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Kulturtrottel mit Lust am Experiment

Was die Provinz alles umtrieb, bevor sie 1930 zum Aufstand gegen die Stadt rief: Maike G. Werners Studie über das Fin de Siècle in Jena

Von Ulrike Baureithel

Im Januarheft 1930 veröffentlichte der Herausgeber der Zeitschrift Deutsches Volkstum, Wilhelm Stapel, einen berühmt gewordenen Aufsatz, der "den Aufstand der Landschaft" gegen den kulturellen Verfall in der Metropole Berlin proklamierte und damit der alten Dichotomie zwischen Stadt und Land, Gesellschaft und Gemeinschaft, neue (zunächst nur publizistische) Munition lieferte. Mit der Aufwertung der Provinz, des Dorfes und der bäuerlichen Lebensart verband sich der Angriff auf die (jüdisch-)großstädtische Asphaltliteratur und die "Anmaßung" und "Frechheit" der "Berliner Geistigkeit" vom Schlage Tucholskys und vieler anderer. Dass das "platte Land" indessen anderes als Ressentiment, antidemokratische Gesinnung und eben "Kulturtrottel" (Tucholsky) auszubrüten imstande war, war unter den Berliner Linksintellektuellen - von Ausnahmen wie Oskar Maria Graf oder Marieluise Fleißer einmal abgesehen - fast unvorstellbar.

Dabei hatte sich die "Provinz" keine zwanzig Jahre zuvor, das behauptet jedenfalls die in den USA lehrende Literaturwissenschaftlerin Meike G. Werner in einer eben erschienenen Studie, nicht als Widerspruch, sondern im Gegenteil als "Experimentierfeld der Moderne" profiliert. Am Beispiel des Fin de Siècle Jena zeigt sie, wie aus einer verträumten, auf dem frühromantischen Erbe ruhenden Universitätsstadt, die sich nach der Reichsgründung in einen prosperierenden Industrieplatz verwandelte, unter dem Einfluss des Verlegers Eugen Diederichs der "Mittelpunkt der Welt" erheben konnte. Unter dem Motto "durch Kunst zum Leben" forderte der umtriebige Autodidakt, der 1904 mit Frau, drei Kindern und einem aufblühenden Verlag von Leipzig nach Jena übersiedelt war, den dort in strikter Arbeitsteilung zum "künstlerischen" Weimar herrschenden Rationalismus und Empirismus heraus. Diederichs öffnete nicht nur seinen Verlag, sondern auch sein Haus all jenen, die sich im Widerspruch verstanden zur festgefahrenen Schul-, Religions- oder Wissenschaftspolitik des Wilhelminismus und bereit waren, im weitesten Sinne "lebensreformerisch" zu agieren.

Weit entfernt von ideologischen Festlegungen ging es Diederichs dabei um nichts weniger als eine national-kulturelle Erneuerungsbewegung. Zunächst bemühte er sich - etwa mit der denkwürdigen Schiller-Gedächtnis-Ausstellung 1905 - um die Etablierung einer neuen Heimatkunst, später initiierte und unterstützte er die Werkbund-Bewegung und vor dem Ersten Weltkrieg, nach dem Scheitern seiner Ehe mit der Schriftstellerin Helene Voigt-Diederichs, fand er als Spiritus Rector des Sera-Kreises, in dem sich Teile der Jenenser Freideutschen Studentenschaft zusammenfand, ein neues Aufgabenfeld. Vorangetrieben von seiner Nietzsche-Rezeption und vitalistischen Impulsen verfolgte Diederichs sowohl als Verleger als auch als "Lebenskünstler" ein sinn- und gemeinschaftsstiftendes Programm, in dem sich, wie die Autorin zeigt, noch ohne größeren Reibungsverlust völkisch-kulturimperiale und avantgardistisch-sozialreformerische Attribute verschmelzen konnten.

Einen von Eugen Diederichs Schaffen in Jena zwar nicht unabhängigen, doch eigenständigen Anteil an der "kulturellen Reichsgründung" hatte Helene Voigt-Diederichs, der Werner den Mittelteil ihrer Studie widmet. Sie figurierte zunächst als Mittelpunkt der von ihrem Gatten inszenierten Geselligkeitskultur, gleichzeitig jedoch verfolgte sie ihre eigenen "männlich-egoistischen" Ziele (Eugen Diederichs) als Schriftstellerin, die sie nach der Übersiedlung nach Thüringen in immer größere mentale Distanz zu ihrem Mann brachte. Dabei steht das durchaus emanzipiert gelebte Leben der aus dem holsteinischen Provinz stammenden Autorin in Widerspruch zur "imaginierten Weiblichkeit" ihrer "bestenfalls zweitrangigen Literatur" (Werner) - der nach 1933 übrigens die zweifelhafte Ehre zuteil wurde, in den nationalsozialistischen Kern-Kanon aufgenommen zu werden. Das sei, so urteilt die Literaturwisssenschaftlerin, für die schreibenden Frauen dieser Generation nicht untypisch - ohne allerdings zu erklären, weshalb Autorinnen wie etwa Helene Böhlau oder Lou Andreas-Salomé einen anderen Weg einzuschlagen vermochten.

Überzeugend dagegen kann Werner das von Diederichs aufgespannte "Narrativ Jena" - das sich aus süddeutschem Wesen, freireligiösen Quellen und national-kultureller Tradition speisende Deutungsmuster - ausmalen und dessen langsame nationale Einfärbung nachzeichnen. Im offenen Experimentierraum Jena scheinen zwar bereits jene späteren Entwicklungen auf, die die Provinz in heftige Gegnerschaft zur Moderne bringen wird; doch um die Jahrhundertwende kultiviert er noch jenes mit Victor Turner "Liminalität" genannte Feld, in der sich "Anti-Struktur", Ausgangspunkt für jede neue Struktur, ausbilden kann.

Die Feste des Sera-Kreises mögen uneingeweihten Zeitgenossen lächerlich erschienen sein; doch dass sich dort so unterschiedliche Menschen wie Hermann Nohl, Wilhelm Flitner, Rudolf Carnap oder Franz Roh in ihrem Wunsch nach Selbsterziehung und Gemeinschaft trafen, spricht für Meike Werners außerordentlich kenntnisreiche, materialreich belegte und sensibel vorgeführte "Rehabilitation" der Provinz, der man gerne gelegentliche Wiederholungen und das mitunter verwirrend wirkende Name-Dropping verzeiht.

Meike G. Werner: Moderne in der Provinz. Kulturelle Experimente im Fin des Siècle Jena. Wallstein Verlag, Göttingen 2003, 367 Seiten, 24 €.

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