Romanfabrik

Tom Kummers „Von schlechten Eltern“: Nicht nachdenken, dem Sohn folgen

  • vonStefan Michalzik
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Tom Kummer liest in der Frankfurter Romanfabrik aus „Von schlechten Eltern“.

Unwillkürlich erinnern einen solche Szenen an Martin Scorseses Filmklassiker „Taxi Driver“ (1976). Ein Chauffeur fährt für einen VIP-Service durch die nächtliche Schweiz und beobachtet über den Rückspiegel seine Passagiere, Diplomaten und Businessleute. Da ist ein Sinnieren über deren Wesen, es entspinnen sich Gespräche. Die Nacht hat der Mann nicht zufällig gewählt für seinen Job, gilt sie doch als die Sphäre der Geister. „Mein Fahrgast bestimmt das Reiseziel. Im Kopf fahre ich, wohin ich will.“ Mit seinem zweiten Roman, „Von schlechten Eltern“, knüpft Tom Kummer gleichsam sequelartig an sein literarisches Debüt „Nina & Tom“ (2017) an, in dem er vom Sterben seiner Frau, seiner großen Liebe erzählt hatte. Die Trauer lässt seinen Protagonisten Tom wie ihn selber nicht los; es soll eine Trilogie entstehen.

Vor zwanzig Jahren hatte der einstige „Borderline-Journalist“ (so seine eigenen Worte) mit vorgetäuschten Interviews mit US-Stars einen der größten Medienskandale in der Geschichte der Bundesrepublik ausgelöst. Heute erfreut sich der Schweizer Schriftsteller eines gewissen literarischen Interesses, mit dem neuen Buch ist er im letzten Jahr beim Ingeborg-Bachmann-Preis in Erscheinung getreten – auf die Veröffentlichung des Debüts hin allerdings wurden Plagiatsvorwürfe laut, der Gebrauch von Sätzen aus Romanen von Frédéric Beigbeder und Richard Ford war nachgewiesen worden.

Im Buch gehe es, so der Endfünfziger im Gespräch mit Michael Hohmann, Leiter der Frankfurter Romanfabrik (vor Ort zu erleben, aber auch als Stream), nicht um den spannenden Plot, vielmehr handle es sich um eine Meditation. Gleichwohl solle das einen Sog entwickeln, was anhand der vorgetragenen Szenen – sehr szenisch ist die Erzählweise – zu bescheinigen ist. Im Übrigen fällt das Schlagwort von der „Autofiktion“, was ausführlicher interessiert hätte.

Trauer – als nicht religiösem Menschen gehe es ihm, erklärt Tom Kummer, zwar nicht um Rituale. Von Interesse scheinen sie ihm aber insofern zu sein, als er darauf verweist, dass traditionelle Todesrituale in aller Welt mit einer Intensität und einer Dauer über Wochen, gar Monate hinweg verbunden seien. Dabei könne man in der heutigen Welt an sich nicht mehr trauern, weil man dann nicht produktiv sei.

Von „Extremtraurigkeit“ ist in dem Buch die Rede. Zugleich gibt es Hoffnung, die sich, so Tom Kummer, in den Kindern auslebe. Beinahe schon verkehre sich das Verhältnis, dem jüngeren, zwölfjährigen Sohn komme eine größere Verantwortung für den Vater zu als umgekehrt. Da ist eine gemeinsame Radtour entlang der Aare in Bern, wo die beiden in einem Platten-Hochhaus leben. Es ist der Sohn, der den Vater dazu aufgefordert hat, immer wieder treibt er ihn zu einer höheren Geschwindigkeit an. „Einfach meinem Sohn folgen, nicht nachdenken.“

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