in dem das Tragische seines Lebens und das der Geschichte miteinander verschmelzen.

"Das Kind und der Unterdrückte", so interpretiert Palmier die politische Seite von Benjamins Verhältnis zu seiner Kindheit, "sind Teil derselben Geschichte: derjenigen, die ,aus Sicht der Verlierer´ geschrieben wird. In Benjamins theologisch-politischer Vision ist das Kind, das er war, identifiziert mit der Geschichte selbst, ihrem unerlösten Leid. Die ,Erinnerungen´ verkörpern die gleichen messianischen Erwartungen [...], die aber ,die Flamme der Hoffnung entfachen´ muß."

Die einfühlend-kritische Haltung Palmiers und sein Interesse am originär politischen Benjamin bewähren sich, gleichviel, ob es um Benjamins Verhältnis zu Scholem, Adorno, Bloch, Kracauer, Brecht oder dem Frankfurter Institut für Sozialforschung geht oder um Themen wie Mimesis, dialektisches Bild, Phantasmagorie, Aura, um Erneuerung der Literaturkritik, die Rolle der Intellektuellen, die Vereinbarkeit von Marxismus und Theologie oder die Politisierung der Kunst.

Jeder, der etwa Benjamins erkenntniskritische Vorrede zum Trauerspielbuch zu verstehen suchte, wird mit Dankbarkeit und Gewinn lesen, was Palmier über Benjamins Praxis berichtet, für jeden seiner großen Essays erkenntnistheoretische Grundannahmen zusammenzustellen, die durch die Vielfalt ihrer Quellen verblüffen.

Benjamins Interesse am Universitätsbetrieb und an den philosophischen Strömungen seiner Zeit war gering. Einzig in Lukács´ "Geschichte und Klassenbewusstsein" sah er die Aporien der klassischen Erkenntnistheorien mit ihrem Ausgang von einer Subjekt-Objekt-Spaltung philosophisch aufgehoben. Im übrigen holte er sich Anregungen bei der Romantik und dem Judentum, bei vergessenen Autoren und Außenseitern. "Diese Marginalität Benjamins", so Palmier, "dieser ,Schritt zurück´ hinter die Begriffsbildungen seiner Zeit, ist die Bedingung seiner Originalität."

"Tigersprung ins Vergangene"

Dazu gehörte auch das Prägen eigener Begriffe bzw. die Ersetzung von Begriffen durch Bilder, Konstellationen sinnlicher Objekte, Stilfiguren wie die Allegorie. So praktizierte Benjamin auf seine Weise den "Tigersprung ins Vergangene", der die Gegenwart erhellen sollte.

Palmiers Führung durchs Labyrinth von Benjamins Welt ist bewundernswert, und es fehlt dabei auch nicht an Hinweisen auf den politischen und intellektuellen Kontext, in dem Benjamins Leben, Denken und Dichten sich abspielte. Doch sich derart intensiv wie Palmier auf ein Leben und Denken einzulassen, das so wie das Benjamins in Gestalt von Texten - weitaus mehr unveröffentlichten und nicht zur Veröffentlichung gedachten als veröffentlichten - existiert, das hat auch einen beklemmenden Effekt. Es entsteht eine geschlossene Welt, in der das "sollte", diese merkwürdig imperativische Vorwegnahme der bekannten Zukunft, auffallend häufig auftritt. Unbefangene Einschätzungen werden dann schwierig.

Ein Beispiel dafür ist, wie Ludwig Klages bei Palmier vorkommt. In einer Fußnote erwähnt er Benjamins Bewunderung für den Autor der Bücher "Vom kosmogonischen Eros" und "Der Geist als Widersacher der Seele", doch nichts, was diese Bewunderung verständlich machen könnte. Statt über den 1914 erschienenen Aufsatz "Vom Traumbewusstsein" informiert zu werden, um dessen Fortsetzung Benjamin Klages bat, erfährt man nur, dass Klages "ein echter Vorläufer des nationalsozialistischen Irrationalismus und notorischer Antisemit" gewesen sei, von dem Benjamin sich erst unter dem Einfluss Adornos endgültig losgesagt habe.

Trotz aller Bewunderung hinterlässt Palmiers Buch ein zwiespältiges Gefühl. Der Autor führt mit sicherer Hand durch ein Labyrinth - aber nicht mehr hinaus. Bei aller Angemessenheit im einzelnen hat die Monumentalität des Ganzen angesichts der einen Person, um die bzw. um deren Werk es geht, etwas Unmäßiges.

Jean-Michel Palmier: Walter Benjamin. Lumpensammler, Engel und bucklicht Männlein. Ästhetik und Politik bei Walter Benjamin. Herausgegeben und mit einem Vorwort versehen von Florent Perrier. Aus dem Französischen von Horst Brühmann. Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M. 2009, 1372 Seiten, 64 Euro.

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