Zu kurz gesprungen

Fergusons fünfzigjähriger KriegNiall Ferguson, Elite-Historiker aus Harvard und Oxford, tritt mit einem hohen Anspruch an. Es geht ihm um nichts weniger als eine Gesamtdeutung der Geschichte des 20. Jahrhunderts und ihrer überbordenden kriegerischen Gewalt.

Von WOLFGANG KRUSE

Niall Ferguson, Elite-Historiker aus Harvard und Oxford, tritt mit einem hohen Anspruch an. Es geht ihm um nichts weniger als eine Gesamtdeutung der Geschichte des 20. Jahrhunderts und ihrer überbordenden kriegerischen Gewalt. Doch Anspruch und Realität fallen schnell auseinander. Konkret behandelt Ferguson nur die Zeit der Weltkriege, die er als einen "fünfzigjährigen Krieg" von 1904 (japanisch-russischer Krieg) bis 1953 (Teilung Koreas) konzipiert. Das hindert ihn, der sich doch Chronologien entziehen will, aber nicht daran, als Quintessenz des ganzen Jahrhunderts den "Niedergang des Westens" auszumachen.

Ferguson entwirft ein schillerndes Panorama der Weltpolitik und der kriegerischen Gewalt in der ersten Hälfte des 20.Jahrhunderts. Große Teile davon sind nicht neu, aber durchaus interessant und gut zu lesen: Man erfährt weit mehr als üblich über die japanische Expansionspolitik, und die Ähnlichkeiten zwischen Nationalsozialismus und Stalinismus werden anschaulich aufgezeigt. Wer aber meint, Hitler wie Stalin seien "als Führer einer antikapitalistischen Arbeiterpartei zur Macht gelangt", von dem kann man kaum erwarten, dass er auch die Unterschiede angemessen thematisiert. Dazu findet man primär die übliche Schimpfe auf Linke wie Habermas, die zu lange die Legitimität des Vergleichs bestritten hätten, als ob Vergleich und Gleichsetzung dasselbe wären.

Allzu banal erscheint auch das Bemühen um aktualisierende Deutungen. "In heutigen Begriffen", teilt Ferguson etwa über die Julikrise von 1914 ohne jede Ironie mit, "war Deutschland die einzige Macht in Europa, die sich gegen die Förderer des Terrorismus auf die Seite des Terroropfers stellte." Und das von Nazi-Deutschland besetzte Europa wird bei ihm - Hollywood lässt grüßen - schlicht zu "Mordor", während England als Inkarnation des "Auenlandes" der friedlichen Hobbits erscheint.

Doch das eigentliche Problem des Buchs ist seine Strukturierung. Das kriegerische 20. Jahrhundert soll mit drei Grundfaktoren erklärt werden: ethnischen Konflikten, wirtschaftlicher Unsicherheit und dem Niedergang von Imperien. Doch was auf den ersten Blick tragfähig scheinen mag, erweist sich bald als oberflächliches Erklärungsmuster. Die Tatsache, dass rassische Unterschiede genetisch in der Tat unbedeutsam sind, veranlasst Ferguson nicht etwa dazu, den Bereich der Evolutionsbiologie zu verlassen. Den Rassismus führt er vielmehr auf ein "Rassen-Mem" zurück, auf eine anthropologisch begründete, tief im Menschen verankerte Ablehnung der "Rassenvermischung". Nach den sozialen Ursachen von Rassismus und Antisemitismus muss so nicht mehr gefragt werden, und auch das schwierige Verhältnis zwischen Nationalismus und Rassismus bleibt so außerhalb der Betrachtung.

Wirtschaftliche Unsicherheit will Ferguson zu Recht nicht auf Wirtschaftskrisen verkürzen. Doch um die Konfliktlinien des industriellen Kapitalismus, um Klassengesellschaft und Imperialismus geht es ihm bei dieser Erweiterung nicht. Die in der Durchführung nur wenig behandelte soziale und politische Polarisierung der Zwischenkriegszeit wird vielmehr auf die hohen Schwankungen in den Inflations- und Wachstumsraten der führenden Wirtschaftsnationen zurückgeführt. Ganz abwegig ist das zwar nicht, doch sagt es auch nichts über Ursachen und trägt kaum dazu bei, die Bedingungen zu klären, unter denen wirtschaftliche Unsicherheit zu politischer Gewalt führte.

Stattdessen kommt Ferguson nach einer unscharfen Beschreibung seines dritten Kriegsfaktors - Ablösung multiethnischer Reiche durch neue, extrem vereinheitlichte Imperien - zu dem Schluss, Krieg sei eben "naturgemäß, biologisch wohl begründet, politisch kaum vermeidbar".

Bleibt trotzdem Hoffnung? Immerhin, zwei Ereignisse des Jahrs 1979 "lassen vermuten, dass die Ära der Weltunordnung ihrem Ende entgegengeht". Erstens war da Deng Xiaopings beginnende Öffnung Chinas, zweitens die Revolution im Iran - beides Symbole für einen Niedergang des Westens. Denn nicht der Westen habe, so Ferguson, die Kriege des 20. Jahrhunderts gewonnen. Die Zukunft gehöre vielmehr dem Osten - was immer das konkret heißen und welche neue Ordnung daraus hervorgehen soll.

Niall Ferguson: Krieg der Welt. Was ging schief im 20. Jahrhundert? Propyläen-Verlag, Berlin 2006, 992 Seiten, 29,60 Euro.

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