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Für kurze Zeit kein Staat

Der wunderbare Sommer der Anarchie: 1989 - Eine Sammlung von Geschichten und Geschehnissen

Von STEFFEN PACHALI

Es brodelte im ganzen Land, und die Herrschenden wussten nicht, wie sie das sich abzeichnende Chaos verhindern sollten: Vor 15 Jahren, den ganzen Sommer 1989 über, flohen tausende DDR-Bürger über die unbewachte Grenze in Ungarn in den Westen. Im Herbst organisierten DDR-Staatsführung und westdeutsche Bundesregierung die Ausreise der Prager Botschaftsflüchtlinge mit Reichsbahn-Zügen. Die DDR, aus der schon wenige Monate später die fünf neuen Bundesländer wurden, stand unwiderruflich am Scheideweg. Der Rest der großen Geschichte, bis hin zum Absterben der Montagsdemonstrationen im Anti-Hartz-Fieber 2004, ist bekannt: das Volk - im Wir-Gefühl vereint - zwang die greisen Regierenden zum Rücktritt, zu Maueröffnung, D-Mark und Anschluss an die Bundesrepublik und wartet seit dem vergeblich auf blühende Landschaften.

Die kleinen Geschichten in dieser Geschichte sind dagegen weniger bekannt. In der Zeit, als ein Gesellschaftssystem auf den Straßen mit Füßen getreten wurde, herrschte vielerorts eine faktische Rechtslosigkeit. Diejenigen, die in der DDR blieben oder nach der Öffnung der innerdeutschen Grenzen zurückkehrten, konnten das große Chaos ausleben. Das wunderbare Jahr der Anarchie nennen die Autoren eines jetzt im Christoph Links Verlag erschienenen Buches die Zeit, in der all das möglich wurde, wovon alle Freunde zivilen Ungehorsams träumen: Bezirksregierungen absetzen, Landsitze besetzen, Militärbefehle ignorieren oder Straßen blockieren und dabei von staatlichen Behörden auch noch unterstützt zu werden. In vielen kleinen Geschichten erzählen die Autoren Sybille Nitsche und Antje Taffelt die kleinen Heldentaten ganz normaler Bürger, die das üben, was Stefan Heym im November 1989 den "aufrechten Gang" nannte.

Der Polizistensohn Günther Sattler verbreitet auf einer Schreibmaschine geschriebene Aufrufe zu illegalen Demonstrationen - Kopiergeräte gibt es nicht. Die Einwohner von Rüterberg - gelegen im Sperrgebiet zum Westen - rufen einen Tag vor dem Mauerfall die Republik aus und ernennen die vor dem Dorf Wache stehenden Grenzer kurzerhand zu Ehrenbürgern. Ein CDU-Kreisvorsitzender verhandelt im Januar 1990 ohne Rechtsgrundlage mit der niedersächsischen Landesregierung über den Anschluss des Eichsfeldes an das westdeutsche Nachbar-Bundesland.

Paradies in der Müritz

Neben der Journalistin Sybille Nitsche und der Lektorin Antje Taffelt steuerten auch andere Autoren Beiträge bei. Christoph Links erzählt vom Aufbegehren im staatlichen Rundfunk, das zur Bildung von Rundfunkräten - die nichts mit den Namensvettern in heutigen öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten gleich haben - führte. Ausnehmend schön geschrieben wiederum ist Volly Tanners Geschichte über den "Ersten Matrosen- und Soldatenrat" in Rostock.

Aus heutiger Sicht wirken die berichteten Begebenheiten manchmal lächerlich, teilweise nur komisch. Eine Lehrerin und SED-Genossin ignoriert den "Befehl" ihres Parteisekretärs - eine in heutigen Parteien wohl übliche Verhaltensweise. Für die treue Genossin jedoch die revolutionärste Tat in ihrem bisherigen Leben. Das anarchistische der Geschehnisse ist für nachgeborene oder westdeutsche Leser wohl schwieriger nachvollziehbar. Wo steckt wohl das revolutionäre Element, wenn im Sommer 1989 Menschen auf einer künstlichen Insel in der Müritz - in Sichtweite zum Sommerhaus des Ministerpräsidenten - ein kleines Südseeparadies errichten?

Nach der Lektüre der Kurzgeschichten fällt auf, dass der Buchtitel die Wirklichkeit verzerrt. Einige der beschriebenen Ereignisse fanden in einer Zeit statt, in der keineswegs Anarchie - also Abwesenheit des Staates - herrschte. Nur Zufall und Dummheit der Staatsmacht verhinderten häufig schlimme Folgen. Aber klar wird auch, dass eine Geschichtsschreibung, die das DDR-Ende mit Montagsdemonstrationen in Leipzig und anderswo erklärt, zu kurz greift. Was umgekehrt, übertragen auf die heutige Hartz-Aufregung bedeutet, dass das Aufleben der Montagsdemonstrationen im Osten Deutschlands keine Veränderung bringen wird. Jedem guten Unternehmensberater ist bekannt, dass Veränderungen Fantasie benötigen. 1989/90 war davon viel vorhanden.

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