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Kult um Hitler

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Eine Szene aus dem Film "Er ist wieder da".
Eine Szene aus dem Film "Er ist wieder da". © Constantin Film

Hitler und kein Ende - der Diktator ist nicht nur ein Symbol des Bösen. Hitler ist auch ein Popstar, der sich gut verkauft. Und möglicherweise bald wieder Bestseller-Autor: Pünktlich zum Neujahrs-Feuerwerk, am 31. Dezember, erlischt das Urheberrecht für „Mein Kampf“.

Von Helmut Ortner

„Er ist wieder da“, heißt der Film, der enorm erfolgreich in den Kinos läuft. So hieß auch das Buch von Timur Vermes, der mit dem Hitler-Roman die Bestseller-Listen stürmte. Im Film lässt der Regisseur seinen Hauptdarsteller in Nazi-Uniform durch die Republik reisen – und alle sind guter Dinge. Der „Führer“ wird allerorten eifrig beklatscht, Selfies werden gemacht. Die Menschen suchen seine Nähe. Die Kostümierung wirkt von Sylt bis ins Bayernland. Hitler ist also wieder da. Aber war er eigentlich weg? Die Faszination jedenfalls, so scheint es, ist ungebrochen.

Hitler und kein Ende. Kaum eine historische Figur vermag die Deutschen mehr zu bewegen. Hitler ist ein Popstar, ein „Headliner“ der Medien- und Unterhaltungsindustrie. In seinem Erregungs- und Entrüstungspotenzial wird er von keiner anderen historischen Schreckgestalt übertroffen. Ein Magazin, das Hitler auf das Cover setzt, verkauft sich gut. Am Donnerstag sahen ihn die Leser von „Bild“ auf der Titelseite.

Als Dani Levys Film „Mein Führer – Die wirklich wahrste Wahrheit über Adolf Hitler“ 2007 in die Kinos kam, wurde im Feuilleton bisweilen die Frage diskutiert: „Darf man das – und vor allem so?“, „Über Hitler lachen?“ Nicht nur auf Mel Brooks’ „Frühling für Hitler“ wurde verwiesen. Mittlerweile ist „The Führer“ ein globaler Popstar. In der Kult-Trickserie „Die Simpsons“ hat Adolf Hitler mehrere Auftritte.

Keine Frage: Es gibt einen neuen Ton im Umgang mit Hitler und dem Nationalsozialismus. Nicht weil der Gegenstand seinen Schrecken verloren, sondern weil sich der Schrecken vom Gegenstand gelöst hat. Ob als Film, Buch oder Parodie-Vorlage: Es scheint, als wäre Hitler den Deutschen bald 70 Jahre nach Kriegsende näher denn je.

Guido Knopps bunte TV-Doku-Reportagen („Hitlers Helfer“, „Hitlers Frauen“? …) sind auch nach der neunten Wiederholung noch Quotenbringer, BBC-Serien über Hitlers Nazideutschland finden auf „Phoenix“ in Wiederholungs-Endlosschleifen ihre Zuschauer. Die „dokumentarischen“ TV-Filme leben von der Fiktionalisierung. Und die ist unaufhaltsam, schon allein deshalb, weil die letzten Augenzeugen aussterben.

Das tatsächlich Geschehene weicht einem historischen Mythos, der keine Widersprüche kennt. Die Gestalten, die Propaganda, die Verbrechen der Nationalsozialisten, das reale Grauen schlägt um in schaudernde Faszination. So wird das NS-Deutschland vernebelt und marktgängig in die Jetzt-Zeit transferiert. Die Nazi-Ära verkommt zur beliebig ersetzbaren Chiffre des Bösen – mit einem verhängnisvollen Nebeneffekt: der Verharmlosung. Und diese Verharmlosung braucht ein Gesicht: Hitler. Er ist zur popkulturellen Ikone des Bösen mutiert.

Die verharmlosende Beliebigkeit steht im schroffen Gegensatz zum behördlichen Verfolgungseifer im Kampf gegen jegliche Nazi-Hinterlassenschaft. Hakenkreuz, SS-Rune und Reichskriegsflagge sind verboten. Wer sie öffentlich zur Schau stellt, ruft die Justiz auf den Plan. Hitlers gesammelte Propagandaprosa „Mein Kampf“ wird nicht gedruckt, nicht verkauft. Doch es wird darüber diskutiert, wie zukünftig zu verfahren sei: denn die Rechte an dem Machwerk – bislang beim bayerischen Staat – laufen ab. Ein Verbot des Werks wird diskutiert. Von den Symbolen und Schriften geht demnach noch immer eine Gefahr aus.

Wohin die Versuche der Austreibung von NS-Symbolen führen können, zeigt eine Justizposse aus dem Schwabenland. Dort beschäftigten sich fast zwei Jahre lang Polizisten, Staatsanwälte und Richter mit der Frage, ob ein durchgestrichenes Hakenkreuz gegen das Verbot von NS-Symbolen verstößt. Wohnungen wurden durchsucht, Aufkleber und Transparente beschlagnahmt, Geldstrafen verhängt. Dann entschied der Bundesgerichtshof: Demonstranten dürfen verfremdete Nazi-Symbole verwenden, NPD-Gegner dürfen Hakenkreuze bildlich in die Tonne treten, Punks dürfen sie symbolisch mit dem Stiefel zerquetschen oder mit dem Hammer zertrümmern. Politiker dürfen Hakenkreuze auch in ein rotes Halteverbotsschild integrieren und sich als Button ans Revers heften.

Der dritte Strafsenat des Bundesgerichtshofs konnte darin anders als das Landgericht Stuttgart keine Straftat erkennen, und es sprach deshalb einen Versandhändler auch vom Vorwurf der „Verwendung von Symbolen verfassungswidriger Organisationen“ (§ 86a StGB) frei. Wenn die Symbole „in offenkundiger und eindeutiger Weise“ die Gegnerschaft zum Nationalsozialismus zum Ausdruck brächten, dann dürfe deren Gebrauch nicht kriminalisiert werden, begründete der BGH sein Urteil.

Einerseits der Kult um die Person Hitler, andererseits die rigorose juristische Verfolgung und gesellschaftliche Ächtung von Zurschaustellung jeglicher Form von Nazi-Devotionalien und sonstiger NS-Hinterlassenschaften. Ein sozialpsychologischer Zwiespalt oder eine realpolitische Groteske?

Tatsache ist: Hitler-Vergleiche sind zwar weiterhin kontaminiert (freilich als gezielter Tabubruch durchaus marketingkompatibel, siehe Eva Herman und Thilo Sarrazin) – doch nicht mehr der große Grenzübertritt, der sie in den ersten Jahrzehnten nach dem Krieg waren.

Hitler dient als Projektionsfläche für die vermeintlich dunklen Charakteristika seiner Persönlichkeit, eingedampft auf „das Böse“. Und das Böse ist faszinierend und bedrohlich zugleich. Wir wollen nichts mit ihm zu tun haben und können uns doch nicht davon abwenden. Wir wünschen es aus unserer Welt und benötigen doch seine Anwesenheit.

So passt es in die Dramaturgie, dass pünktlich zum Neujahrs-Feuerwerk, am 31. Dezember das Urheberrecht für „Mein Kampf“ erlischt. Zwar ist Hitlers Text schon heute im Internet auffindbar, aber im neuen Jahr kann jeder mit der Hetzschrift machen, was er möchte. Der gesamte Text, 70 Jahre nach dem Todestag des Autors, wird „gemeinfrei“. Kommt nun Herr Hitler nach dem Kino-Kassenfüller auch als Bestseller-Autor zurück?

Der Autor ist Medienberater. Er hat eine Vielzahl von Büchern publiziert, zuletzt die Neuauflage „Fremde Feinde – Der Justizfall Sacco & Vanzetti“ (Nomen Verlag).

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