Kurz und gut

Ernst Piper schildert die NS-Zeit auf 350 Seiten

Von ERHARD SCHÜTZ

Das Buch ist kompakt, klar strukturiert, auf dem Stand der Forschung und zugleich sehr gut lesbar. Ernst Pipers "Kurze Geschichte des Nationalsozialismus" hat eine detaillierte Zeittafel, kommt aber ohne Fotos aus. Das ist eine gute Entscheidung. Bilder aus der NS-Zeit kennen wir viele - meist sind sie von den Nazis selbst.

Nicht nur der konsequente Verzicht auf Illustrationen unterscheidet Pipers Buch von vielen Überblicksdarstellungen zur Nazizeit: Es beginnt mit den Anfängen seit 1919, vor allem aber hat es ein sehr wichtiges Kapitel über die Schuldfrage von 1945 bis heute. Darin werden die politischen und medienpopulären, punktuell auch die wissenschaftlichen Auseinandersetzungen mit der Schuld am Völkermord abgehandelt. Von Karl Jaspers bis zur Diskussion um Peter Eisenmans Stelenfeld spannt sich der Bogen.

So ist auch die Perspektive vorgezeichnet: Es geht zwar nicht um eine Teleologie, aber Dreh- und Angelpunkt ist, was der US-amerikanische Historiker und Holocaust-Forscher Raul Hilberg die "Vernichtung der europäischen Juden" genannt hat. Piper konzentriert sich bis dahin fast ganz auf die Strategien der Machteroberung und den damit verbundenen Terror.

Skrupellosigkeit, Täuschung, Drohung, Repression und Gewalt zeichnen hier die Spur des Aufstiegs von Hitler und seiner Partei, der NSDAP. Allerdings bleibt bei der Kürze des Textes zwangsläufig unterbelichtet, warum Opa, der angeblich kein Nazi war, möglicherweise zum Nazi geworden ist oder zumindest vom NS-Regime profitierte.

Es fehlt die Auseinandersetzung mit dem sozialen Leim, auf den die Damaligen gerne gingen, die Bindekraft von geregelter Arbeitswelt wie Freizeit, Sport, Reisen, Automobilität oder Fliegen. Kurz gesagt, es fehlt die Thematisierung der usurpierten Modernisierung.

Zwar kommen Volkswagen und Autobahn dann doch noch vor, aber erst nachgetragen in jener Zeit, in der Polen bereits überfallen worden war. Offenbar kann Ernst Piper auf solch engem Raum nicht beides gleichermaßen differenziert erzählen.

Pipers Buch hat nicht nur keine Bilder, es hat auch keine Fußnoten. Gleichwohl ist es von gediegener wissenschaftlicher Zuverlässigkeit. Es ist ein Buch für alle an der Geschichte des Nationalsozialismus Interessierten.

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