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Der kurze Aufschub

Leben, Sprache, Endlichkeit: Harald Weinrichs Kompendium der "Knappen Zeit"

Von MARTIN LÜDKE

Die ersten Sätze sind bemerkenswert lapidar: "Die Zeit ist knapp. Das Geld ist knapp." Noch einige "knappe" Güter benennt Harald Weinrich, bevor er auf die Verwandtschaft des englischen Messers, knife, mit den Verben "knapsen", "kneifen", "knipsen" hinweist und damit schon einmal andeutet, mit welchen Verfahren er der knappen Zeit auf ihre Schliche kommen will. Vor allem durch Geschichten, aus der Literaturgeschichte, der Mythologie, der Kunst- und Kulturgeschichte, der Bibel.

So erzählt er am Ende zum Beispiel von der Familie des Schweizer Schriftstellers Blaise Cendrars, die 1894 bis 1896 in Neapel lebte. Cendrars' Vater wurde einmal von einem befreundeten italienischen Fotografen eingeladen, der öffentlichen Hinrichtung eines Soldaten beizuwohnen, die in aller Herrgottsfrühe auf dem Hof der Festung stattfand. Der Fotograf sollte die ganze "Zeremonie" in einer Folge von Bildern dokumentieren. Die beiden Herren beschlossen, den damals etwa neunjährigen Cendrars mitzunehmen. In seinem Erinnerungsbuch beschreibt Cendrars später das Geschehen dieses Morgens. Der Fotograf dokumentierte tatsächlich jede einzelne Phase: Verlesung des Urteils, Degradierung, Vorbereitung der Hinrichtung, usw., usw.

Im Licht der ersten Sonnenstrahlen

Als es zur Exekution kommen sollte, bat er jedoch den Gouverneur der Festung um einen kurzen Aufschub, um die Szene im Licht der ersten Sonnenstrahlen erglänzen zu lassen. Nach einigem Hin und Her wurde seiner Bitte stattgegeben. Und dann "rötete sich der Morgenhimmel, und wie ein Goldpfeil brach nun der erste Sonnenstrahl hervor", und dann gab der Fotograf ein Zeichen, "und der Offizier zog seinen Säbel, und die Trommeln begannen dumpf zu schlagen und steigerten immer heftiger ihren Wirbel, und man vernahm ein Kommando und dann den trockenen Knall einer Gewehrsalve, auf die ein einzelner Schuss folgte, und schon war das arme Kerlchen mit heraushängender Zunge in sich zusammengesunken, halb noch von den Seilen", mit denen er an einen Pfahl gebunden war, "gehalten". Das alles, so resümiert der Berichterstatter, sei mit "reichlich einer Viertelstunde Verspätung" gegenüber dem vorgesehenen Zeitplan geschehen.

Weinrich, (von Haus aus ein Sprachwissenschaftler, ursprünglich Romanist, der dann aber seine Interessen weiter ausfächerte und sich auch schon sehr früh mit den grammatikalischen Problemen der Zeit beschäftigt hat), betont den parataktischen Stil, vor allem die zahlreichen Reihungen von Syntagmen mit "und", und sieht darin einen "signifikanten Zusammenhang" zum erzählten Inhalt dieser Szene. Er begreift diesen Bericht als "moralischen Text", bei dem sich freilich die Moral, anders als in Schillers Ballade Die Bürgschaft, nicht in expliziten Maximen, sondern "im Stil" ausdrücke.

Dieses Bild, dem zehnten und damit vorletzten Kapitel, "Kurze Geschichten von knappen Fristen" entnommen, steht nicht von ungefähr fast am Ende einer langen Reihe von vor allem literarischen Beispielen aus allen Phasen der europäischen Kulturgeschichte. Denn es markiert eine epochale Zäsur, nämlich: den Beginn unseres Medien-Zeitalters. Nur darum kümmert sich Weinrich nicht weiter. Er schreitet fort, wie stets in dieser Sammlung, forsch, zu Hofmannsthals Jedermann und dessen letzter Gnadenfrist. Weiter geht es noch über Tabucchi, Jules Verne bis zu Tom Tykwers Film Lola rennt. Und so geht das über zehn Kapitel, beginnend mit dem Hippokratischen Aphorismus "Kurz ist das Leben, lang ist die Kunst".

Der Autor beeindruckt mit seinen enormen literaturgeschichtlichen, mythologischen, sprachwissenschaftlichen Kenntnissen. Er kann auf wahrhaft entlegene Quellen verweisen, aber leider nicht den Verdacht ausräumen, dass ein prall gefüllter Zettelkasten nun als Buch zur gebundenen Form gefunden hat. Ein zusammenhängender Gedankengang lässt sich schwer ausmachen, dafür allerdings eine Fülle von exquisiten Beispielen, überraschenden sprachgeschichtlichen Ableitungen, gelehrten Anmerkungen und Hinweisen und passenden Zitaten von Augustinus bis zu Stefan Zweig. Wer wusste schon etwas vom Einfluss des Weimarer Arztes Christoph Wilhelm Hufeland (1762 - 1836) auf Goethe und seinen Faust? Wem ist tatsächlich gewärtig, dass Jesus bei der Auswahl seiner Jünger die Zeit auf den Nägeln brannte, und er auf einer sofortigen Nachfolge bestand: "Folge du mir, und lass die Toten ihre Toten begraben!"

Zeit ist Geld

Das Schicksal, das etwa die Gastfreundschaft im Laufe der Zeiten erfahren hat, über die bekannte Fristenregel hinaus - "Der Gast, wie der Fisch, stinkt am dritten Tag." - wird von Homer bis zum Freiherrn von Knigge zwar nicht einlässlich verfolgt, aber immerhin, wie so vieles, grob skizziert. Knappheit wird auch dem Autor zur Regel. Denn, so der Eingangsgedanke: Die Zeit, wie das Geld, ist knapp. Das hatte schon Seneca gewusst und Benjamin Franklin hat dafür die Formel geprägt: time is money. Entscheidend für unser Zeitverständnis bleibt aber die Erfahrung unserer eigenen - als organische Lebewesen unvermeidlichen - Endlichkeit.

Weinrich erwähnt auch die Neugierde als Antriebskraft wissenschaftlicher Entwicklung. Und er bricht noch einmal eine Lanze für seinesgleichen: "Solange es noch scheinen konnte, dass die lebenswichtigen Erkenntnisse als Wissensschätze in Büchern lagern und am besten durch geduldige Arbeit an klassischen Texten ans Licht gehoben werden können, waren die Philologen gefragt." Polyglotte Philologen haben, sagt er, das Maß vorgegeben, "mit dem das Ideal der Vielwissenheit (Polymathia) erreichbar schien." Der deutsche Philologe F. A. Wolf, ein Homer-Spezialist, sei einer dieser "Vielwisser" gewesen. Ein anderer, scheint mir, ist Harald Weinrich. Von ihm lässt sich wahrlich viel lernen. Wozu? - Diese Frage dürfen wir uns selbst beantworten.

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