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Die Kunst des Dialogs

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Von: Claus-Jürgen Göpfert

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Simone Bühler im Innenhof des Frankfurter Haus des Buches.
Simone Bühler im Innenhof des Frankfurter Haus des Buches. © Andreas Arnold

Simone Bühler betreut die Auftritte der Gastländer der Frankfurter Buchmesse. Natürlich muss die Betreuerin sich jedes Jahr geradezu hineinstürzen in die Bücherflut, die das Buchmessen-Gastland auslöst.

Es beginnt die Jahreszeit, in der alle die letzten warmen Sonnenstrahlen begierig in sich aufsaugen. Der kleine Innenhof des Haus des Buches mitten in der Frankfurter Altstadt ist ein Ort, der dazu einlädt. Bänke und Stühle, ein Baum, der gleichsam ins Gebäude integriert wurde. Hier ist es ruhig, mitten in der hektischsten Phase für das Team vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels, denn die alljährliche Frankfurter Buchmesse steht vor der Tür. Und eigentlich hat Simone Bühler, die den schönen Titel „Leiterin des Bereichs Ehrengast“ trägt, überhaupt keine Zeit. Und doch sagt die 54-Jährige ohne Umschweife zu, als ich sie um ein Gespräch bitte.

Zupackend und beharrlich: So betreut die gebürtige Schwarzwälderin nun seit dreizehn Jahren die Auftritte der Buchmessen-Gastländer, vom riesigen und politisch brisanten China bis zum winzigen Island, dessen poetische, wunderbar versponnene Präsentation 2011 unvergessen bleibt. „Ich muss mich permanent auf Neues einlassen, jedes Jahr fängt ein neues Kapitel an“, doch die Tochter des Kulturreferenten der Stadt Überlingen am Bodensee schreckt das nicht.

Im Odenwald wuchs sie auf und ging zur Schule – aber es zog die Jugendliche früh hinaus in die Fremde. Schüleraustausch in Besançon, der französischen Partnerkommune von Michelstadt: „Das war so ein Zündfunke, der übergesprungen ist“, es folgt ein strahlendes Lächeln der Erinnerung. Zu dieser Zeit schon offenbart sich ihr Talent, sich Sprachen anzueignen – und die Faszination für den romanischen Raum ist ihr geblieben.

Während des Studiums verschafft ihr ein Stipendium des Goethe-Instituts einen einjährigen Aufenthalt in der portugiesischen Hauptstadt Lissabon. Damals, Mitte der 80er Jahre, entsteht die lebenslange Liebe zur portugiesischen Literatur. Zu Autoren wie José Saramago, dessen Romane sie bis heute so gerne liest.

Damals in Portugal stößt sie überall noch auf die Nachwirkungen der „Nelkenrevolution“ portugiesischer Offiziere vom 25. April 1974, die eine jahrzehntelange autoritäre Diktatur gesprengt hatte. Auf dem Land entstehen selbstverwaltete Kooperativen, die portugiesische Musik und die Bühnen erleben eine Blütezeit. „Es war ein sehr agitatorisches Theater.“ Doch Mitte der 80er Jahre, als Bühler in Portugal lebt, ist dieser gesellschaftliche Aufbruch schon wieder langsam verebbt. Zugleich wird das Land 1985 in die Europäische Union aufgenommen, für etliche ein positives Zeichen: „Die Stimmung schwankte zwischen Hoffnung und Tristesse.“

„Viele deutsche Linke fuhren damals nach Portugal“, erinnert sich die Buchmessen-Organisatorin. Auch sie reist immer wieder von Deutschland aus dorthin. Heute, mit dem Blick zurück, gibt sie zu: „Es wurde viel romantisiert.“ Träume von einem freien Leben jenseits gesellschaftlicher Zwänge. Auch Bühler hatte eine Vision: „Ich träumte davon, literarische Übersetzerin zu werden.“ Doch die Wirklichkeit war damals karger: Sie jobbt in einer kleinen Niederlassung einer brasilianischen Bank in Frankfurt.

Doch dann kommt plötzlich ihre Chance. Die Entscheidung fällt: Portugal wird 1996 Ehrengast der Frankfurter Buchmesse. Drei Jahre vorher beginnen intensive Vorbereitungen. Und die Deutsche, die so gut Portugiesisch spricht und die Kultur des Landes so gut kennt, wird in das Vorbereitungsteam aufgenommen. „Ich war die einzige Nicht-Muttersprachlerin – es hat riesigen Spaß gemacht.“

Wenige Jahre später übernimmt sie bei der Buchmesse die Verantwortung für die Ehrengäste. Und lernt rasch, wie politisch brisant diese Aufgabe ist. 2009 wird die Volksrepublik China das Gastland – und der Auftritt droht völlig aus dem Ruder zu laufen. Die chinesische Regierung will Regimekritiker von der Messe fernhalten und überhaupt das Bild des Landes auch in Frankfurt kontrollieren. „Es war politisch sehr schwierig – wir mussten enorm kämpfen.“

Kritiker warfen der Buchmesse damals vor, sie sei vor der Macht der chinesischen Regierung eingeknickt. Das lässt Bühler nicht gelten. „Ich musste lange reden und beharrlich sein – aber es hat sich gelohnt.“ Es habe sehr wohl viele kritische Auftritte zu China auf der Messe gegeben.

Auch mit Katalonien als Ehrengast der Buchmesse 2007 gab es Ärger. Schon die Auftaktpressekonferenz verlief chaotisch. Die katalonische Regierung, die für die Unabhängigkeit von Spanien eintritt, lud alle Autorinnen und Autoren aus, die auf Spanisch schreiben. Sie galten als Verräter.

Wenn Simone Bühler über solche Situationen spricht, verliert sie das charmante Lächeln ganz und lässt eine Härte spüren, die nicht an der Oberfläche liegt. Auch wenn sie versichert: „Ich bin weniger konfrontativ – ich will schließlich die Menschen zusammenbringen.“ Sie hält es für falsch, politisch heikle Gastländer auszuladen – man müsse versuchen, den Dialog aufrechtzuerhalten. Eine Aufgabe, die immer schwieriger wird in immer härteren Zeiten. Denn die Menschenrechte stehen fast überall auf dem Spiel – von Saudi-Arabien bis China, von der Türkei bis Südafrika.

Bühler lässt sich nicht frustrieren. „Ich fühle mich positiv herausgefordert.“ Wenn es ihr tatsächlich gelungen ist, Menschen mit „unterschiedlichsten Meinungen“ an einen Tisch zu bringen, dann, so sagt sie, „dann bin ich glücklich“.

Sie hat ihre frühere wirtschaftliche Selbstständigkeit zugunsten der Festanstellung bei der Buchmesse aufgegeben. Und doch setzt sie für sich klare Grenzen, will sich nicht völlig vereinnahmen lassen. Als sie Mutter eines Sohnes wurde, nahm sie sich eine längere Auszeit vom aufreibenden Buchmessenalltag.

Aber längst ist die Romanistin von ihrer Arbeit auch emotional stark gefangen genommen. Wir sitzen im Café Margarethe, das für die Mitarbeiter der Buchmesse zu einem Wohnzimmer geworden ist. Beim Cappuccino sprechen wir über die wiederkehrenden Gefühle, die das Messejahr begleiten. Über mehrere Monate reicht das kulturelle Programm eines Buchmessen-Ehrengastes. Wenn die irre Anspannung der eigentlichen Buchmessen-Woche im Oktober überstanden ist, beginnt im November „eine Phase der Trauer“. Das Team, das meist über drei Jahre gemeinsam den Gastland-Auftritt vorbereitet hat, trifft sich zu einem letzten „Abschlussfrühstück“. Danach zerstreuen sich die Organisatoren oft in alle Winde. Es bleiben „einige Kontakte“.

Neue Generation von Autoren

Ob es einem Ehrengast gelingt, mit der Präsentation seiner Kultur „eine gewisse Magie“ zu entfalten, lässt sich nie voraussehen. Selbst die routinierten Buchmessen-Profis geraten heute noch ins Schwärmen, wenn sie an den Zauber zurückdenken, den das ganz kleine Island 2011 mit einem begrenzten, aber sehr engagierten Team auslöste. Bei gerade einmal 323 000 Einwohnern folgte man dem Leitsatz, das Land sei arm an Menschen, aber reich an Literatur. „Dafür gibt es kein Rezept“, sagt Bühler nachdenklich. Die Arbeitsweise jedes Landes, die Mentalitäten vor allem, differenzierten stark. Nicht selten geschehe es, dass sich die kulturellen Unterschiede etwa in einem ganz anderen Gefühl für Zeit niederschlagen würden. Bei Flandern und den Niederlanden, dem Kultur- und Sprachraum, der sich in diesem Jahr präsentiert, gebe es solche großen Differenzen nicht.

Natürlich muss die Betreuerin sich jedes Jahr geradezu hineinstürzen in die Bücherflut, die das Buchmessen-Gastland auslöst. Zuhause stapelt sich die Lektüre. Gerade liest sie begeistert die Novelle „Duell“ des niederländischen Schriftstellers Joost Zwagerman, eine Satire auf den Kunstbetrieb. Und auch der Flame Kris van Steenberge hat es ihr angetan, von dem eben der Roman „Verlangen“ erschienen ist, die Geschichte der Tochter eines Schmieds, die versucht, der Enge ihres Heimatdorfes zu entkommen. Über Bücher mit Simone Bühler zu sprechen, ist gefährlich: Man kann sich dabei vollkommen verlieren.

Es ist eine neue Generation von Autorinnen und Autoren, die sich in diesem Jahr in Frankfurt präsentiert. Margriet de Moor, die mittlerweile 74-jährige Autorin, die Anfang der 90er Jahre die literarische Bühne betreten hatte, ist für Bühler seit vielen Jahren gleichsam eine treue Begleiterin. Aber jetzt sind neue Namen angesagt: Der erst 35-jährige Ernest van der Kwast zum Beispiel, dessen Werk „Die Eismacher“ auch zu den neu übersetzten Neuerscheinungen dieser Buchmesse gehört – die Geschichte einer Speiseeis-Dynastie aus den Dolomiten.

So geht im Café Margarethe die Zeit ins Land. Zeit, die Simone Bühler jetzt, drei Wochen vor der Eröffnung der Frankfurter Buchmesse, eigentlich gar nicht hat. Rasch den Cappuccino austrinken und zur Arbeit zurück. Noch einmal zum Abschied ein Lächeln.

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