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Männer, die ein Ziel haben, pinkeln reinlicher. Aus Soziologensicht ein klarer Fall von Nudging.
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Männer, die ein Ziel haben, pinkeln reinlicher. Aus Soziologensicht ein klarer Fall von Nudging.

Soziologie

Die Kunst der subtilen Herrschaft

  • Harry Nutt
    VonHarry Nutt
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Die Aufsatzsammlung "Gute Hirten führen sanft" von Ulrich Bröckling beleuchtet das weite Feld von Prävention, Kontrolle und Resilienz.

Die Schiphol-Fliege ist ein klarer Fall von Nudging. Der kleine, künstliche Zweiflügler erhielt seinen Namen, nachdem er erfolgreich in den Urinalen des Amsterdamer Flughafens Schiphol eingesetzt worden war, um die Zielgenauigkeit der Männer beim Wasserlassen zu erhöhen. Der hygienische Effekt war immens. Auf den Flughafentoiletten konnten die Reinigungskosten deutlich gesenkt werden, weil das bewegliche Plastiktier den männlichen Spieltrieb derart animierte, dass sie fortan gezielt in die Mitte des Beckens urinierten.

Die Schiphol-Fliege muss seither als Paradebeispiel eines gelungenen Nudgings herhalten, das die Sozialtechnologie des sanften Anstubsens beschreibt und gegenüber strengen Disziplinierungsmaßnahmen bevorzugt wird. Nicht strafen, sondern anleiten lautet die Devise liberaler Alltagsregime, die uns mehr oder weniger unbemerkt in unserem Alltagsverhalten lenken.

Der Freiburger Soziologe Ulrich Bröckling ist den Formen der subtilen Herrschaft, denen wir in Beruf und Alltag ausgesetzt sind, wie kaum ein zweiter auf der Spur, jetzt in der Aufsatzsammlung „Gute Hirten führen sanft“. In seinem 2013 erschienenen Buch „Das unternehmerische Selbst“ hat er bereits detailliert herausgearbeitet, wie die Maximen von Kreativität und Flexibilität zu den neuen Knuten eines sich frei wähnenden Individuums werden, das sich auf den zahlreichen Lebensstilmärkten zu bewähren hat. Die bürgerliche Freiheit ist überführt worden in einen permanenten Zwang, seine Haut zu Markte zu tragen.

Bröckling folgt in seinen soziologischen Überlegungen dem vom französischen Philosophen Michel Foucault geprägten Begriff der Gouvernementalität, der ein ganzes Bündel moderner Führungsformen beschreibt. Anstelle brachialer Herrschaft regieren heute die subtilen Zwänge, denen sich jeder mehr oder weniger freiwillig unterwirft.

Einer der Schlüsselbegriffe, über die die sich permanent verändernde Sozialtechnologie verläuft, heißt Resilienz. Er stammt aus der Werkstoffphysik und bezeichnet dort die Eigenschaft elastischer Materialien, nach Verformung wieder in ihre Ausgangsposition zurückzukehren. Auf die sozialen Beziehungen übertragen, kennzeichnet Resilienz die erhöhte Anforderung nach Anpassung, Widerstandsfähigkeit und Flexibilität. Die frühe Entdeckung, dass etwa aus Kindern mit schlechten Sozialprognosen erfolgreiche Menschen werden können, hat eine Resilienzforschung auf den Plan gerufen, die danach fragt, inwieweit die Kunst des Aushaltens erlernt und optimiert werden kann. Das aber setzt voraus, dass Katastrophen und Krisen nicht unbedingt nur zu vermeiden sind, sondern als Spielfeld zur Erprobung der Resilienz genutzt werden können. Wer widerstandsfähig werden will, muss sich auch in erhöhtem Maße Gefahren aussetzen, um sich gegen sie zu wappnen.

Bröckling zeichnet das mit wissenschaftlicher Souveränität und feinem Sinn für Alltagsbeobachtungen nach. Kindergärten und -tagesstätten sind längst nicht mehr Orte zur Entwicklung sozialer Verhaltensweisen, sondern Probebühnen für künftige Konkurrenzfähigkeit. Resilienz und Prävention sind zu heimlichen Währungen für die alltäglichen Selbstbehauptungskämpfe geworden. Dabei gibt es kein glücklich zu erreichendes Ziel. Resilient ist, wer im Spiel bleibt – und das Spiel endet nicht. Wer Bröcklings Aufsätze gelesen hat, wird die heute allzu leicht über die Lippen gehenden Plastikbegriffe künftig jedenfalls mit einem gewissen Zögern verwenden. Auch hinter jeder sofort einleuchtenden Form der Prävention lauert ein nicht ganz so unschuldiger Kontrollaspekt.

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