Kulisse mit Strohhütte und Lagerfeuer

Zwei Sammelbände dokumentieren die Geschichte der Schwarzen in Deutschland

Von ANKE SCHWARZER

Die Geschichte der Schwarzen im Deutschland des 20. Jahrhunderts, insbesondere in der Zeit des Nationalsozialismus, ist die wenig beachtete Geschichte der (Rassen-)Konstruktion und ihrer Folgen. Aus den Diplomaten, Künstlerinnen, Sprachenlehrern, Kaufmännern, Seeleuten, Ärzten und Militärmusikern, die aus früheren deutschen Kolonien, aus den USA oder anderen Ländern nach Deutschland eingewandert oder hier geboren waren, schuf man "Neger".

Ganz eindrücklich zeigte sich dies in der "Deutschen Afrika-Schau": Schwarze wie der US-Amerikaner Clarence Walton oder der aus Daressalam stammende Bayoume Mohammed Husen tauschten ihre Anzüge gegen afrikanische Gewänder, trommelten und tanzten vor Kulissen mit Strohhütten und Lagerfeuer. 1936 war die Schau ein Organ der NS-Kolonialpropaganda und verwandelte sich dann in ein wanderndes Lager, das die in Deutschland lebenden Schwarzen konzentrieren und sie (insbesondere ihre Sexualität) kontrollieren sollte.

Peter Martin und Christine Alonzo zeichnen in dem reich illustrierten Buch Zwischen Charleston und Stechschritt. Schwarze im Nationalsozialismus, dem Begleitband zu einer Ausstellung aus dem Jahr 2002, eindrucksvoll die Strategien nach, die angewendet wurden, um aus Individuen das Bild eines Kollektivs, einer "Rasse" mit standardisierten Eigenschaften zu formen. Zahlreiche Fotos, Briefwechsel, Behördenerlasse und Aktennotizen machen das Buch zu einem umfangreichen Grundlagenwerk. Es untermauert und ergänzt die (Auto-)Biographien, die in den vergangenen Jahren zum Thema erschienen sind, etwa Hans-Jürgen Massaquois Neger, Neger, Schornsteinfeger oder Michéle Maillets Schwarzer Stern.

"Keine Schwarzen in Deutschland"

2500 bis 3000 Schwarze lebten Schätzungen zufolge in den Jahren kurz vor und während des Nationalsozialismus in Deutschland, drei Viertel davon waren Kinder. Im besetzten Rheinland der Weimarer Republik waren überdies 45 000 französische Soldaten afrikanischer Herkunft stationiert. Am Ende des Zweiten Weltkrieges hatten die Nationalsozialisten mehrere zehntausend Kriegsteilnehmer afrikanischer Herkunft gefangen genommen, darunter den späteren Präsidenten Senegals, Léopold Sédar Sengor, der mit den Tirailleurs Sénégalais auf der Seite Frankreichs gekämpft hatte. Eine systematisch betriebene Politik der Nationalsozialisten gegenüber Schwarzen habe es nicht gegeben, gleichwohl hätten die "Rassegesetze" das Leben zahlreicher Schwarzer erschwert, schreiben die beiden Herausgeber. Auch Zwangssterilisationen und tropenmedizinische Menschenversuche wurden durchgeführt. Das Buch dokumentiert darüber hinaus einen Brief des Oberkommandos der Wehrmacht von 1941, in dem die Rede von einem Führerbefehl ist, wonach "im Prinzip keine Schwarzen auf deutschem Boden verbleiben und die wenigen für Sonderzwecke genehmigten Farbigen unter keinen Umständen mit dem zivilen Leben in Berührung kommen sollen". Martin erwähnt zudem Befehle einzelner SS-Offiziere, Schwarze bei der Gefangennahme sofort zu erschießen.

Bemerkenswert sind die verschiedenen Reaktionen von Schwarzen auf die widrigen Umstände und die Gewalt der Nationalsozialisten. Die Herausgeber dokumentieren Briefwechsel mit den Behörden, stellen Initiativen wie die "Liga zur Verteidigung der Negerrasse e.V." vor und zeigen Soldatenfotos wie das von Mandenga Ngando, der 1940 als Soldat bei der Wehrmacht war.

Zu kurz kommen leider die Stimmen der Überlebenden, etwa von Gert Schramm, der als Junge ins KZ Buchenwald gebracht wurde und darüber auf Video in der Ausstellung berichtet hatte. Das wichtige Kapitel "Menschen im KZ", das den raren Hinweisen auf Schwarze in Konzentrationslagern nachspürt, erwähnt ihn nur. Auch zusammenfassende Beurteilungen zum Stand der Forschung fehlen hier, etwa eine Schätzung, wie viele Schwarze in Konzentrationslager deportiert wurden.

Der weniger umfangreiche Tagungsband AfrikanerInnen in Deutschland und schwarze Deutsche. Geschichte und Gegenwart widmet sich der Situation von Schwarzen in der Weimarer Republik, im Nationalsozialismus sowie in der BRD und der DDR.

Mythos vom treuen Askari

Der Titel des Buches erscheint etwas zu hochtrabend, da viele Beiträge eher Einzelaspekte beleuchten, etwa den "Kolonialen Farm-Alltag in Deutsch-Südwest" oder den Begriff der Diaspora. Die 17 Texte sind für sich genommen aber sehr interessant und beruhen größtenteils auf neuen Forschungsergebnissen junger Wissenschaftler.

Erwähnenswert ist Stefanie Michels Analyse des Mythos vom treuen Askari (so hießen afrikanische Söldner in der deutschen "Schutztruppe"). Besonders eindringlich der Beitrag von Fatima El-Tayeb ("Blut, Nation und multikulturelle Gesellschaft"), die den Diskurs um Blutsverwandtschaft und Abstammung im Deutschen Reich zum Thema hat und damit auch auf eine Aktualität verweist, wonach die Gleichzeitigkeit von "schwarz" und "deutsch" für viele hier zu Lande noch immer nicht zu denken ist.

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