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Die Kunst des Überlebens

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Signierstunde in Kelkheim im Taunus im vergangenen Jahr.
Signierstunde in Kelkheim im Taunus im vergangenen Jahr. © Michael Schick

Am 05.09. erscheint Martin Walsers viertes Tagebuch, das die Jahre 1979 bis 1981 behandelt. Bislang ist es das reichste von allen und gewährt tiefe Einblicke.

Von Martin Oehlen

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In diesem Tagebuch ist alles drin. Na gut, fast alles, was Martin Walser umgetrieben hat und weiter umtreibt. Es sind die Jahre 1979 bis 1981, die im vierten Band seiner Tagebuchreihe „Schreiben und Leben“ verhandelt werden. Einmal zitiert der Schriftsteller Tochter Theresia in der alemannischen Mundart: „Also, woisch, jetzt schreibsch scho wieder alles auf. Du bisch’s reinschte Notizbüchle.“

Von allen vier Tagebüchern ist dieses das spannendste, reichste, intimste. Es ist ein Überlebenskampf, wohin man schaut – in der Welt, im Beruf, in der Familie und in Körper und Seele. Man mag es ja kaum glauben, aber dieser so wortmächtige, geistesblitzende, anerkannte und erfolgreiche Autor ist nicht gerade arm an Bedrängnissen der vielfältigsten Art.

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Walser ist ein Autor, der keine Schaffenspausen einlegt. Aber mit den Werken „Ein fliehendes Pferd“, „Seelenarbeit“, „Schwanenhaus“, „Dorle und Wolf“, „In Goethes Hand“ und „Brief an Lord Liszt“ ist in jenen Jahren eine künstlerische Hochzeit erreicht. Der Büchnerpreis, den er 1981 erhält, scheint dies bestätigen zu wollen. Doch selbst der Erfolg löst nicht den Druck: „Schön wäre es, das gestehe ich ein, ein Verkauf wie im vergangenen Jahr. Ich möchte das dann nicht ein drittes Mal. Ich möchte es nur deshalb zweimal, dass dann das eine mal nicht als Ausnahme erschiene.“ Der Blick richtet sich regelmäßig auf Auflage und Absatz. Einmal: „Vielleicht habe ich nur Angst, kein Geld mehr zu verdienen.“

Die Sehnsucht nach Bestätigung und das Bestehen in der Konkurrenzgesellschaft sind Themen im Werk und im Leben. Das findet sogar seinen Ausdruck im privaten Fitnessprogramm: Wie oft er einen Skihang hinabfährt und wie lange er im Bodensee schwimmt, wird minuziös festgehalten. Aber vor allem sind es die öffentlichen Auseinandersetzungen, die ihm zusetzen. Kritik an seinen Büchern, Kritik an seinen Positionen. Fluchtgedanken immer wieder. Abtauchen. Wegducken.

Die beiden großen historischen Themen, die mit Walser in Verbindung gebracht werden, sind hier schon voll entfaltet. Einmal bringt er sie – die Debatten der Zukunft nicht ahnend – in einem Satz zusammen: „Wenn ich jetzt an Deutschland denke, denke ich immer unwillkürlich und ohne dass ich dagegen irgendetwas tun kann, an Auschwitz und an die deutsche Teilung. Ich war nie der Meinung, dass Auschwitz von einzelnen Tätern verantwortet werden könnte. Das kann nur national getragen werden.“

Aus jener Zeit auch stammt Walsers Rede „Auschwitz und kein Ende“, gehalten zur Eröffnung einer Ausstellung mit Zeichnungen von KZ-Häftlingen. So fängt sie an: „Seit Auschwitz ist noch kein Tag vergangen.“ So geht sie nach ein paar Sätzen weiter: „Ein einziges Bild aus einem KZ, und wir haben nichts mehr zu sagen.“ Später dann: „Auschwitz ist nicht zu bewältigen. Entstehe daraus, was wolle. Wir können das nicht dem oder jenem zuschieben.“

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Und die deutsche Frage? Die verdüstert die Party zum 50. Geburtstag von Jürgen Habermas. Da wirft der Philosoph seinem langjährigen Freund vor, „dass ich einen schlechten und ungeheuer nationalistischen Aufsatz geschrieben hätte.“ Gemeint war der Text „Händedruck mit Gespenstern“. Walser im Juni 1979, zehn Jahre vor dem Mauerfall: „Seit ich die deutsche Teilung öffentlich unerträglich nenne, nennt mich jeder Linke nationalistisch.“ Walsers nach eigener Einschätzung „schwache“ Reaktion auf Habermas: „Das könnten wir beide noch nicht entscheiden, das komme auf die Leute an, ob ich gut oder schlecht genannt werden müsse.“

Die Geschichte jedenfalls hat sich auf Walsers Seite geschlagen. Das Große und das Kleine finden in so einem Tagebuch zwangsläufig zusammen wie Mücke und Elefant in der Serengeti. Gäbe es eine Vergnügungssteuer, würde man sie für Walsers Gesellschafts-Skizzen gerne entrichten. Die Hohlheiten, Eitelkeiten und Ausfälle, die er beobachtet, lesen sich heute kurios, waren es aber gewiss nicht, als sie notiert wurden. Da ist Habermas weingereizt, fährt Marcel Reich-Ranicki „unglaublich schlecht“ Auto und wirft Uwe Johnson im Lokal Walsers Armbanduhr gleich zweimal durch die offene Tür auf die Straße.

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Freundschaften, das wird hier mehrfach deutlich, sind komplizierte Beziehungen. Anders als zu Beginn der Tagebücher nennt Walser jetzt Ross und Reiter. Ein Quell vieler Notate ist Siegfried Unseld, sein Vertrauter und Frankfurter Verleger. Einmal dies über das Vater-Sohn-Verhältnis bei den Unselds: „Ich finde es toll, wie Siegfried für Joachim die Doktorarbeit organisiert.“ Und über die Ehe zwischen Siegfried und Hilde, die sich allmählich auflöst: „Siegfried in Salzburg bei Karajan, Hilde allein in Frankfurt. Er sieht dort „Parsifal“. Wahrscheinlich mit einer jungen Malerin. Das ist das alte Modell.“

Die eigene Familie verleitet zu vielen Eintragungen. Ehefrau Käthe ist das Zentrum. Sie ist immer bei einem der Kinder, da eines immer etwas habe: „Darüber wird dann das Leben vergangen sein. Gefreut, gemeinsam leicht gelebt hat man dann nie. Immer war etwas.“ Wenn man schon selbst alle möglichen Schläge empfangen hat, heißt es, „dann sind die Kinder so weit, dass sie geschlagen werden können; und die Schläge, die sie kriegen, sind schlimmer als die, die man selber je kriegte“. Allerdings muss sich der Autor auch gegenüber den vier Töchtern erklären, die alle zu den Künsten streben.

Johanna meint, er habe seine Töchter im Werk „bösartig“ dargestellt: „Ich: Ja, Motive, aber doch nicht mehr. Die Figuren sind doch Fiktion. Belletristik. Ich rede aufgeregt.“ Ein anderes Mal wird er von Alissa gefragt, ob er Freundinnen habe. „Um sie nicht völlig in einer unerträglich falschen, zu günstigen Meinung zu halten, habe ich angedeutet, dass das Sichverlieben wie eine Infektion sei, die nach 14 Tagen von selber nachlasse. Jetzt will sie Namen.“ Ehefrau Käthe sagt: „Das sei ihr egal!“

Viele Themenstränge durchziehen das Buch wie pulsierende Adern. So ist dies auch ein Werkstattbuch. Darunter Entwürfe und Einfälle zu Büchern, die bis heute nicht erschienen sind: „Mädchenleben“ und der Zukunftsroman „2431927“.

Gedichte gibt es gleichsam als Zugabe. Und immer wieder die kurzen Notate, die später in den „Meßmer“-Bänden auftauchen: „Von allen Stimmen, die aus mir sprechen, ist meine die schwächste.“

Zu einem Tagebuch, in dem alles, also fast alles drin ist, gehört die Frage, die Käthe Walser stellt: „Was soll das alles?“ Dass diese Frage nicht zu beantworten sei, so lesen wir, das wage er allmählich zu sagen. „Es wäre ja keine Kunst, zu leben und zu sterben, wenn die Welt einen manifesten, so oder so geoffenbarten Sinn hätte.“ Also bleibt es dabei: Das Leben ist eine Kunst. Das Überleben erst recht.

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