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Dubliner Polizei am Ort eines Verbrechens.
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Dubliner Polizei am Ort eines Verbrechens.

Tana French „Gefrorener Schrei“

Die Kunst der Verstellung

  • Sylvia Staude
    VonSylvia Staude
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Man möchte kein Wort verpassen. Tana French macht auch in ihrem neuen Krimi das Reden zur spannenden Hauptsache. Nur woher er seinen furchtbaren deutschen Titel her hat, versteht kein Mensch.

Tana Frenchs Kriminalromane lassen sich, je nach Neigung, mit Boxkämpfen oder mit Schachpartien vergleichen. Schritt um Schritt, Hieb um Hieb, Zug um Zug treten Detectives gegen Zeugen und Verdächtige an. Treiben sie in die Ecke, zwingen sie zu Ausweichmanövern. Oft müssen die Polizisten die Befragten um- und einkreisen, eine neue Taktik versuchen, Überraschungsangriffe starten, auch mal einstecken können. Verhöre reichen bei Tana French oft über viele Seiten. Die Action ist also intellektueller Art und findet überwiegend am Tisch, mit einem Gegenüber, im Dialog statt. Details werden herausgefragt; ob sie unbedeutend oder wichtig sind, muss sich zeigen. Lügen und Ausflüchte werden gekontert oder hingenommen. Und immer wieder wird ein Aufzeichnungsgerät angeschaltet und geht der Kampf in die nächste Runde. Frenchs große Kunst: man möchte kein Wort verpassen.

Im neuen, am heutigen Donnerstag erscheinenden Tana-French-Krimi richtet sich die Ermittlungsenergie nicht nur nach außen, sondern auch – voll Argwohn – auf andere Detectives. Die seit langem in Irland lebende Amerikanerin hat sich wieder für eine andere Erzählperspektive, eine andere Hauptfigur entschieden, Schauplatz bleibt aber das Dubliner Morddezernat. French wechselt nur einmal mehr Ton, Blickwinkel, Sprecher.

In „Geheimer Ort“ (2014) führte der ausgeglichen-penible Stephen Moran die Ermittlungen an einem Mädcheninternat und hatte Antoinette Conway an der Seite. Nun, in „Gefrorener Schrei“ (OT „The Trespasser“, der Eindringling; wer denkt sich eigentlich diese furchtbaren deutschen Titel aus?), landet die Leserin im Kopf Conways, der einzigen Frau im Morddezernat, dazu nicht mit irisch-blasser Hautfarbe. Sie ist überzeugt, dass – einige? die meisten? – Kollegen sie rauszuekeln versuchen und begegnet ihnen mit Stolz und Forschheit: „In unserem Großraumbüro gehe ich schnell und mit knallenden Absätzen“. Sie kann ätzend und einschüchternd sein, sieht ihre Wirkung bisweilen in den Gesichtern ihrer Untergebenen. Sollen sie ruhig kuschen.

Kein allwissender Erzähler, kein auch nur annähernd neutraler Beobachter schwebt bei Tana French über den Geschichten. Diesmal nun sieht man durch Antoinette Conways Augen, vollzieht ihre Freude nach (selten) und ihren Ärger (oft). Es ist schwer zu sagen, ob sie tatsächlich gemobbt wird und von welchen ihrer Kollegen. Sieht sie Feinde, wo keine sind? Was sind einfach schlechte Männerwitze? Einmal misstraut sie plötzlich sogar Steve Moran, der ihr am nächsten steht und dessen Optimismus und Ausdauer sie sonst zu schätzen weiß. Die „fidele kleine Nervbacke“ schaut zu ihr rüber „und sieht plötzlich so bissig aus, dass ich erschrecke“.

Und dann nagt es auch noch an ihr, dass sie das Mordopfer schon einmal gesehen hat, vor Jahren, sich aber nicht mehr erinnern kann, wo das war und was damals passierte. Als sie sich schließlich erinnert, wird es für sie nicht schmeichelhaft sein.

„Der Fall kommt an einem frostigen frühen Morgen im Januar rein oder jedenfalls rein zu uns“: So lautet der erste Satz nach dem Prolog. Conway und Moran – fast ist ihre Nachtschicht beendet, fast sind die Berichte über eine Schlägerei fertiggetippt – werden vom Superintendent persönlich zu etwas geschickt, was „wie eine glasklare Beziehungstat“ aussieht. Einer jungen Frau wurde der Kopf eingeschlagen. Es war alles für ein romantisches Kerzenlicht-Dinner vorbereitet, das Essen steht noch im Ofen. Der Erwartete, ein unscheinbarer Buchhändler, muss wohl ausgerastet sein. Mit dem, glaubt Conway, werden sie leichtes Spiel haben.

Nun, haben sie nicht. Und warum hat die beste Freundin der Toten ihr vorher eine Nachricht aufs Handy geschickt, „sei vorsichtig“? Und warum deutet diese Freundin gegenüber Conway und Moran an, dass es noch einen anderen Mann im Leben der Ermordeten gab? Und warum eigentlich soll Detective Breslin ihnen helfen – tatsächlich bloß, weil er „gut mit Zeugen kann“, wie es der Boss begründet? Antoinette Conway hat das Misstrauen stets auf der Schulter sitzen. Sie beginnt, mit Moran ein wenig zu intrigieren, den anderen Ermittlern Informationen vorzuenthalten.

Fleißarbeit gehört hier allemal zur Ermittlung. Aber Taktik ist doch das Wichtigste. Und Verstellung. Good Cop, Bad Cop sind nur zwei Rollen in einem großen Arsenal. Tana French hat am Dubliner Trinity College Schauspiel studiert, war Mitglied in einer Theatertruppe. Vielleicht nur logisch, dass ihre Figuren Darsteller sind. Einmal möchte die taffe Conway um Hilfe bitten, eigentlich. Aber wen? „Für jeden Einzelnen von ihnen wäre ich danach ein anderer Mensch.“

In den bisher sechs Romanen Frenchs steht nicht die Psyche der Täter im Mittelpunkt, sondern die der Ermittler. Sie sind, das bringt ihr Job mit sich, Taktierer und Täuscher – günstigenfalls im Dienst der Wahrheit. Aber es ist klar, dass dies weder im wahren Leben noch in Tana Frenchs feingehäkelten Kriminalgeschichten durchweg so ist.

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