PARS PRO TOTO

Kunst der Tradition

Wie wird der Mensch zum Staatsbürger, zum Citoyen? Durch die Kultur, "die er selbst erklärt, und nicht die, die ihm die Herkunfts- oder Aufnahmegruppe

Von RUDOLF WALTHER

Wie wird der Mensch zum Staatsbürger, zum Citoyen? Durch die Kultur, "die er selbst erklärt, und nicht die, die ihm die Herkunfts- oder Aufnahmegruppe zuschreibt, und sei es auch mit den besten Absichten". Ethnische, religiöse und kulturelle Prägungen sowie die Lebensgeschichte können diese demokratische Einsicht befördern oder behindern.

Im Falle des 1936 in Alexandria geborenen Jacques Hassoun ergaben viele Faktoren eine so günstige Konstellation, dass er zur zitierten Einsicht kam. Sein Vater war streng religiöser Jude, der arabisch sprach, seine Mutter redete mit den Kindern französisch. Erzogen wurde Hassoun auf einem laizistischen Gymnasium, in dem auf Französisch unterrichtet wurde. Schon als Kind lernte er durch die religiöse Unterrichtung hebräisch.

Noch bevor 1956 die Flucht der ägyptischen Juden vor Nassers nationalistischer Revolution nach Israel begann, emigrierte Hassoun 1954 nach Paris. Ihm hatte Ärger gedroht wegen seiner politischen Aktivitäten. In Frankreich studierte er Medizin und schloss sich der Kommunistischen Partei an. Nach dem Einmarsch der Truppen des Warschauer Pakts 1968 in die Tschechoslowakei verließ er die Partei und näherte sich einer trotzkistischen Gruppe.

Von 1969 bis 1977 unterrichtete Hassoun an der Universität von Vincennes Psychologie und gründete nach dem Tod von Jacques Lacan (1981) den Pariser "Cercle Freudien". Mit 63 Jahren starb er am 24. April 1999 und hinterließ ein umfangreiches psychoanalytisches Werk, aus dem jetzt zehn Essays in deutscher Übersetzung vorliegen. Sie sind zentriert um Probleme der Sprache, der Erinnerung und der Überlieferung.

Hassoun versteht Überlieferung nicht als sterile Traditionswahrung, sondern als "Kreation eines Kunstwerks, wo man an kleinen Unebenheiten und leichten Verschiebungen erkennt, was jede Generation neu ins Werk eingebracht hat". In diesem Sinne geht es ihm nicht nur um das Bewahren des Alten, sondern auch darum, "seine Melodien aufklingen zu lassen".

Subversive Bayern

Wenn Tradition mit Bayern und obendrein mit Heimat in Verbindung gebracht wird, muss man mit dem Seichtesten rechnen. Der in Oberbayern lebende Publizist Egon Günther straft mit seinem Buch, das er im Untertitel Heimatbuch nennt, einen solchen Verdacht grandios Lügen. Bayern meint nicht nur Bier, Beckenbauer und Blasmusik, sondern auch die Heimat vieler Linker, Non-Konformisten, Revolutionärer, Avantgardisten, Subversiver, Bohemiens, Kommunisten, Antifaschisten und Anarchisten. Ihnen allen, darunter vielen Unbekannten wie Sepp Raab, dem Schlosser und Gründer der "Roten Sporteinheit", oder Gabriele Kaetzler, einer Kinderheim-Leiterin, widmet Günther prächtige Porträts, um sie dem unverdienten Vergessen zu entreißen.

Die Geschichte der subversiven Bayern beginnt nicht erst mit der Münchner Räterepublik, sondern hat Wurzeln, die ins 19.Jahrhundert zurückreichen. 1893/94 etwa begegneten die Waldarbeiter der Staatsgewalt mit hartnäckigem Widerstand gegen ihre Entrechtung. Und auch dies wird klar: das katholische Oberbayern widerstand der NS-Herrschaft häufiger und wirksamer als das protestantische Franken. Eine Mehrheit bildete das bunte Volk der nonkonformistischen Bayern freilich zu keinem Zeitpunkt.

Jacques Hassoun: Schmuggelpfadeder Erinnerung. Aus dem Französischen von Anna Katharina Ulrich. VerlagStroemfeld/Nexus, Frankfurt am Main 2005, 131 Seiten, 16 Euro.

Egon Günther: Bayerische Enziane. Ein Heimatbuch. Edition Nautilus, Hamburg 2005, 256 Seiten, 19,90 Euro.

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