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Ein Kulturschock

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Von: Cornelia Geissler

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"Alle, die du liebst": Georg M. Oswald schickt einen erfolgreichen Deutschen auf eine heiße Insel.

Als Hartmut Wilke und seine Freundin diese Reise planten, gingen sie unabhängig voneinander zum Tropenmediziner. Der hielt den nicht mehr jungen Anwalt für einen Sextouristen. Doch Wilke wollte seinen ältesten Sohn Erik besuchen, der auf der (erfundenen) Insel Kiani vor Kenia eine Bar betreibt. Von Ines, die ungefähr in Eriks Alter ist, nahm der Arzt an, sie sei Entwicklungshelferin.

Das erzählt Georg M. Oswald am Anfang seines Romans „Alle, die du liebst“. Er zeigt, um welche Sorte Mann es sich bei Wilke, dem Ich-Erzähler handelt: Ein erfolgreicher Jurist, der mit Steuertricks die Grenze zum Illegalen überschritten hat. Ein Mann, dessen Ehe in einem Scheidungskrieg endete. Ein Liebhaber, der verdrängt, dass seine Freundin ihn vor allem wegen seines Status’ schätzt.

Doch gibt der Autor seinem Helden eine Chance, schickt ihn guten Willens zum Sohn, der sich Unterstützung wünscht. Bald stoßen die Reisenden auf Rätsel: Absprachen sind ungültig, Menschen wirken abweisend, an Erik klebt ein Polizeigeneral wie ein Schatten. Es ist ein Kulturschock. Der Papa muss sich anhören: „Die Dinge laufen hier ein bisschen anders als bei euch zu Hause in eurem Rechtsstaat.“

Vor dem Hintergrund der wackeligen Vater-Sohn-Beziehung rührt Georg M. Oswald eine abenteuerliche Mischung aus Korruption, militärischer und womöglich islamistischer Gewalt zusammen. So wenig er bei der Ausstattung Wilkes mit Merkmalen der dekadenten Wohlstandsgesellschaft sparte, geizt er mit Klischees für die Dritte-Welt-Insel. Er jagt seine Helden mit Verdächtigungen, Durst und Todesangst durch unsicheres Terrain.

Die Grundidee, wie ein Mann, der vieles erreicht hat, an einen Punkt kommt, da er alles verlieren kann, bildet ein solides Gerüst für das Buch. Oswald, selbst nicht nur Schriftsteller, sondern auch Anwalt, kann sich gut in Menschen hineindenken. Die subjektive Perspektive Wilkes bereitet ihm nur erzählerische Probleme, wenn er erklärt, was für den Zusammenhang wichtig ist, aber nicht logischerweise gerade dessen Gedanken entspringen kann. Doch er erreicht mit dramaturgischem Geschick, dass der Leser der unsympathischen Figur bald mit Hingabe folgt.

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